In Libyen brodelt es nicht mehr, sondern es brennt: Drohnenangriffe in az-Zawiya setzen Treibstofftanks in Brand / Militärgeheimdienstchef in Bengasi durch Autobombe getötet / Nadschi Issa tritt als Chef der Libyschen Zentralbank zurück /  Bemühungen um eine „Ein-Libyen-Politik“ –Türkischer Außenminister in Tripolis, Bengasi und Kairo / Wirtschaft im freien Fall / Finanzielle Lage untragbar / NOC-Schulden aus den Jahren 2024 und 2025 betragen 25 Milliarden Dinar / Korruption und Misswirtschaft im Bereich Kraftstoffe beispiellos / Libyen Haupttransportweg für Kokainschmuggel / Europa will Libyen als Drittland in ein Zentrum für die Abschiebung von afrikanischen Migranten umwandeln

 

+ GelaNews: Drohnenangriffe auf Ölanlagen, Sabotageakte, ein Mord und ein Rücktritt erschüttern Libyen. Bei mehreren Angriffen auf das Ölkombinat von az-Zawiya werden Benzintanks getroffen. Sabotageakte in Umspannwerk sorgten für Blackout in Bengasi und schränkten Telekommunikation im westlichen Libyen ein. Der Pakt zwischen dem Tripolis-Premierminister Abdul Hamid Dabaiba und den nicht mehr zu kontrollierenden Milizen fordert seinen Preis. Dabaiba wird außerdem vorgeworfen, Ukrainer und ihre Drohnen nach Westlibyen geholt zu haben.
Schlagzeilen machten auch die Ermordung des Militärgeheimdienstchefs Fawzi al-Mansuri in Bengasi und der Rücktritt des Chefs der Libyschen Zentralbank, Nadschi Issa.

Az-Zawiya und Surman

+ Machmud asch-Schausch (Menschenrechtsaktivist): 1200 Gefangene, die während der Kämpfe in Surman aus dem Gefängnis geflohen sind, befinden sich immer noch in Freiheit. Die meisten von ihnen seien wegen schwerer Delikte zum Tode verurteilt. Dies stelle eine ernsthafte Gefahr für die westliche Region dar, auch angesichts der Verbreitung von Waffen.
Die Justizpolizei sei aufgrund von Milizen und Sicherheitslücken nicht in der Lage gewesen, die Gefangenen vor den Kämpfen an die Staatsanwaltschaften zu überstellen.

+ Zawiya-Erdölraffinerie: Eine Drohne traf am 7. August in der Zawiya-Raffinerie (etwa 40 Kilometer westlich von Tripolis) einen Öltank, was zu einem Leck führte. Mitarbeiter konnten die Situation schnell unter Kontrolle bringen. Es entstand kein Feuer und es wurden auch keine Mitarbeiter verletzt.

+ Mitglieder des Gemeinderats az-Zawiya forderten eine Untersuchung des Drohnenangriffs auf die Raffinerie az-Zawiya, um den Schuldigen zu ermitteln und die Beteiligten zur Rechenschaft zu ziehen.
Die Raffinerie sowie die Ölanlagen und Einrichtungen im Einzugsgebiet der Gemeinde az-Zawiya müssten geschützt werden.

+ Die Sicherheitsdirektion von Surman gab am 8. August bekannt, dass die Küstenstraße wieder vollständig geöffnet ist und der Verkehr in beide Richtungen normal fließt.

+ Die UN-Mission verurteilte erst nach sieben Tagen die Zusammenstöße, die in Zawiya und Surman stattfanden. Sie forderte, die Verantwortlichen für den Schaden an der Zawiya-Raffinerie zur Rechenschaft zu ziehen.
Der Einsatz schwerer Waffen oder die Errichtung von Militärstellungen in Wohngebieten und die Schädigung von Zivilisten seien inakzeptabel.

+ LibyaPress: Der junge Taher Mokhtar Nasrat starb an den Folgen seiner Verletzungen, die er sich vor einer Woche bei der Explosion eines Sprengsatzes in az-Zawiya zugezogen hatte.

Stellungnahmen zu az-Zawiya und Surman

+ Fawzi al-Nuwairi,(Parlamentarier/Stellvertreter von Agila Saleh) verurteilte die Ereignisse in Surman ebenso wie das Schweigen der UN-Mission: „Ich habe darauf gewartet, dass die zuständigen Institutionen ihrer Verantwortung nachkommen und eine Stellungnahme abgeben, die dem Ausmaß und der Schwere des Vorfalls gerecht wird und ihre Solidarität mit der Zivilbevölkerung ausdrückt sowie deren Recht auf Sicherheit und Frieden bekräftigt.“
Die Geschehnisse forderten vom Präsidialrat eine klare Haltung und wirksame Maßnahmen, die seiner Verantwortung für den Schutz der Bürger und die Wahrung der öffentlichen Sicherheit gerecht werden.

+ Ali as-Sibaai (Parlamentarier): Ich verurteile das Schweigen des Präsidialrats, der Dabaiba-‚Regierung‘ und der UN-Mission angesichts der Ereignisse, die die Stadt Surman erleben musste.

+ Hischam al-Harati (Jurist): Die meisten Milizen, die in az-Zawiya gegeneinander kämpfen, beanspruchen eine angebliche Legitimität, befinden sich jedoch außerhalb der staatlichen Kontrolle, was dadurch belegt wird, dass sie keinerlei Befehle zur Einstellung der Kämpfe um Macht und Ressourcen befolgen.
Die Unfähigkeit des Staates, die Anführer dieser Gruppierungen zur Rechenschaft zu ziehen, fördere die Straflosigkeit und ermutige zur Wiederholung; manche Milizenführer prahlten ganz offen mit der Kontrolle über Einflussgebiete und die gemachte Beute.
Die Milizen müssten aufgelöst und ihre Mitglieder eingegliedert werden.

 + Tarek Lamlum (Menschenrechtsaktivist): Wegen der Spaltung in Libyen und dem Fehlen einer einheitlichen Sicherheits- und Militärinstitution werden Milizenführer kaum einmal juristisch zur Rechenschaft gezogen. Die Bevölkerung in az-Zawiya habe sich an die Wiederholung des absurden Konflikts gewöhnt.
Es gebe interne Stimmen, die die Zusammenarbeit mit internationalen Instanzen ablehnen, und es vorziehen, die Angelegenheit dem nationalen Gericht vorzubehalten, obwohl alle wüssten, dass die lokalen Justizbehörden angesichts der Vorherrschaft der Waffen nicht in der Lage seien, zur Wahrheit vorzudringen oder Zeugen zu schützen.

+ Mohammed Schaaban al-Mardas (ehemaliger Botschafter): Az-Zawiya leidet seit 15 Jahren unter einem blutigen Konflikt, der sich von Tag zu Tag verschärft.
Die Stadt habe genug von den verfeindeten Milizen. Die Lage und das Fortbestehen der Milizen stellten eine unhaltbare Situation dar.
Die libysche Bevölkerung im Westen fordere die Vereinigung der Armee und die Lösung des Milizenproblems.

+ Arabi 21 (Katar): Drogenkriminalität, Menschenhandel und Kraftstoffschmuggel haben Teile der Westküste zu Schauplätzen illegaler Aktivitäten gemacht. Trotzdem habe keine Miliz das Recht, selbst zu bestimmen, wer ein Krimineller ist, um anschließend über den Zeitpunkt der Razzia, die Stärke der Einsatzkräfte und den Umfang der Operation zu entscheiden.
Die verschiedenen Regierungen hätten es nicht nur versäumt, diese Milizen unter Kontrolle zu bringen, sondern sie auch finanziell unterstützt, ihnen einen offiziellen Status verliehen und sie innerhalb der staatlichen Institutionen eingesetzt.

+ As-Senussi Ismail (Staatsrats): Die Regierung ist unfähig, diese Milizen zu bändigen.
Die Kämpfe ließen das Schlimmste befürchten, da die westliche Region sich fast vollständig der Kontrolle der Regierung entzogen habe.

Strom, Gas und Telekommunikation

+ Massud al-Mudir, Bürgermeister von al-Kufra: Seitdem gestern (11.08.) das Gaskraftwerk ausgefallen ist, leidet die Stadt unter Stromausfällen.

+ Libysche Telefongesellschaft: Das Hauptverteilungszentrum im westlichen Gebiet fiel am 12. August einem Sabotageakt und einem Brand zum Opfer, der zu erheblichen Schäden und Ausfällen in den Kommunikationsdiensten führte.
Die Reparatur- und Wartungsarbeiten seien noch im Gange.

