Am Dienstag, den 3. Februar 2026, wurde Saif al-Islam Gaddafi im Garten seines Haus in az-Zintan erschossen. Gegen 18 Uhr drangen zwei Bewaffnete in sein Anwesen ein, während zwei Komplizen den Zugang sicherten. Saif al-Islam Gaddafi telefonierte gerade, versuchte noch, sich mit einer Pistole zu verteidigen, bevor 7 Schüsse auf ihn abgefeuert wurden. Zu diesem Zeitpunkt hielt sich kein Sicherheitspersonal auf dem Anwesen auf.
Die Ermordung von Saif al-Islam sandte Schockwellen durch Libyen.
Saif al-Islam und az-Zintan
Die 160 Kilometer südwestlich von Tripolis in den Nafusa-Bergen liegende Stadt az-Zintan wurde zu Saif al-Islams Schicksalsort.
Am 17. Oktober 2011 wurde nach dem Verlassen der Stadt Bani Walid der Konvoy von Saif al-Islam im Wadi Zamzam durch die Nato bombardiert. Saif, der schwere Verletzungen an den Fingern seiner rechte Hand erlitt, wurde anschließend nahe der Stadt Ubari durch die Abu-Bakr-as-Siddiq-Bataillon aus Zintan gefangengenommen (Video) und anschließend in Zintan inhaftiert. Während seiner Gefängniszeit, die er lange in Einzelhaft verbringen musste, verstärkte sich Saif al-Islams Hinwendung zur Religion. Saif al-Islam war traumatisiert: durch den Krieg in Libyen, die Ermordung seines Vaters und seines Bruders, der eigenen Gefangennahme und seiner schweren Verletzung. Wie sollte man solche Schicksalsschläge auch anders als im Glauben an einen höheren Sinn ertragen.
2015 fand in Tripolis ein Schauprozess gegen Gaddafi-Beamte und den per Videoübertragung aus Zintan zugeschalteten Saif als-Islam statt. Der Prozess spottete laut Prozessbeobachtern allen juristischen Standards, da die Geständnisse zumeist unter Folter erzwungen worden waren. Das damalige von Moslembrüdern beherrschte Gericht verurteilte Saif al-Islam zum Tod durch Erschießen, doch Zintan weigerte sich, ihn den Milizen in Tripolis auszuliefern.
Am 9. Juli 2017 wurde Saif al-Islam von der Zintan-Miliz unter Berufung auf eine Generalamnestie, die das Parlament im Osten des Landes erlassen hatte, freigelassen. In einem Statement von Oberst Adschami al-Atiri hieß es: „Ich, Oberst Adschami al-Atiri, bestätige, dass ich die Freilassung von Mr. Saif al-Islam Muammar Gaddafi, angeordnet habe. Er hat die Stadt Zintan am Freitag, den 14. Juni verlassen. In Übereinstimmung mit dem Amnestiegesetz trage ich die Konsequenzen für diese Handlung vor dem Gesetzt.“
Anschließend hielt sich Saif vermutlich viel in den südlichen Saharagebieten des Landes auf und wechselte häufig seinen Standort, bevor er sich unter dem Schutz von Oberst al-Atiri in Zintan, dem Ort seiner Gefangenschaft, niederließ.
Im Oktober 2024 nahm die Innere Sicherheit von Tripolis unter dem Kommando von Lutfi al-Harari schließlich Oberst al-Adschami al-Atiri gefangen. Das Abu-Bakr-as-Siddiq-Bataillon rief ebenso wie der Oberste Rat der Revolutionäre und die Jugendorganisation von Zintan zur Bewaffnung auf. Der Forderung nach sofortiger Freilassung von al-Atiri schlossen sich etliche Stämme, Gruppierungen und Aktivisten an. Aufgrund dieses Drucks musste al-Atiri wieder freigelassen werden.
