Teil I der wöchentlichen Kurznachrichten befasst sich mit der Ermordung von Saif al-Islam Muammar Gaddafi, seinem Begräbnis, den Trauerfeiern und den politischen Kommentaren und Analysen.
Teil II widmet sich den weiteren politischen Geschehnissen in Libyen.
Im östlichen Libyen und im westlichen Libyen wurden der Beginn des Ramadan bekanntgegeben. Mubarak!
Brigadegeneral al-Adschami al-Atiri zu Saif al-Islam Gaddafi: Gott hat dich diesen Monat zu seinem Gast erwählt. Es war unser Schicksal, uns von dir trennen zu müssen, damit wir unter dem Schmerz des Verlusts und der Trennung sowie des Verlusts unserer ersehnten Heimat fasten.
Mit der Ermordung und Beerdigung von Saif al-Islam Gaddafi ist Libyen in eine Zwischenwelt geglitten. Die politischen Dimensionen haben einen Sprung, sind verschoben. Nichts ist mehr, wie es war. Das Lager der libyschen Stämme dürfte sich gleichzeitig ihrer Ohnmacht als auch – dank ihres würdevollen und mächtigen Auftretens – ihrer Stärke bewusst geworden sein. Ein Ende und ein Beginn. Die Zukunft noch nicht voraussehbar, eine Türe wurde für immer geschlossen, andere werden sich öffnen.
Was von den Pseudo-Regierungen übrigbleibt: Im Westen die ‚Regierung‘ von Abdelhamid Dabaiba – abgewirtschaftet, korrupt, unbeliebt, ohne Rückhalt in der Bevölkerung – befindet sich in einer längst abgelaufenen, durch Stimmenkauf erhaltenen Machtposition, angetrieben von einem im Hintergrund agierenden Ibrahim Dabaiba (fast hätte ich geschrieben Ibrahim Haftar – wäre das so falsch?). Der Haftar-Militärclan – ohne jede echte Autorität, aufgeblasene Gewaltherrscher mit pseudo-militärischen Rängen, vom Vater den Söhnen verliehen. Haftar und Dabaiba – an der Macht durch westlichen Wunsch und Militärstärke. Dabaiba und Haftar mit ihren Clans – Marionetten, bereits heute abgehalfterte Antihelden, die niemals dazu fähig sein werden, Libyen auch nur in die Nähe von Einheit und Würde zu führen.
Warum musste Saif al-Islam sterben und warum gerade jetzt? Vielleicht geben darüber die Berichte über die Anwesenheit von Saddam Haftar auf der Münchner Sicherheitskonferenz am 14. Februar Auskunft, wo er sich mit AFRICOM-Kommandant Dagvin Anderson traf und Gespräche über die neuesten Entwicklungen in Libyen und „Möglichkeiten zur Verbesserung der Zusammenarbeit in Fragen von gegenseitigem Interesse“ führte. Was sind das für gleiche Interessen, außer die Macht an sich zu reißen, um Libyen weiter ausbeuten zu können? Selbstverständlich war auch der Berater des US-Präsidenten für afrikanische Angelegenheiten, Massad Boulos, in München anwesend, um mit General Anderson „über die Entwicklung der Sicherheitslage in Libyen und eine Reihe von Fragen im Zusammenhang mit Frieden und Stabilität auf dem afrikanischen Kontinent“ zu plaudern.
Hektik im Haftar- und Dabaiba-Lager, um sich in der neuen Situation bestmöglich in Stellung zu bringen; beide mit ihren Pseudomilitäreinheiten die Befehle aus dem Ausland ausführend.
Der Mord am Präsidentschaftskandidaten Saif al-Islam Gaddafi
+ Moussa Ibrahim (Video): „Saif al-Islam Gaddafi wurde im Rahmen einer von ausländischen Mächten inszenierten Verschwörung getötet.“
+ Moussa Ibrahim Video: „Saif al-Islam Gaddafi war die größte Hoffnung eines vereinten Libyens.“ War Muammar Gaddafis kürzlich ermordeter Sohn Saif ein geeigneter Kandidat für die Führung eines vereinten Libyens? Davon ist der ehemalige Sprecher von Muammar Gaddafi und heutiger Geschäftsführer der Africa Legacy Foundation, Moussa Ibrahim, überzeugt. Er nennt dafür drei Gründe: Saif hatte einen konkreten Plan, war nicht von ausländischen Strippenziehern abhängig und erfreute sich großer Beliebtheit (Tausende nahmen an seiner Beerdigung teil). Saifs Vater Muammar wurde bekanntlich ebenfalls ermordet – von NATO-gestützten Kräften im Jahr 2011.
Die Libyer haben ihren vielversprechendsten zukünftigen Präsidenten verloren.
