Während die UN-Mission für Libyen – im Fahrwasser des Plans von Trump-Berater Massad Boulos – so tut, als ob sich Libyen auf gutem Weg zu einer Vereinheitlichung der Regierungsstrukturen und Institutionen befindet, lässt die Lage jenseits der Verhandlungstische anderes vermuten. Neben der Ablehnung des UN-initiierten 4plus-4-Abkommens im Westen durch weite Teile der Politik und der Bevölkerung, erfolgen Drohnenanschläge auf wichtige Infrastruktur, erschweren Strom-, Wasser- und Treibstoffmangel das Leben der Menschen und legen Streiks- und Protestbewegungen, insbesondere im Bildungs- und Gesundheitswesen, das öffentliche Leben lahm.
Auch das Wachpersonal von Öl- und Gasanlagen streikt für höhere Löhne, blockierte den Zawiya-Erdölkomplex und schloss das Ventil der Pipeline, die das Öl vom Scharara-Ölfeld nach az-Zawiya transportiert, woraufhin auch das Scharara-Ölfeld den Förderbetrieb einstellen musste. Verbindungen sowohl von den Drohnenangriffen als auch zu den Ölfeldschließungen nach Spanien wurden aufgedeckt.
Doch nicht nur das: Laut Zeugenaussagen waren auch Mitglieder der ausgehobenen Sabotagezelle am Mord von Saif al-Islam Gaddafi im Februar dieses Jahres beteiligt, um dessen aussichtsreiche Kandidatur bei Präsidentschaftswahlen zu verhindern.
Der Ruf nach Aufklärung, insbesondere nach Offenlegung der jeweiligen Hintermänner und ihrer Helfershelfer, wird immer lauter, während die Positionen der libyschen Hauptakteure – Saddam Haftar und Abdul Hamid Dabaiba – ins Rutschen geraten.
Die UN-Mission für Libyen unter Leitung von Hannah Tetteh – und im Fahrwasser des Plans von Massad Boulos, dem Vertrauten von Donald Tramp und Schwiegervater von dessen Tochter Tiffany – tut so, als ob sich Libyen auf gutem Weg zu einer Vereinheitlichung der Regierungsstrukturen und Institutionen mit dem Ziel der Abhaltung von Wahlen befindet. Das absichtlich in einen östlichen und einen westlichen Teil gespaltene Libyen soll wieder zusammengeführt werden, da es die sich immer mehr zuspitzenden chaotischen Zustände, die in diesem failed State seit dem Nato-Krieg von 2011 herrschen, nicht erlauben, die Ölförderung im Sinne ausländischer Konzerne sicher und rentabel zu gestalten.
Die beiden Gremien, die laut den Vereinten Nationen als politische Führung in Libyen anerkannt sind, sind das Parlament im östlichen Libyen, gesteuert von der brutalen Militärherrschaft des Haftar-Clans, und die Tripolis-Regierung im westlichen Libyen, deren Premierminister zur Zeit Abdul Hamid Dabaiba heißt, der sowohl von dem von der Moslembruderschaft beherrschten Staatsrat abhängig ist, sowie von den um Macht und Einfluss konkurrierenden Milizen.
Um diese Machtzentren zu vereinen, entwickelten die USA den sogenannten Boulos-Plan, der eine gemeinsame Regierung von Saddam Haftar als Präsidialratsvorsitzenden, also Präsidenten, und Abdul Hamid Dabaiba als Premierminister vorsieht – ungeachtet der Tatsache, dass beide Clans zum einen verfeindet, zum anderen – auch nach einem Bericht einer UN-Expertenkommission – zutiefst in Korruption und Ränkespiele, auch innerhalb der eigenen Lager, verstrickt sind, jeweils verschanzt hinter dem Parlament in Bengasi und dem Staatsrat in Tripolis.