Strippenzieher der Verhaftung dürfte – nach erfolgter Absprache mit Saddam Haftar im östlichen Libyen – Ibrahim ad-Dabaiba gewesen sein. Ibrahim Dabaiba ist erfolgreicher Strippenzieher, Bruder und von Abdulhamid Dabaiba, dem Premierminister der Tripolis-Regierung. Bei den aktuellen Verhandlungen mit den USA sind immer noch Saddam Haftar und Ibrahim Dabaiba, die ein gutes Verhältnis miteinander pflegen, die maßgeblichen Gesprächspartner.
2024 spielte bei den Verhandlungen um die Freilassung al-Atiris und der Beilegung des Konflikts mit Zintan der Milizenführer al-Kikli, Kommandant des Stability Support Apparatus (SSA), und sein Bruder Fathi eine wichtige Vermittlerrolle. Al-Kikli wurde im Mai 2025 von Dabaiba ausgeschaltet, indem er von Dabaiba nahestehenden Milizen in eine Falle gelockt und ermordet wurde.
Bis zu jenem verhängnisvollen 3. Februar 2026, an dem Zintan zur Todesfalle für Saif al-Islam wurde, genau jener Stamm, der Saif al-Islam jahrelang gefangen hielt, zu seinem Beschützer geworden. Oberst Adschami al-Atiri selbst, den eine tiefe Freundschaft mit Saif al-Islam verband, scheint bezüglich des Mordes über jeden Verdacht erhaben. So nahm er nicht nur am Begräbnis von Saif al-Islam in Bani Walid teil, sondern er war es auch, dem die Ehre zuteil wurde, Saifs Leichnam dem Grab zu übergeben.
Wer war Saif al-Islam Muammar Gaddafi?
Saif al-Islam Gaddafi wurde als zweites Kind von Muammar al-Gaddafi und dessen Frau Safia Farkasch im Juni 1972 in Tripolis geboren.
Nach dem Abschluss eines Architektur- bzw. Ingenieurstudiums im Herbst 1994 an der Universität von Tripolis erwarb er im Jahr 2000 in Wien den Master of Business Administration. In Österreich befreundete er sich mit Jörg Haider, dem damaligen Kärntner Landeshauptmann.
Sein anschließendes Studium an der London School of Economics schloss er 2008 mit einer Dissertation zur Rolle der Zivilgesellschaft bei der Reform der Global Governance ab, bevor er nach Libyen zurückkehrte. In den westlichen High-Society-Kreisen jener Zeit erfreute sich der Sohn von Muammar Gaddafi großer Beliebtheit.
Saif al-Islam galt stets als Reformer, der sich für die Achtung der Menschenrechte einsetzte. Er beherrschte arabisch, englisch, französisch sowie deutsch. Schon ab den frühen 2000er Jahren war er bestrebt, die Beziehungen Libyens zum Westen zu verbessern.
Zu keiner Zeit hatte Saif in Libyen eine politische oder militärische Position inne, wurde aber von seinem Vater mit schwierigen Verhandlungen beauftragt, so mit den USA, als Libyen sich verpflichtete, seine Massenvernichtungswaffen aufzugeben, oder bei den Verhandlungen um das Lockerbie-Attentat im Jahr 1988.
Der Westen zeigte sich dementsprechend überrascht, als sich Saif al-Islam 2011 bei Ausbruch des Nato-Kriegs gegen Libyen solidarisch mit seinem Vater zeigte und sich voll und ganz hinter sein Land stellte. Alle Angebote, Libyen zu verlassen, wurden von ihm abgelehnt.
Seine emotionalen öffentlichen Reden, bei denen er zum Kampf gegen die Aufständischen aufrief, gingen um die mediale Welt und wurden vom Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) dazu missbraucht, unmittelbar Anklage gegen ihn zu erheben. Sogar das Magazin Der Spiegel warf dem damaligen Chefankläger, Luis Moreno Ocampo, schwere Verfehlungen bei den Ermittlungen und einseitige Stellungnahme vor. Die Aufrechthaltung dieses Haftbefehls war eine politische Farce.
Saif al-Islam Gaddafi begibt sich in die politische Arena
Nach der Ermordung seines Vaters Muammar im Oktober 2011 wurde Saif bei einem Fluchtversuch gefangengenommen und verbrachte die Jahre bis zu seiner Freilassung 2017 in Zintan.