Ziviler Widerstand / Demonstrationen / Proteste

+ Am 7. August fand in Misrata unter dem Motto Freitag des Zorns eine Demonstration statt. Der Widerstand gegen jegliche Versuche zur Verlängerung der bestehenden politischen Institutionen wurde bekräftigt und ein klarer politischer Weg gefordert, der mit einem strikten und verbindlichen Zeitplan einhergeht und zu Präsidentschafts- und Parlamentswahlen führt.
Das Land leide unter der Auflösung der Lebensgrundlagen und dem katastrophalen Verfall der Grundversorgung. Jeder solle zur Rechenschaft gezogen werden, der das Land in diesen Abgrund geführt hat.
Alle exekutiven und legislativen Institutionen hätten ihre moralische und politische Legitimität verloren, nachdem sie darin versagt haben, die mindesten Voraussetzungen für ein anständiges Leben der Menschen bereitzustellen.
Die Generalstaatsanwaltschaft und alle zuständigen Aufsichts- und Rechnungshofbehörden seien aufgefordert, alle Korruptionsfälle umfassend und transparent zu untersuchen.
Die UN-Mission und die internationale Gemeinschaft seien aufgefordert, die Unterstützung fragiler politischer Arrangements zu stoppen, die die Übergangsphasen unnötig verlängern und nichts anderes bewirken, als politische Institutionen zu zementieren.
„Wir fordern einen klaren politischen und konstitutionellen Weg, der mit einem strikten und verbindlichen Zeitplan einhergeht und letztendlich zu freien, ehrlichen und transparenten Präsidentschafts- und Parlamentswahlen führt, die den nationalen Willen respektieren.“

+ LibyaPress: Am 7. August blockierten Demonstranten die Küstenstraße im Stadtteil Dahman in Sabrata aus Protest gegen Stromausfälle, ungerecht verteilte Lastabwürfe und die sich verschlechternden Lebensbedingungen.

+ Die Einwohner von Sabrata drohten mit zivilen Ungehorsam und der Sperrung der Stadtzufahren, falls die Probleme nicht behoben werden.

+ Gemeinde Surman: Während einer Demonstration in Sabrata wurden die administrativen Grenzen zu Surman geschlossen. Diese Schließung habe nicht dem öffentlichen Interesse gedient.

+ LibyaPress: Die Küstenstraße im Dahman-Gebiet von Sabrata blieb am 8. August weiterhin gesperrt, da die Bürger gegen Stromausfälle, ungerechte Lastabwürfe und die sich verschlechternden Lebensbedingungen protestierten.

+ Die Einwohner des Stadtbezirks Gasr Achmed gaben am 9. August die Schließung des Sitzes der Gemeindeverwaltung aus Protest gegen die mangelhafte Versorgung mit grundlegenden Dienstleistungen bekannt. Insbesondere litten die Bewohner unter Wohnungsproblemen und Wassermangel.
Es müsse ein neuer Gemeindevorstand gewählt werden, der in der Lage ist, die Anliegen der Anwohner zu vertreten und ihre Rechte zu verteidigen.

+ Gemeinde Gasr_al-Akhaiyar: Die Gemeindeverwaltung wurde von Bewohnern geschlossen, da der Gemeindevorsteher Abdulrahman Khalifa und seine Mitarbeiter von einer „übermächtigen Kraftbedroht wurden.

+ Am 8. August äußerten Einwohner von Ubari (südliches Libyen) ihren Zorn wegen des Zusammenbruchs des Stromnetzes, was zu einer vollständigen Lähmung des öffentlichen Lebens in der Gemeinde führte. Gefährdet seien der Betrieb der Krankenhäuser und Gesundheitszentren, der Brunnen sowie alle dienstlichen und zivilen Bereiche.
„Wir appellieren an alle, Verantwortung gegenüber der Region und ihren Bewohnern zu zeigen.“

+ In der Nacht zum 13. August versammelten sich Demonstranten vor dem Kraftwerk Nr. 400 in al-Chums, um angesichts der Stromausfälle und der sich verschlechternden Lage den Sturz der Dabaiba-‚Regierung‘ zu fordern.

Militär/Milizen/Gewalt

+ LibyaPress: Der Leiter des militärischen Nachrichtendienstes im östlichen Libyen, Fawzi al-Mansuri, wurde am Abend des 10. August beim Verlassen einer Moschee in Bengasi durch die Explosion einer Autobombe getötet. Zu dem Anschlag bekannte sich niemand.

+ Nationale Menschenrechtsorganisation: Mohammed Khaled asch-Schater al-Kaddas wurde am 7. August in der Gemeinde al-Adschilat erschossen.

+ Internationale Kommission für Gerechtigkeit und Menschenrechte: Yasser as-Saifawi starb an den Folgen von Folter. Er war in Dschanzur aus einer Demonstration heraus von Sicherheitskräften (Kommando Abdullah at-Trabelsi/Bruder des Innenministers Imad at-Trabelsi) verhaftet und in dessen Einrichtung gebracht worden.
Stunden nach seiner Verhaftung wurde seine Familie telefonisch aufgefordert, seinen Leichnam abzuholen, der Spuren von Folter aufwies. Die Obduktion ergab, dass starke Blutungen die Todesursache waren.
Es müsse sichergestellt werden, dass die Verantwortlichen nicht straffrei ausgehen.

+ Generalstaatsanwaltschaft: Ein Mitglied des Allgemeinen Sicherheitsdienstes (Kommando Abdullah at-Trabelsi) wurde wegen Folter, die zum Tod von Yasser as-Saifawi führte, inhaftiert. Die übrigen an dem Vorfall Beteiligten sollen noch festgenommen werden.

+ Rat der Honoratioren Tripolis-Zentrum: Es vergeht in Tripolis kein Tag ohne bewaffneten Raubüberfall oder andere Überfälle. Außerdem wurde der Bürger Jassir Saif al-Islam in einer angeblich dem Innenministerium unterstellten Sicherheitsbehörde zu Tode gefoltert.
Trotz des großen Budgets, das dem Innenministerium und seinem Apparat zugewiesen wird, deute die zunehmende Verbrechensrate auf die Nachlässigkeit des Ministeriums in der Erfüllung seiner wichtigsten Pflicht hin, nämlich den Schutz von Leben und Eigentum seiner Bürger.
„Wir fordern unseren Gemeinderat auf, sich gemeinsam mit den verantwortlichen Stellen und den zivilen Bevölkerungsteilen innerhalb der Gemeinde nachdrücklich dafür einzusetzen, den Verfall der Sicherheitslage in Tripolis prioritär zu behandeln.“

+ Der Sozialrat Tripolis-Zentrum verurteilte den Anstieg bewaffneter Raubüberfälle der letzten Tage in den Vierteln und Märkten der Stadt.
Es sei unerlässlich, sofort Patrouillen und Sicherheitskräfte in den Gassen und Märkten der Stadt zu stationieren, um den Schutz der Bürger zu gewährleisten.

+ Rased (Menschenrechtsplattform): In al-Bayda wurde das Kind Omar Yussef Omar Guraitin durch Beamte der Kriminalpolizei und den leitenden Ermittlungsbeamten körperlicher und psychischer Folter ausgesetzt.

+ Gefangene des 17. Februar in Zintan: Wir setzen der Regierung eine Frist zur Umsetzung der bisherigen Zusagen hinsichtlich der Gewährung aller Rechte der Gefangenen des 17. Februar; sollte keine Reaktion erfolgen, werden wir alle notwendigen Schritte zur Eskalation unternehmen.
„Wir sagen all jenen, die in ihren luxuriösen Büros sitzen und in gepanzerten Autos fahren: Ihr werdet diese Privilegien nicht mehr lange genießen können.“

+ LibyaPress: In der Marine-Akademie kam es am 9. August während der Feierlichkeiten zum Jahrestag der Gründung der „libyschen Armee“ zu einer bewaffneten Auseinandersetzung zwischen Mitgliedern des 19. Brigadekorps und Mitgliedern des Sicherheitsdienstes der Akademie.
Die Auseinandersetzung eskalierte bis zum Einsatz von Waffen, bevor eine Einheit den Konflikt schlichten und die Lage unter Kontrolle bringen konnte.