Die korrupte politische „Elite“ – Ränke und Intrigen um Macht, Geld und Einfluss
Da die konkurrierenden Gremien Parlament und Staatsrat keine Einigung erzielten, berief die UN-Mission – parallel zum Plan von Massad Boulos – ein sogenanntes 4plus4-Komitee ein, bestehend aus je von der UN-Mission ausgewählten vier Mitgliedern des Staatsrats und des Parlaments, die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen innerhalb von zwei Jahren ermöglichen sollen. Die Mitglieder des 4plus4-Komitees erzielten eine Einigung, die dem Staatsrat und dem Parlament zur Zustimmung vorgelegt wurden. Als die hierzu gesetzte Frist von vier Wochen am 30. September ablief, erklärte der Staatsratsvorsitzende Mohammed Takala seine Ablehnung der 4plus4-Vereinbarung, ebenso wie dies der Moslembruder und einflussreiche Mufti von Tripolis, as-Sadiq al-Gharyani tat. Beide waren stets Verbündete von Abdul Hamid Dabaiba.
Anzumerken bleibt, dass sich sowohl die verfeindeten Vorsitzenden des Staatsrats, Mohammed Takala, und des Parlaments, Agila Saleh, auf Einladung der Türkei am 10. September in Ankara trafen, um anschließend gemeinsam zu erklären, sie würden die bereits vor einiger Zeit zwischen Staatsrat und Parlament ausgehandelten 6plus6-Vereinbarungen trotz noch bestehender Differenzen bevorzugen. Dies war gleichbedeutend mit der Ablehnung der 4plus4-Vereinbarungen, bei der beide Gremien durch die Regierungsübernahme innerhalb des Dabaiba-Haftar-Arrangements ihren politischen Status und ihre Macht verlieren würden, ebenso wie der jetzige Präsidialratsvorsitzende al-Menfi von seiner bisherigen Machtposition als quasi libyscher Präsident von Saddam Haftar verdrängt würde. Wer das Amt des Präsidialratsvorsitzenden inne hat, hat auch den militärischen Oberbefehl über die libyschen Streitkräfte, die es auch erst noch zu vereinigen gilt.
Saddam Haftar wurde vor nicht allzu langer Zeit ohne die dafür vorgeschriebene militärische Qualifikation zum Oberst befördert sowie zum stellvertretenden Generalkommandeur der sich Libysche Nationalarmee (LNA) nennenden Militärkräfte im östlichen Libyen ernannt. Nach dem Boulos-Plan soll der im westlichen Libyen – auch wegen des Marsches der LNA auf Tripolis im Jahr 2020 – verhasste Haftar den Oberbefehl über eine, dann vereinte, libysche Armee erhalten – selbstverständlich unter Aufsicht von AFRICOM (United States Africa Command). Gegen diese Entmachtung stemmen sich insbesondere die Milizen im westlichen Libyen, denen ihre Einnahmequellen durch Korruption, Schmuggel und Schleusertum abhandenkämen. Alle wollen sich ihre Pfründe, die sie sich nach dem Fall der Dschamahirya-Regierung 2011 unter den Nagel rissen, weiter sichern.
Premier Abdul Hamid Dabaiba ist sowohl auf die Milizen als auch auf die Unterstützung der Moslembruderschaft von Mufti as-Sadiq angewiesen, daneben gibt es ernsthafte politische Rivalitäten zwischen seinem Sohn Mohammed Dabaiba und seinem Neffen Ibrahim Dabaiba, der sich seinerseits wieder gut mit Saddam Haftar zu verstehen scheint. Wie interessiert Abdul Hamid Dabaiba also tatsächlich an dieser merkwürdigen Machtteilung zwischen ihm und Saddam Haftar ist, bleibt fraglich. Denn sicher ist: Wer die militärische Macht hat, beherrscht das Land – und das wäre – kommt der Boulos-Plan zustande – Saddam Haftar. Das Ganze dürfte auf eine Militärdiktatur zusteuern und das libysche Volk könnte Wahlen vergessen.
Sabotage und Intrigen
Im östlichen Libyen sind inzwischen anstelle des inzwischen über 80-jährigen CIA-Mannes Khalifa Haftar insbesondere drei seiner sechs Söhne, Saddam, Khaled und Belqasem, politisch aktiv. Zwischen diesen Dreien besteht eine ausgeprägte Rivalität, die ihre Fortsetzung innerhalb des Parlaments findet. Während Khaled Haftar den Parlamentsvorsitzenden Agila Saleh unterstützt, will ihn Saddam Haftar stürzen.