Bereits im Oktober 2017 wandte sich Saif al-Islam mit einer Denkschrift nicht nur direkt zu Wort, sondern auch sein Anwalt, Khalid az-Zaidi, kündigte bei einer Pressekonferenz in Tunis an, dass Saif al-Islam Gaddafi sein politisches Comeback plane und verschiedene Orte in Libyen besuche, um mit den Stämmen das weitere Vorgehen zu besprechen. Als Saif al-Islam im März 2018 ankündigte, bei den geplanten libyschen Wahlen für die Präsidentschaft kandidieren zu wollen, sorgte dies nicht nur international für Schlagzeilen, sondern wurde für Saif al-Islam auch gefährlich.
Es wurde berichtet, dass im Juni 2020 der türkische Geheimdienst und die Regierung in Tripolis verstärkt versuchten, Saif al-Islam mit Hilfe von Bayraktar TB2 Drohnen im Gebiet des Dschebel al-Gharbi aufzuspüren, wo sein Aufenthaltsort vermutet wurde. Er sollte festgenommen und nach Den Haag ausgeliefert oder auch getötet werden.
Präsidentschaftskandidat Saif al-Islam Muammar Gaddafi
Als Wahltermin wurde Dezember 2021 festgelegt. Die Muslimbruderschaft in Libyen und Katar musste zur Kenntnis nehmen, dass seit der Erklärung Saif al-Islams, er werde bei den für Dezember 2021 geplanten Wahlen antreten, die Zahl der registrierten Wähler in die Höhe schnellte. Die in den VAE erscheinende Tageszeitung Al Bayan verkündete daraufhin, dass Katar die Liquidierung von Saif plane.
Am 30. Juni 2021 erschien in der New York Times ein Interview mit Saif al-islam, das erste nach 10 Jahren. Darin sprach er über seine Absicht, an den für den Dezember 2021 geplanten Wahlen teilzunehmen. Ein Foto zeigte ihn in traditioneller Kleidung und mit Bart.
Schon im Februar 2022 legte Saif al-Islam Gaddafi einen Friedensplan vor, nach dem die Spaltung zwischen dem östlichen und dem westlichen Libyen überwunden werden und ein Bündnis verschiedener Stämme und politischer Akteure die Abhaltung von Parlamentswahlen sicherstellen sollte. Die Rückkehr von Saif al-Islam Gaddafi auf die politische Bühne gab vielen Libyern Hoffnung auf zukünftige politische Stabilität und auf ein Gelingen des Wiederaufbaus des failed state Libyen. Saif al-Islam Gaddafi war die politische Wiederkehr gewaltfrei gelungen, durch die Loyalität und das Vertrauen der Menschen, die darauf zählten, dass er seine politische Kraft zum Wohle aller Libyer einsetzen werde. Saif al-Islam warb für sein nationales Projekt, nachdem Libyen über zehn Jahre lang unter imperialistischer Kontrolle, dem Kapitel VII der UN-Charta, der Farce einer UN-Treuhandschaft und einer sich ständig selbstreproduzierenden Krise gelitten hatte. Wahlen hätten der Rettungsanker für das gemarterte Volk sein können.
Im November 2021 reichte Saif al-Islam Gaddafi bei seinem ersten öffentlichen Auftritt seit 2011 persönlich die Unterlagen für seine Kandidatur zu den libyschen Präsidentschaftswahlen in der südlibyschen Stadt Sebha ein. Laut den damals veröffentlichten Umfragewerten hatte Saif beste Chancen, die Wahlen zu gewinnen. In Tripolis ertönten bei Reiter- und Fußballspielen laute Gaddafi-Rufe.
Die Wahlen wurden aufgrund des befürchteten Wahlsiegs von Saif Gaddafi auf Druck der USA kurzfristig abgesagt.
Im Februar 2023 wurde bei einem Treffen ausländischer Botschafter mit Mitgliedern des libyschen 5+5-Militärkomitees gefordert, bei kommenden Präsidentschaftswahlen Saif al-Islam Gaddafi als Kandidaten nicht zuzulassen.