Saif al-Islam Gaddafi / Dschamahiriya

+ Amin Jawuda, Mitarbeiter am Man-Made-River: „Wir hatten unseren Anteil an Glück während der Gaddafi-Zeit. Heute sind wir alt und das Leben erschöpft uns. Unsere Gehälter sind überfälligwovon sollen wir leben?! Seit 16 Jahren leiden wir. Wir möchten am liebsten sterben, denn wir können unsere Kinder nicht ernähren.
Wo sind die Menschenrechte geblieben?! Wir wollen verantwortungsvolle Menschen, die sich um uns kümmern. Wir sind alt geworden und es gibt keinen Staat mehr, in dem man leben kann.
Es gibt bei uns Arbeiter mit einer Krebserkrankung, die um ihre Behandlung betteln müssen. Es gibt weder ein Recht auf Medikamente noch auf Behandlung. Um ihre Behandlung bezahlen zu können, mussten sie ihre Autos und Häuser verkaufen.“

+ Business Insider Africa: Die Erklärung des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama, dass er den Sturz des Regimes von Oberst Muammar al-Gaddafi bereue und sie „der schlimmste Fehler war, den er begangen hat“, hallt immer noch in ganz Nordafrika wider.
Die Staaten haben ihre Lektion aus dem Zusammenbruch Libyens durch die NATO gelernt, was sie dazu veranlasst hat, mehr als 320 Milliarden US-Dollar auszugeben, um ihre Armeen zu stärken. Der Fall eines der reichsten und am stärksten bewaffneten afrikanischen Staaten diente als starke Warnung für Regierungen in ganz Nordafrika.
Regionale Sicherheitsbedenken und die Instabilität in Libyen hätten Algerien, Marokko, Ägypten und andere dazu getrieben, viel Geld in moderne Waffen zu investieren, was zu einer Vertiefung von Rivalitäten und militärischen Allianzen führte.
Der IWF schätzte 2010 das libysche Wirtschaftswachstum auf etwa 10 Prozent und das nicht-ölabhängiges Wachstum auf rund 7 Prozent. Libyen verzeichnete einen Leistungsbilanzüberschuss von etwa 20 Prozent des BIP, während die ausländischen Vermögenswerte der Zentralbank und der Investitionsbehörde etwa 150 Milliarden US-Dollar betrugen. Der IWF beschrieb damals die makroökonomische Leistung Libyens als stark und seine Prognosen als günstig.
Nach 15 Jahren sank 2025 – trotz der größten Rohölreserven in Afrika – der Pro-Kopf-Anteil am BIP 2025 auf etwa 6.449 US-Dollar. Das BIP Libyens fiel weit hinter die von Ägypten, Algerien und Marokko zurück. Das Haushaltsdefizit erreichte 2025 etwa 30 Prozent des BIP, die Staatsverschuldung stieg auf 146 Prozent des BIP, neben Inflation und zunehmendem Druck auf die Geldreserven.
Die Auswirkungen Libyens machten Nordafrika zu der am stärksten bewaffneten Region des Kontinents.

+ Premium Times (Nigeria): Libyen und Nigeria leisteten erhebliche logistische und materielle Unterstützung bei der Beendigung des Rassismus in Südafrika.
Ohne die Unterstützung von Libyen, Nigeria, Kuba, der Sowjetunion und den nordischen Ländern sowie den afrikanischen Frontstaaten wie Tansania, Sambia, Angola, Mosambik und Simbabwe wäre die Herrschaft der weißen Minderheit und der Rassismus in Südafrika nicht besiegt worden.

Lockerbie

+ IntelToday. „Einige sogenannte ‚Lockerbie-Experten‘ – einschließlich ehemaliger FBI-Beamter – haben die jüngst gefundenen DNA-Beweise als einen großen forensischen Durchbruch gefeiert. In Wirklichkeit ist es nichts dergleichen. Im CIA-Sprachgebrauch ist dieser Fall gerade sehr schnell von SNAFU [Situation Normal, All Fucked Up/in etwa: Lage normal, alles am Arsch] zu einem ausgewachsenen FUBAR [Fucked up beyond all recognition/in etwa: Völlig am Arsch] geworden.“

+ AlWasat: Ein Richter erlaubte das angebliche Geständnis von Abu Adschila Massud al-Marimi, der des Lockerbie-Bombenanschlags 1988 beschuldigt wurde, als Beweismittel in seinem Prozess in den USA zuzulassen, obwohl seine Anwälte den Ausschluss forderten, und mitteilten, dass der libysche Ermittler ein Lügner sei und das Geständnis unter Zwang erpresst wurde.
Al-Marimis angebliches Geständnis wurde erstmals von den USA im Jahr 2020 bekanntgemacht, als al-Marimi dort wegen des Bombenanschlags angeklagt wurde. Es hieß, er habe freiwillig seine Beteiligung gestanden, als er 2012 von einem Polizisten in einer libyschen Haftanstalt befragt wurde.
Der Prozess gegen al-Massud al-Marimi soll Ende des Monats in den USA beginnen.

+ Mustafa al-Fituri (Autor): Der Richter im Fall al-Marimi hat ein angebliches Geständnis als zulässig anerkannt, das angeblich al-Marimi gegenüber einem libyschen Ermittler in Misrata abgelegt hat, dessen Vorname Dschamal lautet. Die Geschworenen scheinen keine Ahnung zu haben, dass in Libyen Chaos und Verwirrung herrschen, und dort niemand mehr die Wahrheit sagt.

+ BBC: US-Richter lässt die Verwendung des angeblichen Geständnisses von Abu Agila Massud al-Marimi bezüglich des Lockerbie-Anschlags zu, obwohl Marimis Anwälte erklärten, dass das Geständnis unter Zwang erpresst wurde.
Abu Agila Massud al-Marimi bestreitet, die Bombe hergestellt und gezündet zu haben, die am 21. Dezember 1988 den Pan-Am-Flug 103 zum Absturz brachte.
Nach Angaben des Beamten, der al-Massud al-Marimi 2012 verhörte, gab Marimi zu, er habe die in einem Koffer versteckte Bombe von Libyen nach Malta transportiert, und sich dort mit zwei Komplizen getroffen. Einer davon sei Abdelbaset al-Megrahi gewesen, der vor 25 Jahren im ersten Prozess wegen seiner zentralen Rolle im Fall Lockerbie verurteilt worden war, [später begnadigt wurde und inzwischen verstorben ist. Er beteuerte bis zu seinem Tod seine Unschuld.] Die zweite Person, Amin Fhimah, wurde im gleichen Prozess freigesprochen.
Im Jahr 2015 habe der Beamte das Geständnis, das er privat aufbewahrt haben will, der libyschen Generalstaatsanwaltschaft übergeben, die wiederum zwei Jahre später eine Kopie des Geständnisses an die Staatsanwaltschaft in Schottland weiterleitete, die diese anschließend an die USA übergab.
Als Richter Friedrich die US-Regierung anwies, das handschriftliche Originaldokument und eine Kopie davon zu beschaffen, wurde ihm mitgeteilt, dass die Behörden in Tripolis diese nicht ausfindig machen konnten.
Der über 70-jährige Massud befindet sich nach seiner Auslieferung durch Libyen seit 2022 in US-Gefangenschaft. Er erklärte sich für nicht schuldig.
Siehe auch: https://gela-news.de/doppelter-verrat-abu-agila-al-massud-an-usa-ausgeliefert

Der libysche Süden

+ Die Fessan-Frauenorganisation appellierte an Mohammed Wardko, Leiter des Operationszentrale zur Befreiung des Südens, die in Grandiga und Dschebel al-Hasawna Inhaftierten freizulassen.
Sie dürften nicht in einem Machtkampf hineingezogen werden, denn sie hätten im Rahmen ihrer Aufgaben für den Schutz der Grenzen des Fessan gesorgt.
Diese jungen Männer gehörten angesehenen Stämme des Fessan und mit ihren Traditionen derselben Bevölkerungsgruppe an, wie diejenigen, die sie gefangen halten.
„Die Inhaftierung unserer Söhne, die nichts verbrochen haben außer der Erfüllung ihrer Pflicht, ist eine offene Wunde in jeder Familie des Fessan. Diese jungen Männer müssen an ihre Arbeitsplätze zurückkehren, um ihre Familien zu versorgen und zu schützen.“

+ Die Operationszentrale zur Befreiung des Südens gab am 8. August bekannt, dass sie einen Angriff auf eine Stellung der al-Karama-Kräfte (Haftar) in der Nähe des Grenzübergangs at-Thum durchgeführt hat.
Es sei die gesamte Stellung samt Ausrüstung und Personal eingenommen worden.

Ausländische Besatzung

+ Das 3plus3-Gemeinsame Militärkomitee hielt am 6. August in Sirte mit Vertreter des Africa Command (AFRICOM) und des italienischen Militärs ein Sitzung ab. Das Treffen habe im Rahmen der Bemühungen und Vorbereitungen für die Flintlock-Übung 2027 stattgefunden.