Am 14. September hielt Agila Saleh überraschend eine Parlamentssitzung ab, bei der das nötige Anwesenheitsquorum nicht erreicht, aber das 4plus4-Abkommen einstimmig von den nur 30 Anwesenden angenommen wurde. Dieses juristisch höchst anfechtbare Ergebnis wurde von der UN-Mission freudig begrüßt, obwohl 87 Parlamentarier die Sitzung boykottiert hatten und – unterstützt von Saddam Haftar – eine Geschäftsordnungsänderung forderten, um Agila Saleh als Parlamentsvorsitzenden absetzen zu können. Am 21. September wollten diese Abgeordneten ihrerseits eine Sitzung abhalten, wurden aber von Khaled Haftars Truppen daran gehindert. Khaled unterstützt Agila Salehs Verbleib im Amt, da er bei einer Machtausweitung seines Bruders Saddam um seinen eigenen Einfluss fürchtet. Diese Befürchtungen teilen sowohl Ägypten als auch die Türkei.
Diese Mehrheit im Parlament ist ebenfalls für eine Annahme des 4plus4-Abkommens – allerdings ohne den Einfluss von Agila Saleh, der vermutlich stark unter Druck gesetzt wird und auf Zeit spielt.
All diese libyschen Akteure sind keineswegs Herren ihrer Entschlüsse und Manöver, sondern werden von ausländischen Mächten gesteuert, seien es die Großmächte wie USA und Russland, oder rivalisierende Regionalmächte wie Türkei und Israel, oder sogar die EU, Frankreich, Italien und Großbritannien, die in Libyen mitmischen und ihren Einfluss behalten wollen. Die USA sind mit AFRICOM im Land, die Türkei hat weitreichenden politischen und militärischen Einfluss im westlichen Libyen, Russland baut seine Militärbasen im östlichen, südlichen und zentralen Libyen aus und wird diese Stützpunkte auch zur Unterstützung der Allianz der Sahelstaaten (Mali, Burkina Faso, Niger) und nach dem Verlust seiner Einflusssphäre in Syrien nicht aufgeben wollen. Nachdem neuerdings auch ukrainisches Militär im westlichen Libyen aktiv wurde, ist die Befürchtung groß, dass Libyen zum neuen Kriegsschauplatz für Stellvertreterkriege wird.
Die arabischen Staaten manövrierten sich durch die Mitwirkung am Sturz von Oberst Gaddafi 2011 selbst in die politische Bedeutungslosigkeit – und das ist noch das für sie harmloseste Zukunftsszenario.
Bleibt zu ergänzen, dass die Tochter des 2011 ermordeten Muammar Gaddafi, Aischa al-Gaddafi, die Meinungsumfragen, wer denn libyscher Präsident werden sollte, im September 2026 mit großem Abstand anführte.
Die libysche Realität: Drohnenangriffe, Hinrichtungen, Streiks, Schließung von Ölpipelines
Erscheinen die Vorgänge um das politische Machtgerangel schon komplex genug, wird die Lage jenseits der Verhandlungstische noch verwirrender. Während in den ostlibyschen Gefängnissen, trotz aller Proteste von Menschenrechtsorganisationen und sogar der UN-Mission, bei Hinrichtungen aus Rache Köpfe rollen, erfolgten im westlichen Libyen nach Demonstrationen und Protesten gegen ständige Stromausfälle und Versorgungsengpässe Drohnenangriffe auf wichtige Infrastruktur in az-Zawiya und Tripolis. Daneben sind seit Wochen Lehrerschaft und medizinisches Personal im Streik und auf den Straßen, um für Gehaltserhöhungen und Verbesserung sowohl des beruflichen Umfelds als auch für Gehaltserhöhungen zu demonstrieren. Und im südlichen Libyen liefern sich Milizen von Saddam Haftar- und von Abdel Salam Zubi, dem USA-treuen, stellvertretenden Verteidigungsminister der Dabaiba-‚Regierung‘, Stellvertreterkämpfe.
Dies alles in einer Zeit, in der sich der Kurs des Libyschen Dinars im Sinkflug befindet, die Lebenshaltungskosten in die Höhe schießen und die Arbeitslosigkeit auf über fünfzig Prozent angestiegen ist.
Die Drohnenangriffe
Bereits im August war es zu Drohnenangriffen auf den Erdölkomplex von az-Zawiya, die größte Raffinerie Libyens, gekommen, bei der unter anderem ein großer Treibstoffltank in Brand geriet und einstürzte. Es folgte am 12. August ein weiterer Angriff mit einer Kamikaze-Drohne, der das Umspannwerke zerstörte und zu weitreichenden Stromausfällen in ganz Westlibyen führte. Auch Anlagen in der Hauptstadt Tripolis wurden zum Drohnenziel.