Bei den Kommunalwahlen Ende 2024 konnten die Listen und Kandidaten von Saif al-Islam Muammar Gaddafi einen überwältigenden Sieg verbuchen, was sich bei den Kommunalwahlen im August 2025 widerholte.
Wie schon in den vergangenen Jahren feierten die Menschen in vielen Städten Libyens am 1. September 2025 auf den Straßen den Jahrestag der Septemberrevolution von 1969 und hissten die Grüne Flagge der Dschamahirija-Bewegung. Mehr als 1,5 Millionen Bürger unterzeichneten die Unterstützungserklärung für Saif al-Islam, die der UN-Mission in Libyen übergeben wurde.
Bei der Unterzeichnung der Charta für Frieden und nationale Versöhnung in Libyen am 14. Februar 2025 am Hauptsitz der Afrikanischen Union (AU) in Addis Abeba, unter AU-Schirmherrschaft und in Anwesenheit des kongolesischen Präsidenten Sassou Nguesso sowie des Vorsitzenden der AU-Kommission, Moussa Faki, war auch das Team des damaligen Präsidentschaftskandidaten Saif al-Islam Gaddafi anwesend.
Seine letzte Arbeit widmete Saif al-Islam Gaddafi im Januar 2026 dem Thema Souveränität und dessen Bedeutung für Libyen.
Wer profitiert von Saif al-Islam Gaddafis Tod?
Saif al-Islam Gaddafi war der Vermittler zwischen verschiedenen politischen in- und ausländischen Akteuren, der in der libyschen Stammeswelt ebenso zu Hause war, wie er sich auf internationalem Parkett zu bewegen wusste, der in der alten Garde der libyschen Akteure ebenso verhaftet war, wie er die Moslembrüder aus Verhandlungen kannte. Er war die große Trumpfkarte, die dem libyschen Volk verblieben war. Saif al-Islam Gaddafi musste ausgeschaltet werden.
Vermutlich wurde das Attentat auf diese bedeutende politische Persönlichkeit, wie sie Saif al-Islam darstellte, von libyschen Kräften ausgeführt, geplant und unterstützt von ausländischen Akteuren.
An dieser Stelle sei nicht verschwiegen, dass es auch innerhalb der libyschen Widerstandsbewegung Vorbehalte gegen die Politik von Saif al-Islam Gaddafi gab. Für die einen fand sich zu viel Muammar, für manche zu wenig Muammar in Saifs politischem Programm. Andere hatten Vorbehalte wegen seiner Aussöhnungsbereitschaft mit der Muslimbruderschaft und dem Versuch der Zusammenführung der Revolution von 1969 und der sogenannten Revolution vom 2011. Wieder andere stießen sich an seinen Kontakten zu Russland. Saif al-Islam Gaddafi war dabei stets das Scharnier und ausgleichende Bindeglied zwischen den verschiedenen Flügeln. Wie mit den politischen Gegnern suchte er auch mit seinen politischen Weggefährten den Weg des Ausgleichs und des Kompromisses, während er am Aufbauprogramm für Libyen arbeitete.
Für jeden der jetzigen libyschen Machthaber und ihren Verbündeten im Ausland war die Kandidatur von Saif al-Islam bei Präsidentschaftswahlen und sein voraussichtlicher Sieg ein Alptraum. Sie alle stemmten sich mit aller Kraft gegen die Souveränität Libyens, um nicht die Kontrolle über das libysche Erdöl und Erdgas sowie über das libysche Vermögen zu verlieren. Für sie muss Libyen solange im Zustand der Zersplitterung und Teilung bleiben, bis sichergestellt ist, dass nur ein Kandidat, der den USA beziehungsweise den westlichen Mächten zu Diensten ist, libyscher Präsident wird. Russland wird dabei auch ein Wörtchen mitreden, da es nicht zulassen kann, dass es seine neu errichteten Militärstützpunkte im Süden Libyens verlieren könnte – insbesondere bei der anhaltend politisch fragilen Situation in Syrien.