+ Anadolu (Türkei): Außenminister Hakan Fidan unternimmt eine zweitägige offizielle Reise nach Libyen, während der er Tripolis und Bengasi besucht.
Die Reise befasse sich mit der Stärkung der türkisch-libyschen Beziehungen auf Basis historischer brüderlicher Bande zum gegenseitigen Nutzen in verschiedenen Bereichen.
Fidan tauschte sich über die Sichtweise zur aktuellen Entwicklung im politischen Prozess aus, betonte die Bedeutung der Stabilität in Libyen. Das türkische Augenmerk liege auf den us-amerikanischen Initiativen sowie auf dem politischen Prozesses der Vereinten Nationen.
Ankara wolle den Dialog mit den libyschen Verantwortlichen intensivieren, ohne einen Unterschied zwischen dem Westen, Osten und Süden des Landes zu machen, sowie die Bedeutung der Rechte und Interessen beider Länder im östlichen Mittelmeer betonen.
Die Türkei habe den Wunsch, die bestehende Zusammenarbeit im Energiesektor auf Basis gegenseitiger Vorteile weiterzuentwickeln und neue Projekte umzusetzen. ـ
Fidan wies darauf hin, dass die Fortsetzung der Aktivitäten türkischer Unternehmen, die in Libyen – insbesondere im Baugewerbe – bemerkenswert präsent sind, auf nachhaltige Weise dazu beitragen werde, die wirtschaftliche und handelsrechtliche Zusammenarbeit zu vertiefen.

+ TheGeopoliticalDesk: Heute ist der türkische Außenminister Hakan Fidan in Bengasi, wo er Khalifa Haftar trifft, nachdem er in Tripolis Gespräche führte – im Sinne einer „Ein-Libyen“-Politik.
Vorher sei die zentrale Frage gewesen, ob die Türkei weiterhin die Instabilität in Tripolis managen würde oder erkennen würde, dass ihre langfristigen Interessen zunehmend im Osten liegen könnten. Heute sitze Fidan in Bengasi mit Haftar an einem Tisch.

+ TheGeopolDesk: Die Türkei steht nun im Mittelpunkt der diplomatischen Bemühungen, die beiden Regierungen in Libyen zu vereinen. Der türkische Außenminister Hakan Fidan wird nach Abschluss seiner Treffen in Bengasi nach Kairo weiterreisen.

+ TheGeopolDesk: Die Türkei agiert zunehmend als pragmatische Mittelmacht, die Washington, Moskau, Europa und den Golf ausbalanciert, anstatt offen eine regionale Dominanz anzustreben.
Ankaras Einfluss in Tripolis bleibe erheblich, aber die Beziehung sei zunehmend transaktional geworden. Gleichzeitig drängten die türkische Rüstungsindustrie, wirtschaftliche Interessen und die regionale Strategie die Türkei zu Beziehungen mit Akteuren, die sie einst als Gegner betrachtete. Das erkläre das wachsende Engagement gegenüber dem Haftar-Lager.
Der türkische Präsident bleibe einer der wenigen Staats- und Regierungschefs, die in der gleichen Woche Anrufe aus Moskau, Kiew, Teheran, Brüssel und Washington entgegennehmen könne, ohne die anderen als disqualifiziert zu behandeln.

+ GeopoliticalDesk: Drei Jahre nach dem Aufstand der Wagner-Gruppe und dem Tod von Jewgeni Prigoschin sind russische Söldner zu ihrer ursprünglichen Mission zurückgekehrt: die Ausweitung des Einflusses des Kremls in ganz Afrika. Der Unterschied liege in der Kontrolle. Die halbautonome Struktur von Wagner sei durch das Africa Corps ersetzt worden, eine staatlich geführte Expeditionsstreitmacht, die direkt dem russischen Verteidigungsministerium und dem militärischen Nachrichtendienst unterstellt ist.
In Libyen betreibe es eine logistisches Zentrale, das russische Einsätze weiter südlich unterstützt. In der Zentralafrikanischen Republik schütze es die Regierung, während es den Zugang zu Gold, Diamanten und Holz sichert. In Mali stütze es die Junta und kontrolliere strategische Positionen, trotz zunehmender Verluste und Rückschläge auf dem Schlachtfeld. Die Operationen dehnten sich nun auf Niger, Burkina Faso, Äquatorialguinea und Madagaskar aus. Das Modell Wagner habe überlebt. Es sei nun zentralisierter, stärker rechenschaftspflichtig gegenüber Moskau und zunehmend in den Kontinent eingebettet.

+ African Defense Forum (Hrsg. AFRICOM): Russische Söldner bauen die Infrastruktur an sechs Stützpunkten, die für den Transport von Personal und Ausrüstung in Konfliktgebiete genutzt werden, aus; es handelt sich um die Stützpunkte al-Dschufra, al-Khadim, al-Gardabiya, Brak asch-Schati, Matan as-Sara und Tamnahent.
Diese Luftwaffenstützpunkte verfügten über umfangreiche militärische Ausrüstung, darunter Luftabwehrsysteme, MiG-29-Kampfflugzeuge und Drohnen.
Die russische Militärpräsenz in Libyen behindere den fragilen Prozess der Vereinigung von Ost und West in Libyen, indem sie die Bemühungen zur Vertreibung ausländischer Truppen und Söldner untergrabe.

Analysen

+ LibyaDesk: Libyen hat eine der schwierigsten Wochen seit Jahren hinter sich, in der der Druck gleichzeitig in der Wirtschaft, im Sicherheitsbereich und in der politischen Landschaft zugenommen hat.
Wirtschaft: Zentralbankchef Nadschi Issa trat nach zweijähriger Amtszeit zurück, nachdem die finanzielle Lage des Landes untragbar wurde. Er scheint damit die politischen Akteure zwingen zu wollen, die Finanzreformen zu beschleunigen und sich auf einen einheitlichen Haushalt zu einigen. Der Dinar sei im Abrutschen und die Wirtschaft befinde sich im freien Fall.
Der Anstieg des Ölpreises durch den Iran-Krieg habe allein zu einer noch lockereren Ausgabenpolitik geführt. Es gebe Stromausfälle und eine Treibstoffknappheit.
In Zawiya hätten Jahre der Instabilität erneut in Gewalt gemündet. Zusammenstöße zwischen rivalisierenden Milizen unter der Führung von al-Bahrun (alias al-Far) und al-Lahib seien von Drohnenangriffen begleitet, die die Raffinerie in Zawiya ins Visier nahmen. Sollten die Angriffe anhalten, würde dies die Gasknappheit in Libyen verschärfen und letztlich sogar die Schließung des asch-Scharara-Ölfelds erzwingen. Es bestehe der Verdacht, dass Akteure außerhalb von Zawiya die Stadt in einen tieferen Konflikt hineinziehen wollen – möglicherweise, um die Rechtfertigung für eine größere Operation in Zawiya zu schaffen.
Es werde berichtet, dass der Verteidigungsbeauftragte az-Zubi eine Montagelinie für Drohnen aufgebaut hat. Trotz Milliardenausgaben im Sicherheitsbereich konnte die öffentliche Ordnung nicht hergestellt werden. Die fragmentierten Kriegsökonomien des Landes seien stark vom Fortbestand des Status quo abhängig.
„Für viele Akteure ist Instabilität kein Versagen des Systems – es ist das System.“
In Bengasi markierte die Ermordung des Chefs des militärischen Geheimdienstes den ersten bedeutenden Ausbruch von Gewalt. Der internationale Konsens um eine Machtteilung zwischen Haftar und Dababa nehme zunehmend Gestalt an, was dem Osten erhebliches politisches Gewicht verleihe.
Es gebe zwei parallele Trends: Alles bleibe so chaotisch im Niedergang begriffen, wie es dies gerade tut. Oder: Die Boulous-Initiative gewinne zunehmend internationale Unterstützung. Europa leide zunehmend unter unter der Situation in Libyen. Ägypten und die Türkei seien aktiv geworden, wobei insbesondere Ankara eine führende Rolle einnehme. Das könnte auf Saddam Haftar als Präsidenten und Abdul Hamid Dabaiba als Premierminister hinauslaufen. Dies werde nicht reibungslos verlaufen, doch könne es sich Libyen nicht leisten, es nicht zu versuchen, denn es sei unmöglich geworden sei, im Status quo zu verharren, obwohl viele, die davon profitieren, die gegenwärtige Lage den Risiken des Wandels vorziehen.