+ Eine große Delegation von libyschen Stammesführern traf sich am 16. Februar mit Generalstaatsanwalt as-Siddiq as-Sour in seinem Büro in der Stadt Misrata, um über das Attentat auf den Präsidentschaftskandidaten Saif Al-Islam Muammar Gaddafi zu sprechen.
Die Delegation betonte, wie wichtig es sei, eindeutige Ermittlungsergebnisse zu erzielen, da der Fall in der Öffentlichkeit großen Widerhall findet und alle Libyer betrifft.
As-Sour erklärte, dass die Ermittlungen gut voranschreiten und die Ermittlungsbehörden ihre Arbeit fortsetzen werden, bis die Wahrheit ans Licht kommt und die Täter gefasst sind.
+ Sozialrats des Gaddafi-Stammes: Die Delegation betonte, wie wichtig es sei, der Öffentlichkeit die ganze Wahrheit zu offenbaren und alle Umstände und beteiligten Parteien offenzulegen. Die Delegation forderte, dass der Gerechtigkeit Genüge getan und jeder, der nachweislich beteiligt war, gemäß dem Gesetz angemessen bestraft werde.
Der Generalstaatsanwalt bestätigte, dass die Ermittlungen zügig voranschreiten und von ihm persönlich geleitet werden. Die Ergebnisse der Ermittlungen würden nach Abschluss der rechtlichen Verfahren transparent gemacht.
+ Mustafa az-Zaidi (ehemaliger Anführer der Revolutionären Komitees und Vorsitzender der Partei Volksbewegung): Wie kann es sein, dass die libyschen Strafverfolgungsbehörden die Täter nicht identifizieren und festnehmen? Dies macht diejenigen verdächtig, die für die Strafverfolgung und Verbrechensbekämpfung zuständig sind. Sie werden entweder der Beihilfe oder der Vertuschung bezichtigt!
Trauer um Saif al-Islam Muammar Gaddafi
+ Scheich Amradsch Buhalfaia al-Maghribi sprach sein Beileid zum Tod von Saif al-Islam Muammar Gaddafi aus: „Diese große Tragödie betrifft nicht eine bestimmte Familie oder einen bestimmten Stamm, sondern ist ein Verlust, dessen Auswirkungen alle freien Menschen betreffen.“ Er betonte die Bande der Brüderlichkeit und Solidarität, die die Söhne der Nation in Zeiten des Wohlstands und der Not vereinen.
+ Eine Delegation des Obersten Rates der as-Sayan-Stämme sprach ihr Beileid aus: Saif al-Islam ist ein Märtyrer der Nation. Die Trauer wird geteilt, denn der tiefe Verlust betrifft alle freien und ehrenhaften Menschen.
+ Die Delegation der Radschban-Stämme: Saif al-Islams Konzept ist kein persönliches Konzept, sondern ein Konzept zur Rettung eines Heimatlandes vor Besatzung, Chaos, hohen Lebenshaltungskosten, Schmuggel und Einwanderung und zur Befreiung des Landes.
„Wir sind alle Muammar Gaddafi, wir sind alle Saif al-Islam, wir sind alle al-Mutasim und wir sind alle Khamis [Brüder von Saif].“
Saif al-Islam habe nach 15 Jahren des Kampfes sein Projekt allen Libyern anvertraut.
„Wir werden Saif al-Islams Ansatz nicht aufgeben und wir werden unsere Stimmen nicht verkaufen, bis wir unser Land durch Wahlen wiederhergestellt haben. Wir fordern, dass die Wahrheit ans Licht kommt, dass die Täter gefunden und für dieses Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden.“
+ Der Sozialrat des Gaddafi-Stammes empfing in Sirte eine Delegation des Fawad-Stammes, der sein Beileid aussprach.
+ Der Sozialrat des Gaddafi-Stammes empfing eine Delegation des Magharba-Stammes und Bewohner der Gebiete von Brega, Bischr, al-Arqub und Ras Lanuf, unter der Leitung von Scheich Amradsch Buhalfaia al-Maghribi, die ihr Beileid aussprach. (Fotos).
Der Sozialrat des Gaddadfi-Stammes würdigte den Besuch der Delegation als Ausdruck der tiefen brüderlichen Beziehungen und der Einheit angesichts der widrigen Umstände.
+ Der Sozialrat des Gaddafi-Stammes empfing eine Delegation des Dschufra-Stammes und eine Delegation des Abu-Makhlub-Clans vom Magarha-Stamm, die ihr Beileid aussprachen. (Fotos)
+ Der Sozialrat des Gaddafi-Stammes empfing eine Delegation des Abu-Turkiya-Clans, die ihr Beileid aussprach. (Fotos)
+ Der Sozialrat des Gaddafi-Stammes empfing eine Delegation des Gabail-Stammes, die ihr Beileid aussprach. (Fotos)
+ Der Sozialrat des Gaddafi-Stammes empfing eine Delegation des Rabai-Stammes, die ihr Beileid aussprach.