Schon bald war geklärt, dass es sich bei den Anschlägen um ukrainische Drohnen handelte, die entgegen des herrschenden Waffenembargos wohl über den ukrainischen Botschafter in Algerien mitsamt Ausbildern und mit Wissen Dabaibas ins westliche Libyen geschmuggelt wurden, und um deren Erhalt die westlibyschen Milizen konkurrieren. Ermittlungen ergaben, dass der Milizenführer Mohammed al-Bahrun (alias al-Far/die Maus) die Mitglieder der Zelle in az-Zawiya beherbergt hatte. Es heißt, al-Bahrun hege gegen Premierminister Dabaiba einen Groll und wolle die Position seiner Milizen innerhalb von az-Zawiya gegenüber Konkurrenten stärken. Die Drohnenangriffe fanden nach einem Gespräch, das Ibrahim Dabaiba mit al-Bahrun führte, ein Ende.
Zweifellos sollten diese Angriffe Dabaibas Stellung schwächen, da damit gezeigt wurde, wie begrenzt Dabaibas Einfluss in der westlichen Region ist, in der er nicht für die Sicherheit der für Libyen lebenswichtigen Infrastruktur sorgen könne. So unter Druck geraten, schien Dabaiba gar nichts anders übrig zu bleiben, als das 4plus4-Abkommen – in Verbindung mit dem Boulos-Plan – zu akzeptieren. Dies war ganz im Interesse von Saddam Haftar, dem an einem schnellstmöglichen Abschluss gelegen war, da er durch seine Brüder im eigenen Lager geschwächt wird.
Ein Grund für den Versuch Haftars, Dabaiba durch die Drohnenangriffe zu schwächen, kann auch darin gelegen haben, dass Tripolis im Süden Libyens versucht, Haftars dortige militärische Stellung zu schwächen, indem es gegen dort stationiertes Haftar-Militär Angriffe verübt, ausgeführt durch die von Mohammed Wardago geführte Einsatzzentrale zur Befreiung des Südens.
Allerdings drehte sich das Blatt, als von Dabaibas Sicherheitskräften eine Sabotagezelle ausgehoben wurde, der nicht nur die Drohnenanschläge in az-Zawiya und Tripolis nachgewiesen werden konnten, sondern auch ihre Kontakte zu Saddam Haftar. Wie Dabaiba bei einem Treffen in Misrata verkündete, soll sich auf einem Rechner der Zelle eine Liste mit Personen aus Dabaibas-Umfeld gefunden haben, auf die Attentate geplant waren, darunter Abdel Salam Zubi und Abdullah al-Lafi. Internationale Akteure versuchten, diese Angelegenheit klein zu halten und zu beruhigen, um den Boulos-Deal nicht zu gefährden. Am Rande der UN-Generalversammlung in New York habe sich Boulos sogar persönlich bemüht, die Debatte zu beenden, indem er sich mit dem Präsidialratsvorsitzenden Mohammed al-Menfi, einem strikten Gegner des 4plus4-Abkommens, traf. In diesem Zusammenhang ist bezeichnend, dass Abdul Hamid Dabaiba kein Visum für die USA bekam, um an der UN-Generalversammlung teilnehmen zu können.
Dabaiba seinerseits scheint zu beabsichtigen, Bengasi mit diesen Informationen zu erpressen und einen hohen Preis für sein Stillhalten zu fordern. Es ist für ihn entscheidend, Zeit zu gewinnen, um die Umsetzung des Boulos-Plans zu verzögern und seine eigene Ausgrenzung aus der libyschen politischen Szene zu verhindern.
Ein weiterer Höhepunkt des Drohnenstreits ereignete sich am 12. September, als südlich der Region Idri eine bewaffnete Gruppe festgenommen wurde, die Dabaibas stellvertretenden Verteidigungsminister Abdel Salam Zubi untersteht, und die etwa 25 Angriffsdrohnen mit sich führte. Diese Gruppe sei auf dem Weg in die im Süden gelegene Stadt Sebha gewesen, um dort Angriffe auf wichtige zivile und militärische Einrichtungen zu verüben. Dies sei eine Reaktion von Zubi auf die Drohnenangriffe gegen die Zawiya-Raffinerie gewesen, in deren Folge die für die Attacken verantwortliche Terrorzelle festgenommen worden war.