+ LibyaDesk: Der Rücktritt von Nadschi Issa war eher ein theatralischer Auftritt als ein tatsächlicher Rücktritt. Sollten seine Bemühungen erfolgreich sei, könnte dies Fortschritte bei der Umsetzung des einheitlichen Haushalts bedeuten. Libyen habe in den letzten Wochen Krise um Krise erlebt, während die öffentliche Frustration weiter zunimmt und die Politikerkaste insbesondere im Westen einer potenziell existenziellen Bedrohung durch die wachsende öffentliche Unzufriedenheit gegenüberstehe.

+ Il Sole 24: Die Aktivitäten ausländischer Mächte bedrohen Libyen mit weiterer Zersplitterung und machen Wahlen immer unwahrscheinlicher.
Libyen nähere sich einer entscheidenden Wende, die seine fragile Stabilität bedroht, wobei von us-amerikanischen Interventionen die Rede ist, die darauf abzielen, die Institutionen zu vereinen.
Die UN-Bemühungen, eine Lösung für die libysche Krise zu finden, seien ins Stocken geraten, da sie auf eine starke Opposition und auf Widerstand bei Abdul Hamid Dabaiba stoßen, der sich auf eine Reihe von Milizen stützt, die ihn in Tripolis unterstützen.

+ Faradsch Dardur (Politanalyst): In Libyen gelten keine Gesetze und keine Rechtsordnung. Das Land befindet sich in einem Zustand völliger Anarchie.
Die Justiz sei gespalten; sobald in Tripolis ein Urteil gefällt wird, ergeht in Bengasi ein gegenteiliges Urteil.
Derzeit gebe es gibt keine Legitimität für eine der politischen Institutionen.
Das größte aktuelle Problem seien die Wahlgesetze, denn diejenigen an der Macht wollen keine Wahlen. Sollten sie ihnen aufgezwungen werden, werden sie entweder behaupten, dass sie gefälscht seien oder die Wahlurnen angreifen. Diejenigen, die die territoriale Kontrolle haben, entscheiden, ob sie Wahlen oder Gesetze akzeptieren. Von politischen Fortschritten sei man immer noch sehr weit entfernt.
Jede ausländische Macht handle in ihrem eigenen Interessen, ohne Rücksicht auf die anderen und ohne jede Berücksichtigung der langfristigen Stabilität Libyens.
Das Hauptziel aller us-amerikanischen und europäischen Initiativen sei das libysche Öl als Ersatz für das Öl aus den Golfstaaten.
Ein grundlegendes Problem liege in der Spaltung des Bankensystems zwischen der Zentralbank in Tripolis und den Bankinstitutionen im Osten; dies habe zu einem florierenden informellen Wirtschaftssektor geführt, der auf Arbitrage bei Akkreditiven basiert, und die Abwertung der Währung und Unterschlagung staatlicher Subventionen für Kraftstoffe zur Folge hat.
Unter dem derzeitigen Subventionssystem werden importierte raffinierte Produkte auf dem lokalen Markt zu Preisen unterhalb der Marktkosten verkauft, was Gewinnmargen für illegale Netzwerke ermöglicht, die Schmuggeloperationen per Schiff über das Mittelmeer und über Landstraßen in der Sahelregion befeuern.
Die Entwicklungen in Libyen schwächten den geopolitischen Einfluss Europas im Mittelmeer zugunsten externer Akteure.

+ AgenziaNova: Libyen spielt zunehmend eine wichtige Rolle als Haupttransitweg für den Schmuggel von Kokain aus Westafrika über die Sahelzone nach Europa. Die Schmuggler nutzten geheime Routen, die von Milizen und Politikern in Libyen, Mali und Niger geschützt werden. Das Chaos und das Fehlen staatlicher Strukturen in den drei Ländern trügen zu einer zunehmenden institutionellen Deckung dieser Aktivitäten bei.
Die Kokainlieferungen aus Lateinamerika gelangten anstatt per Schiff auf dem Landweg durch die Sahelzone nach Europa. Dies trage zur Stärkung des Einflusses von Akteuren bei, die tief in die Staatsapparate eingebettet sind.
Ghaniwa al-Kikli, der im Mai 2025 in Tripolis ermordet wurde, spielte eine Schlüsselrolle beim Kokainschmuggel; nach seinem Tod übernahm Achmed ad-Dabaschi die Aufgabe, den Transport der Lieferungen zu erleichtern, weshalb er UN-Sanktionen unterliegt.
Die Salvator-Passage, der Saharagrenzübergang nahe des Grenzdreiecks Niger, Algerien und Libyen, sei der prominenteste Transitweg für Kokainschmuggel. Zunächst träfen die Lieferungen im Fessan, in der Oase Ubari, ein, um von dort nach Sebha, Zintan, Tripolis und Sabrata weitergeleitet zu werden.
Andere Lieferungen gehen über Ghat ebenfalls nach Sebha, bevor sie nach Ägypten oder Bengasi verschifft werden. Die Häfen von Misrata, Khoms und Tripolis werden als Umschlagplätze für Drogen aus Südamerika genutzt, ebenso wie Bengasi.

+ Washington Institute für Nahostpolitik: Das Vertrauen der Bevölkerung in die internationalen Bemühungen zur Vereinigung von Libyen erodiert zwischen der Roadmap der UN-Mission und der Boulos-Initiative.
Seit 2011 und dem Tod von Oberst Muammar al-Gaddafi versprechen die libyschen Politiker dem Volk, an der Staatsbildung zu arbeiten, Gerechtigkeit, nationale Versöhnung und Wohlstand zu erreichen und Libyen in ein „zweites Dubai“ zu verwandeln. All dies sei gescheitert, selbst nach zwei parallelen Initiativen, zwischen Ost und West zu vermitteln.
Libyen sei nach wie vor ein Schlachtfeld, auf dem Familienclans um Einfluss ringen, von denen jeder behauptet, die Interessen des libyschen Volkes zu vertreten, während sie das Volk in Wahrheit von einer Beteiligung ausschließen.
Sollten sich die Debatten weiterhin auf Arrangements und Geschäftsabschlüsse zwischen einflussreichen Clans, politischen Netzwerken und internationalen Vermittlern fokussieren, anstatt greifbare Fortschritte hin zu gewählten Institutionen oder breiter Volksbeteiligung zu erzielen, werde das Vertrauen in diese internationalen Bemühungen weiter abnehmen.
Das Problem beider Initiativen sei es, dass sie bislang nicht alle einflussreichen Akteure vor Ort einbeziehen konnten, die befürchten, ihre Einnahmen aus dem aktuellen Status quo zu verlieren.
Mit zunehmender Abhängigkeit der politischen Rhetorik von sozialen Medien konkurrierten die Verantwortlichen in Bengasi und Tripolis erbittert darum, den größtmöglichen internationalen Einfluss zu demonstrieren, um ihre Stärke zu zeigen, ihre Anhänger zu beruhigen, die Moral ihrer Gegner zu schwächen und sich vor internationalen Beobachtern eine Fassade von Legitimität zu verleihen.
Solange die libyschen ‚Eliten‘ ihren großen Einfluss im internationalen Umfeld behalten und der Verantwortungsübernahme ausweichen, werden sie an Schwung gewinnen, während sie dem libyschen Volk eine trügerische Realität verkaufen. Sollte es so weitergehen, würden die internationalen Vermittlungsbemühungen die libysche Krise verlängern, anstatt zu einer Lösung zu führen.

+ Faradsch Dardur (Politanalyst): Die Hälfte der Öleinnahmen fließt nicht in den Staatshaushalt, sondern landet in den Taschen der Schmuggler im Osten und Westen. Diese Parteien würden ihre Einnahmen verlieren, wenn es einheitliche Institutionen und nur eine Regierung gäbe. Die Milizen würden niemals akzeptieren, ihre Privilegien aufgeben zu müssen.
Die Dabaiba-‚Regierung‘ befinde sich derzeit zwischen Hammer und Amboss der Schmuggler, die mit allen Mitteln ihre Gewinne verteidigen wollen, und der Erschöpfung der Mittel der Zentralbank durch Erpressung.
Alle Parteien im Osten und Westen verbinde ein gemeinsames Interesse: Die Aufrechterhaltung des aktuellen Zustands.
Banken würden von Milizen kontrolliert. Es komme zu illegalen Kreditvergaben, wodurch die Zentralbank erhebliche Verluste erleide und die nationale Wirtschaft zerstört werde. Niemand spreche darüber, aus Angst, die Privilegien zu verlieren, die sie genießen. Es sei die Rede von Schulden in Milliardenhöhe.
Die Dabaiba-‚Regierung‘ trage einen Großteil der Verantwortung für die Spannungen in Zawiya, da sie sich mit diesen Milizen verbündet hat, obwohl sie sie nicht kontrollieren kann.