Es geht dabei auch um die geostrategische Lage Libyens als Tor zu Schwarzafrika und um seine Nähe zu Europa, die Kontrolle der Öl- und Gaspipelines und um die Kontrolle von Migrantenrouten.
Dies bedeutet, in Libyen wird es pseudo-demokratische Wahlen geben, mit einer nicht-souveränen Regierung, die der Kontrolle des Westens unterliegt, während das Land gleichzeitig in verschiedenen Einflusssphären verbleibt.
Das Libyen von heute
Jede ausländische Macht mit Ambitionen in Libyen hat sich ihre Partner vor Ort gesichert, im östlichen Libyen ist es der Haftar-Clan, im Westen der Dabaiba-Clan, die beide als Agenten Washingtons betrachtet werden können. Die Clan-Zusammenarbeit funktioniert bestens, insbesondere wenn es um die Plünderung der libyschen Ressourcen geht. Daneben spielt die Türkei – insbesondere militärisch – im Westen eine große Rolle, die neuerdings – wie auch die europäischen Staaten – ihre Beziehungen zum östlichen Libyen und dem Haftar-Lager wieder aufnehmen und ausbauen. Genannt seien auch noch die Vereinten Nationen und ihre hilflos agierende UN-Mission, die jeden Missstand – und sei er noch so groß – bestenfalls verwaltet.
All diese Mächte sehen sich durch den fortschreitenden Staatsverfall Libyens zunehmend in die Enge getrieben. Der einst so reiche und mächtige libysche Ölkonzern ist hoch verschuldet, die Inflation steigt, die Wirtschaft und die Finanzen stehen vor dem Zusammenbruch, während sich die kriminell-korrupte und abgewirtschaftete Politprominenz immer ungehemmter bereichert und das Land immer noch und immer wieder von Milizenkämpfen und Krieg bedroht ist. Der einst wohlhabende und einflussreiche afrikanische Staat ist am Tiefpunkt seines Verfalls angekommen.
Die Verarmung und das Befinden der libyschen Bevölkerung ist für die heutigen Akteure bedeutungslos. Bei der Sicherung und Kontrolle der Ölquellen und der Finanzen sind die Menschen eher ein Störfaktor, sofern sie nicht als Arbeitskräfte oder Milizionäre benötigt werden.
Das libysche Volk, sogar jene Teile, die sich 2011 an den Aufständen gegen Muammar Gaddafi beteiligten, sind zutiefst verunsichert und frustriert. In dieser Situation musste Saif al-Islam Gaddafi, der charismatische, bescheiden und fromm lebende Sohn des großen Revolutionsführers Oberst Muammar al-Gaddafi, als Lichtgestalt am Polithimmel erscheinen. Ein geeintes, souveränes und reiches Libyen, auf das man wieder stolz sein könnte – dieser Traum war nicht nur der Traum von Saif al-Islam Gaddafi, sondern dieser Traum vereinte alle Libyer. Eine militärische Bedrohung stellte Saif für niemanden dar, allein seine Existenz war für seine Gegner gefährlich.
In dieser Situation ist es fast müßig zu fragen, welcher ausländische Geheimdienst die Ermordung ausgeheckt hat und welche Schergen innerhalb Libyens die Tat ausführten. Russland möchte man in diesem Zusammenhang ausschließen, nicht weil sie die Guten sind, sondern weil sie im westlichen Libyen nicht präsent sind und von der Ausschaltung Saif al-Islams am wenigsten profitieren werden.
Die Mörder wird man finden, um sie schnellstens auszuschalten, die Hintermänner werden vermutlich im Dunkeln bleiben.