Letzte Meldungen vom 1. Oktober besagen, dass in az-Zawiya erneut ein Dieselkraftstofftank in Brand steht, der von einem Geschoss getroffen wurde.
Die Mitglieder der Sabotagezelle
Laut Dabaibas Aussagen kam ein Team aus Söldnern und Waffenexperten, das Saddam Haftar für Sabotageangriffe im Westen Libyens angeheuert hatte, aus Spanien. Dieses sei durch einen hochrangigen leitenden Angestellter des globalen Ölriesens Repsol gedeckt worden.
Die ausgehobene Sabotagzelle – von der angenommen wird, dass sie Teil eines größeren Netzwerks ist – bestand aus drei Libyern, die der Tariq-bin-Ziyad-Brigade von Saddam Haftar angehören, sowie mehreren Ausländern, darunter ein spanischer Staatsbürger. Die westlibyschen Sicherheitsbehörden bestätigten eine Verbindung zwischen dieser Person und dem spanischen Sicherheitsunternehmen Shadow Links, das 2023 einen Vertrag über die Entwicklung von Drohnen mit der Firma Almord Oasis General Trading unterzeichnete, einer Tochtergesellschaft der libyschen al-Oschib-Gruppe mit Sitz in Bengasi, die sich im Besitz von Achmed Gadallah, einem Geldgeber des Haftar-Clans, befindet.
Und hier schließt sich der Kreis zu den jüngsten Streiks und Schließungen von Ölleitungen durch die Wachdienste der Ölanlagen.
Die Vorgeschichte
Im Jahr 2023 kaufte Saddam Haftar Drohnen und Wärmebildkameras von drei spanischen Firmen. Auf dem Weg nach Bengasi stoppte der Transport auf Malta, wo die spanische Guardia Civil den Großteil der Lieferung beschlagnahmte. Haftar rächte sich an Spanien für die Behinderung seines Waffenschmuggels, indem er im Februar 2024 für kurze Zeit das Scharara-Ölfeld schloss, an dem Spanien den größten Anteil über das Unternehmen Repsol hält.
Doch dann wurde Saddam Haftar nach einem Italienaufenthalt am Flughafen von Neapel festgenommen, da ein von Spanien beantragter internationaler Haftbefehl wegen Waffenschmuggel gegen ihn vorlag. Nach seiner sehr schnell bewirkten Freilassung und Rückkehr nach Bengasi ließ Haftar aus Zorn gegen die Regierung von Pedro Sanchez das Scharara-Ölfeld erneut schließen, diesmal bis Oktober 2024. (1) So unter Druck geraten, knickte Sanchez ein. Die Vorwürfe des Waffenschmuggels wurden fallen gelassen und die Ermittlungen der Guardia Civil zum Drohnenkauf ohne Ergebnis eingestellt. Auf mysteriöse Weise verschwand aus dem Internet der Indipendinti-Zeitungsartikel.
Streiks des Sicherheitspersonals und Schließung des Ölfelds
Just dieser Tage wurde das Scharara-Ölfeld erneut geschlossen.
Es begann am 6. September, als Mitglieder des Wachdienstes der Ölanlagen (Petroleum Facilities Guard/PFG) im Scharara-Feld den zuständigen Stellen eine Frist von einer Woche setzten, um ihre Forderungen – unter anderem an Anpassung ihrer Gehälter an den dem Militär zustehendem Sold – zu erfüllen. Nachdem in az-Zawiya die Zufahrten zum Mellitah-Erödkomplex blockiert wurden und das Wachpersonal auch die Ölpipeline von al-Hamada nach az-Zawiya mittels Schließung eines Ventils blockierte, gab die National Oil Corporation (NOC) am 15. September die Einstellung der Förderung in drei Ölfeldern bekannt.
Am 26. September erklärte die NOC das Pumpenventil der Ölpipeline, die zum Akakus Oil Coperations gehört, wieder für geöffnet. Allein eine fünftägige Schließung hatte einen Verlust von 95 Millionen US-Dollar zur Folge. Dabaiba hatte den Forderungen nachgegeben und die Gehälter der Wachmannschaften entsprechend angehoben.