Innerlibysche Nachrichten

+ LibyaPress: Die Vorsitzenden von Präsidialrat, Parlament und StaatsratMohammed al-Menfi, Agila Saleh und Mohammed Takala – trafen sich am 11. August in Paris, um die politische Roadmap voranzutreiben, um eine neue Regierung mittels Konsens der drei Räte zu bilden.
Diese Initiative entspringt den Bemühungen, die Boulos-Initiative zu stoppen und die Durchsetzung eines politischen Pfads außerhalb der Vereinbarungen der drei Institutionen zu verhindern.
Das Treffen fand unter der Schirmherrschaft des französischen Präsidenten Emmanuel Macron statt und wird von Großbritannien, Ägypten und Katar unterstützt.

+ Dschalal asch-Schuweidi (Parlamentarier): Was spricht dagegen, eine neue Regierung für zwei Jahre zu bilden, um Wahlen zu ermöglichen?
Die Mehrheit im Parlament ist davon überzeugt, dass eine neue Regierung gebildet werden muss, da der Osten und der Süden Libyens die Aufsicht der Dabaiba-‚Regierung‘ über die Wahlen nicht akzeptieren. Und der Westen akzeptiere nicht, dass die Hammad-Parallelregierung die Wahlen beaufsichtigt.
Sobald eine Einigung über die Bildung einer neuen Regierung erzielt sei, werde die Hammad-Parallelregierung ihren Rücktritt einreichen und die Amtsgeschäfte an die neue Regierung übergeben.

+ Khalifa ad-Dughari (Parlamentarier): Parlamentspräsident Agila Saleh trägt ganz allein die rechtliche und moralische Verantwortung für alle Maßnahmen, Schreiben oder Entscheidungen, die von ihm in dieser Periode getroffen wurden.
Er sei auch für die seit acht Monaten andauernde Blockade der Parlamentssitzungen verantwortlich, trotz der Sicherheits-, Finanz- und Justizkrisen, die das Land erschüttern, die Nationale Sicherheitsbehörde und Justizbehörden erfasst haben und nun die Einheit der Legislative, das Territorium des Vaterlands und seine Sozialstruktur bedrohen.

+ As-Sadiq al-Gharyani: Die Bürger leiden unter einer mangelhaften Gesundheitsversorgung, fehlenden Medikamenten und vielen anderen Problemen, wie dem Mangel an Strom, Wasser und Treibstoff, den hohen Preisen und allgemein schwierigen Lebensbedingungen.
Währenddessen sei die Regierung mit der Vision 2030 zur Förderung des Fußballs beschäftigt, mit der Eröffnung von Ferienanlagen und Parks sowie mit Unterhaltungsveranstaltungen. Dies verletze die Gefühle der Menschen.
Laut Scharia gebe es Prioritäten, die beachtet werden müssten, um den Menschen in bestmöglicher Weise zu dienen und Schaden abzuwenden.
Die drei Stufen der Scharia: Das Nötigste geht vor dem Wünschenswerten, und das Wünschenswerte geht vor dem Angenehmen.
Die Bewahrung des Glaubens habe Vorrang vor der Bewahrung des eigenen Lebens.
Wer über ein wenig Geld verfüge, mit dem er sich Nahrung und Medikamente kaufen könnte, darf damit stattdessen nicht Sportschuhe erwerben.
Sowohl nach der Scharia als auch nach der Natur sei es verwerflich, das Vergnügliche dem Notwendigen vorzuziehen.

+ Machmud al-Araibi, Bäckereivorsitzender in Bengasi: Nach den Strom- und Wasserausfällen wird nun mit der Verknappung von Brot gerechnet.
Während die Verantwortlichen behaupten, dem Land gehe es bestmöglich, sehe die Realität anders aus. Das Land stehe in Flammen, und die Menschen hätten ihre gesamten Ersparnisse aufgebraucht und wissen nun nicht mehr, wie es weitergehen soll.

+ Global Forest Watch: Libyen hat innerhalb von 25 Jahren 390 Hektar Baumbestand verloren, wobei der größte Anteil auf das Jahr 2025 entfällt. Dieser Wert entspreche etwa sechs Prozent der im Jahr 2000 im Land erfassten Waldfläche.
Am stärksten betroffen seien die Gebiete der Grünen Berge, al-Mardsch und Derna.

+ Das Statistikamt gab in Zusammenarbeit mit UNICEF bekannt, dass 46,6 Prozent der libyschen Haushalte Trinkwasser verwenden, das wegen fäkaler Verschmutzungen mit E.coli-Bakterien verunreinigt ist.
[E.Coli ist ein normaler und meist harmloser Bewohner des menschlichen und tierischen Darms; es existieren allerdings auch pathologische Stämme.]

Der Staatsanwalt ordnet immer noch regelmäßig eine hohe Anzahl von Verhaftungen aufgrund von Korruption, Fälschungen von Identitätsnachweisen, Gewalttaten und weiteren kriminellen Handlungen an. Auch weil diese Anordnungen nicht immer zu Festnahmen führen, wird auf die Aufführung der Einzelfälle verzichtet.

Wirtschaft / Finanzen

+ LibyaPress: Der libysche Dinar stürzt gegenüber dem US-Dollar weiter ab. Auf dem Parallelmarkt kostete am 10. August der US-Dollar mehr als neun Dinar.

+ LibyaPress: Am 10. August bestätigte Nadschi Issa seinen Rücktritt vom Amt als Chef der Libyschen Zentralbank.
Das Timing hat besondere Aufmerksamkeit erregt. Der US-Dollar erreichte bei Bargeldtransaktionen auf dem Parallelmarkt rund 9,18 LD, während die Schecktransaktionen Berichten zufolge auf etwa 9,35 Dinar stiegen.
Ein schwächerer Dinar führe aufgrund der starken Abhängigkeit des Landes von importierten Lebensmitteln, Konsumgütern und anderen Produkten zu höheren Preisen.

+ LibyaPress: Mohammed Takala wies Nadschi Issa an, seine Aufgaben weiter wahrzunehmen, um die Kontinuität der Arbeit der Zentralbank zu gewährleisten und die finanzielle, wirtschaftliche und politische Stabilität aufrecht zu erhalten.

+ Der Parlamentsausschuss forderte Naschi Issa auf, in der Erfüllung seiner ihm übertragenen Aufgaben fortzufahren.

+ Essam al-Dschahani (Abgeordneter): Die Loyalität des ehemaligen, aber immer noch amtierenden Zentralbankchef Nadschi Issa gilt ausschließlich einer einzigen Person, nämlich Agila Saleh.
Der Großteil der libyschen Probleme werde durch Agila Saleh verursacht; er kontrolliere die Zentralbank und den Rechnungshof. Sein Berater koche das aus, was in der Zentralbank passiert und steuere die Rücktritte.
Das Parlament habe seit acht Monaten nicht mehr getagt, weil die Abgeordneten Reformen gefordert haben, während Saleh für sich allein die Entscheidungsgewalt beansprucht.

+ LibyaPress (Foto): Am 7. August traf eine Ladung Bargeld im Wert von 850 Millionen US-Dollar für die Zentralbank am Mitiga-Flughafen von Tripolis ein.

+ Mahdi Abd al-Ati (Politaktivist aus Misrata): In den Tresoren der Zentralbank liegt nicht mehr viel Geld und sie kann aufgrund der unkontrollierten Ausgaben möglicherweise nicht einmal mehr die Gehälter zahlen.
Der Schmuggel von Kraftstoff und Heizöl habe ein noch nie dagewesenes Ausmaß erreicht, was zu einer erheblichen Verknappung von Benzin und Diesel geführt und die Probleme mit der Stromversorgung verschärft habe.
Die Unternehmen asch-Scharara und at-Thiqa International seien in korrupte Machenschaften verwickelt. Der Bruder von Abdel Salam az-Zubi (Verteidigungsbeauftragter und US-Vertrauter), Mohammed az-Zubi, sei für diese Unternehmen verantwortlich und leite zudem das Unternehmen asch-Scharara.
Das Volk habe als Leidtragender der Krise ein Recht darauf, die Wahrheit zu erfahren.