Saif al-Islams Bruder, Saadi Muammar Gaddafi, erklärte: „Wir beschuldigen derzeit niemanden des Mordes an Saif al-Islam, und alle Behauptungen oder Gerüchte, wir würden eine bestimmte Partei oder Person beschuldigen, sind reine Erfindung.“
Politischer Mord – Wildwestmethoden als akzeptiertes Mittel zum Zweck
Saif al-Islam war nicht das erste politische Mordopfer in Libyen. Nicht nur verschwinden immer wieder politische Akteure in Foltergefängnissen oder werden gleich auf offener Straße erschossen, sondern auch mit missliebigen Milizenführern wird, in letzter Zeit wieder verstärkt, kurzer Prozess gemacht. Aufhorchen ließ auch ein Flugzeugabsturz am 23. Dezember 2025, als das Flugzeug, das den Generalstabschef der Dabaiba-Regierung, Mohammed al-Haddad und seine vier Begleiter nach einem Besuch in der Türkei zurück nach Tripolis fliegen sollte, nach dem Start in Ankara gegen einen Berg prallte und alle Insassen den Tod fanden. Al-Haddad galt ebenfalls als Mittler, der sich für die Vereinigung des westlichen und östlichen Libyens stark gemacht hatte.
Gelingt es nicht, missliebige politische Führungspersönlichkeiten wegzusperren – wie beispielsweise in Pakistan Imran Khan – oder zu entführen – wie in Venezuelas Präsidenten Nicolas Maduro –, dann bleibt als wirksamstes Mittel zur Ausschaltung politischer Gegner immer noch Mord. Enthauptungsschläge insbesondere gegen charismatische und beliebte Anführer, von Palästina über den Libanon bis zum Iran, sind an der Tagesordnung.
Inzwischen wird auch in Europa nicht mehr von diesen unfeinen Methoden zurückgeschreckt, egal ob der Gegner links oder rechts zu verordnen ist. Man denke an die Annullierung einer demokratischen Wahl in Bulgarien 2024, das Attentat gegen den slowakischen Regierungschef Robert Fico 2025 oder die Verurteilung der französischen Oppositionsführerin Marin Le Pen 2026.
In diesem Zusammenhang sei auch auf den Tod des charismatischen und bei den Österreichern beliebten Politikers Jörg Haider im Jahr 2008 hingewiesen, der – als er sich anschickte, mit seiner Partei zur stärksten politische Kraft in Österreich zu werden – um einen Baum gewickelt wurde. Der Aufstieg der FPÖ konnte damit nicht verhindert werden, er wurde im Gegenteil beflügelt.
Die Nahost-Korrespondentin des österreichischen Standards, Gudrun Harrer, war sich in ihrem wöchentlichen Newsletter bei der Erwähnung des Mordes an Saif al-Islam Gaddafi nicht zu schade, hämisch die ehemalige Freundschaft zwischen Haider und Saif al-Islam zu thematisieren, nicht ohne fast bösartig auf angebliche Jugendsünden Saif al-Islams hinzuweisen, die seinerzeit in der Regenbogenpresse hochgejazzt wurden. Die deutsche Presse nahm von der Todesnachricht des Saif al-Islam Gaddafi insgesamt kaum Notiz, und falls doch, durfte die Titulierung als „Sohn des libyschen Diktators“ natürlich nie fehlen. Shame on you!
Libyens Kampf geht weiter
Saif al-Islam Muammar Gaddafis Schicksal hat sich erfüllt. Er ging den Märtyrerweg seines Vaters und seines Bruders. Sein Buch des Lebens ist geschlossen. In den Herzen der libyschen Bevölkerung wird er neben seinem Vater ebenso wie im kollektiven Gedächtnis Libyens weiterleben und dort einen ehrenhaft Platz einnehmen, ebenso bei vielen Menschen rund um den Erdball, die mit den Libyern um das Schicksal des Landes bangen.
Die libyschen Bürger, denen der Gang zur Wahlurne verwehrt ist, haben bei der Beisetzung von Saif mit den Füßen abgestimmt, in dem sie eindrucksvoll zu Zigtausenden Saif auf seinem letzten Weg wegbegleiteten und das Totengebet verrichteten.
Die Täter haben – anders als von ihnen geplant – mit dem Mord an Saif weiter zur Einigung des Landes beigetragen
Für die noch trauernden Anhänger von Saif al-Islam und den libyschen Widerstand beginnt ein neuer Abschnitt, die Zeit nach Muammar und ohne Saif. Die Erschütterung wird sich legen und es wird ein für Libyen zukunftsträchtiger Weg gefunden werden.





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