Doch bereits am 30. September verkündete die Gewerkschaft des Libyschen Öl- und Gasfacharbeiterverbands die teilweise Aussetzung der Arbeit in allen Ölfeldern und Häfen, bis ihre Forderungen erfüllt sind, darunter die Erhöhung der Gehälter und die Abschaffung der Einkommenssteuer. Im Gegensatz dazu lehnte die Gewerkschaft der Nationalen Ölinstitution jegliche Schließungen von Ölfeldern und Verladehäfen ab, auch wenn sie die Forderungen der Arbeitnehmer zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen unterstütze. Tatsächlich ist es nicht immer klar, wann Pipelineventile gerade geschlossen oder geöffnet sind oder wann Ölfelder die Förderung einstellen mussten und müssen – und auch nicht, wer dafür die Verantwortung trägt.
Saddam Haftar dürfte dabei nicht unwesentlich seine Finger im Spiel haben, um die Anerkennung seiner inzwischen wackeligen politischen Stellung durch Druck auf Spanien und auf die in Libyen tätigen spanische Ölkonzerne, und somit auch auf die ausländischen Kräfte, die das Dabaiba-Lager unterstützen, zu erzwingen.
Die Sabotagezelle und der Mord an Saif al-Islam Gaddafi
Bei den Ermittlungen über die Drohnenanschläge der Sabotagezelle wurde auch ein Mitglied dieser Zelle beschuldigt, in die Ermordung des Präsidentschaftskandidaten Saif al-Islam Gaddafi im Februar dieses Jahr verwickelt zu sein. Der Oberste Rat der libyschen Stämme und Städte forderte die Staatsanwaltschaft auf, etwaige lokale oder externe Verbindungen zu identifiziert und die daran Beteiligten der Justiz vorzuführen. Die Libyer hätten das Recht zu erfahren, wer hinter diesen Zellen stehe und wer vom Schüren des Chaos profitiere.
Mord und Sabotage seien keine politische Mittel auf dem Weg zur Macht; Angriffe auf Öl und Gas, Strom und Wasser schadeten nicht einem politischen Gegner, sondern dem libyschen Volk.
Fazit
Die Lage in Libyen ist hyperkomplex. Weder ist absehbar, wie ein Fahrplan zu Wahlen konkret umgesetzt werden kann, noch wer dies überhaupt wirklich anstrebt. Die Phrasen der UN-Mission und der ‚internationalen Gemeinschaft‘ und ihre Versprechen der Abhaltung von Wahlen sind angesichts der völlig divergenten Interessenlagen in ihrer Hohlheit kaum zu überbieten.
Massad Boulos arbeitet weiter auf eine Einigung zwischen dem Haftar- und dem Dabaiba-Lager hin, um bei den Midterm-Wahlen in den USA am 3. November Donald Trump, wenn schon nicht als Friedensstifter, so doch als erfolgreichen Dealmaker erscheinen zu lassen, während sich die konkrete Umsetzung dieses wohl viel zu simpel am Verhandlungstisch gestrickten Boulos-Plans kaum verwirklichen lässt.
Währenddessen schreckt Saddam Haftar nicht einmal davor zurück, sich um neue Unterstützung aus den VAE, den USA und sogar aus Israel zu bemühen – wie seine jüngste Teilnahme am Treffen an einem erweiterten Format zwischen Scheich Mohammed bin Zayed an-Nahyan und Netanjahu in Abu Dhabi am 29. September zeigt. Doch dieser Schritt könnte sich auch als letzter Sargnagel für seine politischen Ambitionen erweisen.
Wie sich die USA eine vereinigte Regierung bestehend aus dem Premier Abdul Hamid Dabaiba und einem neuen Staatsratspräsidenten Saddam Haftar – wie im Boulos-Plan des Trump-Beraters vorgesehen – vorstellen, bleibt unter den gegebenen Rivalitäten um Macht, Einfluss und Geld, auch aller mitmischenden ausländischen Mächte, deren Geheimnis.
Dabaiba und Haftar – keiner von beiden steht für die Zukunft eines politisch und institutionell einheitlichen und souveränen Libyens, sondern beide wurden zum Sinnbild für Gewalt und Korruption. Die politischen Treffen und Vereinbarungen scheinen immer mehr der Realität entrückt.





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