+ Achmed Senussi (Wirtschaftsexperte): Ein Flugzeug der Afriqiyah Airways A330, dessen Wert mehr als 250 Millionen US-Dollar beträgt, wurde als Schrott nach Hamburg verkauft, obwohl es keine 100 Flugstunden absolvierte und 2016 noch für 15 Millionen US-Dollar gewartet wurde.

Erdöl / Erdgas

+ LibyaPress: Fischer haben einen Ölaustritt im Meer vor der Küste von Brega festgestellt. Er sei auf ein Leck zurückzuführen, dass Ende Juli während Wartungsarbeiten in einer der Ölanlagen auftrat. Das Leck sei geschlossen worden.

+ Massud Suleiman, NOC-Vorstandschef: Wir benötigen 36 Milliarden US-Dollar, um die Produktion bis 2031 auf zwei Millionen Barrel zu steigern. Wir benötigen monatlich etwa 300 Millionen US-Dollar, um die täglichen Operationen der Institution sicherzustellen.
Die NOC hat Schulden aus den Jahren 2024 und 2025 in Höhe von 25 Milliarden Dinar.
Der einheitliche Entwicklungshaushalt hat der NOC ein Betriebsbudget von mehr als 13 Milliarden Dinar zugewiesen, nachdem die Finanzierung im Jahr 2025 unterbrochen worden war.

+ Mohammed Aoun (von Dabaiba suspendierter Ölminister): Suleimans Aussage über die angestrebte Produktion von zwei Millionen Barrel Öl ist unrealistisch, aufgrund der grassierenden Korruption und des Mangels an Transparenz.
Den derzeitigen Verantwortlichen fehle sowohl der politische Wille als auch die Kompetenz, eine Ölförderung von zwei Millionen Barrel zu erreichen, und diejenigen, die über die nötige Kompetenz verfügten, haben nichts zu Sagen.
„Ich habe mehr als 80 Memoranden an Verwaltungskontrollbehörde gesandt, um den Umfang der Korruption im Ölsektor zu dokumentieren, zuzüglich weiterer Memoranden an das Büro des Generalstaatsanwalts und alle Kontrollbehörden.“

+ Achmed Senussi (Wirtschaftsjournalist): Die Äußerungen des NOC-Vorstandschefs bezüglich des Erreichens einer Fördermenge von zwei Millionen Barrel Öl sind realitätsfern.
Die NOC sei in Sachen Korruption unschlagbar.
Der NOC seien vor drei Jahren 55 Milliarden zur Steigerung der Produktion zur Verfügung gestellt worden. Niemand wisse, wohin das Geld geflossen ist, während sich die Schulden der NOC sich bei allen Institutionen häufen.
Die NOC sei mittlerweile so weit, dass sie einen Kredit bei der Libyschen Auslandsbank aufnehmen muss.
Die Verantwortlichen manipulierten die Zahlen, um im In- und Ausland ein gutes Bild abzugeben. Keiner wisse, wie sie die gegebenen Versprechen einlösen wollen.

+ Achmed Senussi: Derzeit gibt es Oligarchen, die mit Hilfe der Treibstoffsubventionen dem libyschen Volk monatlich Hunderte Millionen Dinar stehlen, um den Treibstoff dann auf dem Schwarzmarkt in ganz Libyen zu verkaufen, sogar in Tripolis.
Der Preis für Kraftstoff habe sich in Libyen seit 30 Jahren nicht verändert. Der Rücktritt von Nadschi Issa sei ein Alarmsignal für das ganze Land.
Die derzeitige Situation sei unhaltbar, doch es bestünden Befürchtungen hinsichtlich der Alternativpläne zur Subventionspolitik, da niemand Vernünftiges in der Verantwortung sei, der alternative Pläne zum Wohle der Bürger umsetzen könnte.
Die Ausgaben für die Treibstoffsubventionen überstiegen sogar die Ausgaben für Gehälter, trotz der ganzen Korruption und Verschwendung.
Unter den derzeitigen Subventionsbedingungen sei es unmöglich, den Treibstoffschmuggel zu unterbinden.

+ Mohammed Aoun: Die Korruption und die Misswirtschaft bei den Kraftstoffen sind in Libyen beispiellos. Es begann damit, dass Dabaiba zustimmte, Rohöl gegen Kraftstoffe bei denselben Händlern zu tauschen. Dies führte zur Lieferung von gepanschtem Benzin und zu einer Explosion der Ausgaben für Kraftstoffsubventionen.
Mustafa Sanella forderte monatlich noch 353 Millionen USD, Farhat Bengara 2023 bereits 750 Millionen und als Massud Suleiman den NOC führte, verlangte er im Mai 2026 über eine Milliarde USD.
Der Generalstaatsanwalt sowie die Berichte des Rechnungshofs und der Aufsichtsbehörde haben diese Korruption belegt. Der Bericht der UN-Experten ging sogar noch weiter, indem er hochrangige Beamte im Westen und Osten des Schmuggels beschuldigte und namentlich benannte.

+ Ghaith Mardschi (ehmaliges CBL Vorstandsmitglied): Von der Treibstoffsubvention in Libyen profitieren vor allem die Reichen und nicht die Armen.
Es wäre besser, Libyern ein höheres Einkommen zu zahlen.

+ Mohammed Aoun: Abkommen über die Rückkehr der Partner in den von der Oase Oil Company verwalteten Ölfeldern müssen ausgesetzt werden.
Die Änderungen im Abkommen stellten eine Verschleuderung des nationalen Reichtums dar und verstießen gegen geltende Gesetze und gerichtliche Urteile.
Aoun forderte die zuständigen Behörden sowie die ausländischen Unternehmen auf, die libyschen Gesetze und gerichtlichen Urteile zu respektieren und den nationalen Reichtum zu bewahren.

UN-Mission

+ Ilyas al-Baruni (Dekan der Fakultät für Wirtschaft und Politikwissenschaften/Uni Nalut): Die Ankündigung der UN-Mission, dass eine Einigung über den Mechanismus zur Ernennung des Vorsitzenden der Wahlkommission erzielt wurde, schlägt ein neues Kapitel im laufenden Konflikt auf, der sich um eine komplexere Frage dreht: Wer hat das Recht, in Libyen die kommende Phase zu gestalten? Wem wird garantiert, darin eine Rolle zu spielen?
Die Kontrolle über die Mechanismen des Wahlprozesses sei zu einem Teil des Kampfes um die Macht selbst geworden. Der Konflikt um den Vorsitz der Wahlkommission beziehe sich auf die Festlegung der Kriterien für die Kandidatenzulassung, die Verwaltung des Wählerverzeichnisses und die Aufsicht über den Wahlprozess, die Bekanntgabe der endgültigen Ergebnisse sowie den Umgang mit Einsprüchen und Rechtsstreitigkeiten.
Jede Partei sehe Wahlen als Mittel, ihren politischen Einfluss zu stärken, und nicht als Mechanismus für den friedlichen Machtwechsel.
Wahlen seien zu einem integrierten politischen, sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Projekt geworden, das mit einer Reihe komplexer Vereinbarungen verknüpft ist, darunter die Form der kommenden Exekutivgewalt und die Verteilung der souveränen Posten, die Zukunft der militärischen Führung, die Verwaltung der Ölförderung und die internationalen Garantien, die den konkurrierenden Parteien gewährt werden.

+ Dschalal asch-asch-Schweihdi (6+6-Ausschusses/Parlament): Die Wahlgesetze, die wir im 6+6-Ausschuss erarbeitet haben, stießen auf zahlreiche Hindernisse, darunter vor allem bei der UN-Mission.
Es gebe Kräfte, die versuchten, jede Lösung zu behindern, damit auf keinen Fall Präsidentschaftswahlen abgehalten werden und es keinen Staatspräsidenten gibt, und Libyen sich im immer selben Kreis dreht.
Das Hauptproblem bestehe derzeit darin, dass die Wahlgesetze klar festlegen, dass eine neue Regierung gebildet werden muss, die die Wahlen überwacht, aber selbst nicht daran teilnimmt.
Die UN-Mission dränge derzeit auf die Durchführung von Parlamentswahlen, wolle aber keine Präsidentschaftswahlen abhalten; sie stecke den Kopf in den Sand. Libyen verharre seit 15 Jahren in demselben Chaos.

+ Mohammed Muazeb (Staatsrat): Die Bildung des 4+4-Dialogs stellt eine erhebliche Einschränkung der Rolle von Parlament und Staatsrat dar. Es liege nicht in den Befugnissen der Mission, eine solche Kommission zu bilden und die beiden Gremien zu übergehen. Deshalb werde keine von ihnen erarbeitete Lösung umgesetzt.
 Alle Parteien erkennen an, dass die Wahlgesetze in dieser Form nicht anwendbar sind und jederzeit angefochten werden können. Niemand wolle wirklich Wahlen abhalten.
Die derzeit dominierenden Gruppen verfolgten verdächtige Agenden und strebten danach, das Land an externe Akteure zu verkaufen, sei es der 4+4-Dialog oder seien es andere Initiativen.

+ Adel Karmos (Staatsrat): Die UN-Mission strebt nicht danach, das libysche Problem zu lösen, sondern sucht Zeit zu gewinnen, um größtmöglichen Nutzen aus dem Fortbestand der Krise zu ziehen.
Sie versuche, den Kreis der Beteiligung zu erweitern, indem sie den Dialog ausweitet, damit die Ergebnisse jegliche verfassungsrechtliche Grundlage verlieren, da die legitimen Institutionen nicht direkt einbezogen werden.

+ Fathi asch-Schibli (Partei Stimme des Volkes): Das Parlament und der Staatsrat treten in der Öffentlichkeit gegeneinander auf, sind sich aber hinter den Kulissen einig.
Immer wenn eine Lösung nahe scheint, mache eines der beiden Gremien ein Problem aus; folglich seien diese Probleme künstlich und im Einvernehmen zwischen den beiden Gremien inszeniert.
Diese Leute seien sich bewusst, dass sie im Falle von Wahlen ihre Posten räumen und nach Hause zurückkehren müssen.
„Warum hat die UN-Mission ihre Anerkennung des Parlaments und des Staatsrats nicht zurückgezogen und verhandelt heute noch mit ihnen?“

Migration

+ Erm News (VAE): Europa übernimmt Trumps Ansatz und strebt an, Libyen als Drittland in ein Zentrum für die Abschiebung von afrikanischen Migranten umzuwandeln und ihm die Verantwortung für deren Inhaftierung zu übertragen.
Dieser Plan wurde während einer von Rom nach dem Ceuta-Vorfall angeforderten Videokonferenz des italienischen Innenminister Matteo Piantedosi mit seinen EU-Amtskollegen bestätigt.
Zu möglichen Standorten gehörten neben Libyen Tunesien sowie Ruanda, Uganda und Ghana.
Der EU-Kommissar für Inneres, Magnus Brunner, äußerte seine Unterstützung für diese Initiative vor dem Hintergrund der Ceuta-Krise bezüglich des Baus externer Abschiebezentren: „Wir unterstützen das“. Von den 27 EU-Staaten unterstützen 19 Länder den Plan für die Errichtung von Zentren außerhalb des EU-Gebiets.

+ Salah al-Marghani (ehemaliger Justizminister): Das Projekt zur Ansiedlung von Migranten in Libyen ist eine Folge der Spaltung des Landes, des Zusammenbruchs der Zentralregierung im Jahr 2014 und der Spaltung zwischen den politischen, militärischen und bewaffneten Kräften.
Das Thema Migration wurde zu einem großen, von den Großmächten gesteuerten Thema. Der Aufstieg der Rechtsparteien in Europa habe das Projekt der Ansiedlung von Migranten vorangetrieben und Libyen zu einem europäischen „Wachposten“ für Migranten gemacht.
Das libysch-italienische Memorandum of Understanding stellte einen Wendepunkt in der Migrations- und Ansiedlungspolitik dar, da sich Italien für die kostengünstigste Lösung entschied, um sich nicht der Verantwortung für seine Kriege und die Kolonialisierung Afrikas stellen zu müssen.
Das Problem der Migrantenaufnahme werde noch verschärft durch die schwierige Lage der Justizbehörden, die inmitten von Milizen, gespaltenen Institutionen und außerstaatlichen Gefängnissen arbeiten müssten.

Libyen und das Ausland

+ Ägypten. Der ägyptische Außenminister: Die Teilung Libyens ist eine rote LinieStabilität in der Region ist nur durch die Beseitigung der parallelen Strukturen möglich.
Alle Parteien, die Libyens Einigung unterstützen, würden ermutigt, allen voran die UN-Mission und die USA.

+ EU: Operation IRINI: Wir haben im Juli 2.871 verdächtige Flüge nach Libyen erfasst und 5.147 Satellitenbilder auf verdächtige Aktivitäten im Zusammenhang mit Waffen- und Ölschmuggel analysiert. Es wurden 816 Kontrollen verdächtiger Schiffe durchgeführt und 16 Häfen sowie 25 Flughäfen überwacht.

Rückblick

+ Al-Habib al-Amin: Ich stand 2014 während der Krise um den Öltanker Morning Glory in direktem Kontakt mit der 6. US-Flotte.
Die jungen Revolutionäre hatten den Öltanker ins Visier genommen und ihn vor Gaminis gestoppt. Sie riefen mich an und teilten mir mit, dass ein US-Kriegsschiff sie bedränge, und baten mich, mit den Amerikanern Kontakt aufzunehmen.
Ich hatte direkten Kontakt zur 6. US-Flotte, aber jemand sagte, das Kriegsschiff gehöre zu den Italienern. Ich wandte mich an den italienischen Botschafter und fragte, wieso Leute bei einer nationalen Aktion belästigt werden. Laut dem Botschafter gehörte das Schiff zu den Amerikanern, die verhindern wollten, dass durch den Beschuss des Tankers eine Umweltverschmutzung eintrete.
Der libysche Pionierpanzer, der den Tanker ins Visier genommen hatte, geriet in Brand. Daraufhin baten mich die jungen Leute ein zweites Mal, bei den Amerikanern Hilfe anzufordern. Diese halfen tatsächlich beim Löschen des Feuers. In der Zwischenzeit war der Tanker nach Zypern ausgelaufen, doch die Amerikaner brachten ihn zurück, nach az-Zawiya. Dort sollte er verschrottet werden.

Aus den Nachbarstaaten

+ Allianz der Sahelstaaten/Algerien. GeopoliticalDesk: „Putsche, gebrochene Verträge, Grenzzwischenfälle und Anschuldigungen wegen „feindseliger Handlungen“ haben Mali und Algerien auseinandergetrieben. Nun zwingt ein sich rasch ausbreitender Aufstand die beiden Länder wieder zusammen. Bamako benötigt algerische Geheimdienstinformationen, Vermittlung und Einfluss auf Tuareg-Gruppen, da seine russisch gestützte Militärstrategie ins Stocken gerät. Algier hingegen kann es sich nicht leisten, dass entlang seiner südlichen

 

 

 

Grenze eine islamistische oder separatistische Entität entsteht und regionalen Handel, Investitionen sowie Energieinfrastruktur bedroht. Zudem brauchen beide Länder die Beziehung, um ihre internationale Relevanz zu wahren.
Mali sucht einen Ausweg aus der Isolation, während Algerien als unverzichtbarer Akteur im Sahel bestehen bleiben will. Dies ist kein echtes diplomatisches Tauwetter. Es ist eine widerwillige Anerkennung der Tatsache, dass, während der Sahara-Krieg sich ausdehnt, keines der Länder die Folgen allein bewältigen kann.“

+ Algerien. GeopoliticalDesk: „Da die Beziehungen zu Frankreich schwach bleiben, sucht Algerien anderswo nach den Investitionen und der politischen Unterstützung, die es benötigt. Die Energie-Diplomatie steht im Herzen dieser Strategie. Algier bietet Deutschland und Spanien einen größeren Zugang zu seinem Gas- und erneuerbaren-Energiesektor, während es Kapital, Technologietransfers und stärkere Unterstützung innerhalb der EU anstrebt. Der Wandel spiegelt auch breitere Druckfaktoren wider. Algerien steht vor einem großen Haushaltsdefizit, hoher Jugendarbeitslosigkeit, schwachen ausländischen Investitionen und dem wachsenden internationalen Schwung Marokkos bezüglich der Westsahara. Algier möchte zu einem Energie-Drehkreuz im Mittelmeer werden und seine historische Abhängigkeit von Paris verringern. Doch neue Partnerschaften in dauerhafte Gewinne umzuwandeln, wird das Überwinden derselben Bürokratie, Regierungsprobleme und Infrastrukturengpässe erfordern, die frühere Projekte sabotiert haben. Madrid und Berlin könnten Algerien einen neuen Weg nach Europa eröffnen, doch Algier muss weiterhin beweisen, dass es liefern kann.“

+ Tunesien. Ein gewaltiges Feuer brach am 6. August am Lngaa-Berg in Ghandouba (Tunesien) aus. Laut der Generaldirektion für Wälder haben Waldbrände in diesem Sommer über 12.000 Hektar umfasst.