Dr. Mohammed Ali ar-Rabaie: Saif al-Islam fiel Verrat, Intrige, Verschwörung und sündhaften Händen zum Opfer. Die Tragweite dieser Tragödie lässt sich nicht in Worte fassen. Seine Beerdigung hat der Welt die Liebe der Libyer zu ihm vor Augen geführt. Saif al-Islam gab sein Leben als Opfer für das Vaterland und floh nicht wie jene, die flohen, als das Vaterland sie brauchte. Saif al-Islam trat in die Fußstapfen seiner Vorfahren; er ist der Sohn eines Märtyrers und der Bruder von Märtyrern.
+ Dschawad Kazem Abud ar-Rabat al-Gatrani, Scheich der Gatrani-Stämme im Irak, sandte ein Kondolenztelegramm: Die al-Gatrani-Stämme im Irak teilen die Trauer und den Schmerz über diese große Tragödie und sprechen ihr Beileid zum Verlust des Sohnes, des verstorbenen Anführers, aus, der die Geschichte der arabischen und islamischen Nation unauslöschlich geprägt hat.
+ In Pakistan erfolgt ein Brunnenbau als Wohltätigkeitsaktion im Gedenken an Saif al-Islam Muammar Gaddafi. (Fotos)
Politisches Team Saif al-Islam Muammar Gaddafi
+ Das Saif-Gaddafi-Team bestätigte, dass seine Bewegung ihren nationalen, friedlichen und demokratischen Weg fortsetzt, und dass alle ihre Plattformen und Institutionen allen ihren Anhängern offenstehen. Libyen bleibe trotz der Verschwörung von Feinden von innen und außen seinem Pakt mit der Geschichte treu.
Das abscheuliche Terrorverbrechen, das das Leben des legendären Märtyrers forderte, werde Stärke, Widerstandsfähigkeit, Tatkraft und Entschlossenheit, den Weg zur Verteidigung der Freiheit Libyens zu vollenden, nur noch verstärken.
Dieses Verbrechen sei von den Kräften der Finsternis und des Verrats geplant und ausgeführt worden, den Feinden des libyschen Volkes, den Feinden der Freiheit, des Friedens, des Fortschritts und der nationalen Versöhnung.
„Die Flagge der Nation wird uns nicht entgleiten; sie wird von den freien Menschen Generation für Generation gehisst werden.“
Der Weg des Stolzes, der Ehre und der Opferbereitschaft für Libyen werde fortgesetzt, den Weg unseres legendären Märtyrers Saif al-Islam Muammar Gaddafi, der sein Leben dem Fortschritt und der Weiterentwicklung Libyens mittels des Konzepts Libyen von Morgen widmete. Saif al-Islam habe sich für sein unterdrücktes und unterworfenes Volk eingesetzt und die Option der nationalen Versöhnung und den friedlichen demokratischen Weg
befürwortet.
Das Vermächtnis der Märtyrer, allen voran der Märtyrer Muammar Gaddafi und Saif al-Islam Muammar Gaddafi, werde in jedem freien und ehrenvollen libyschen Haushalt bewahrt und von starken und vertrauenswürdigen Händen bewacht. Dieses Treuhandverhältnis trage die operative Verantwortung für alle Arbeitsteams, die ihre auf verschiedenen politischen, medialen, rechtlichen und sozialen Ebenen zugewiesenen Aufgaben übernehmen. Sie sind innerhalb derselben Struktur, die von Saif al-Islam Gaddafi geschaffen wurde, tätig.
An alle jene, die Libyen auslaugen oder den Willen seines Volkes brechen möchten, sei diese Botschaft gerichtet: Dieses Volk, das Entbehrungen erduldet und wertvolle Opfer gebracht hat, ist in der Lage, seinen Staat wiederherzustellen und seine Zukunft aus freiem Willen zu gestalten.
Libyen bleibe Eigentum des libyschen Volkes und gehöre niemand anderem. Das libysche Volk hat an dem denkwürdigen Tag der Beerdigung des Märtyrers seine endgültige und unmissverständliche Entscheidung kundgetan.
„Wir verfolgen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und werden nicht ruhen, bis die Täter verhaftet und vor Gericht gestellt werden.“
+ Abdullah Othman (Leiter des politischen Teams von Saif al-Islam Gaddafi): Saif al-Islam versuchte zu sagen, dass eine Einigung keine Niederlage und Versöhnung keine Schwäche ist, und dass das Vaterland wichtiger als die Schützengräben des Augenblicks ist.
Gott, Muammar und Libyen!
+ Es wurde die Gründung der Basisinitiative Loyalisten-Treffen bekanntgegeben. Es handelt sich dabei um eine Gruppe, die Saif al-Islams intellektuelles und humanitäres Erbe auf der Grundlage der Werte Loyalität, Liebe und Hingabe zu ihm und seiner nationalen Sache pflegen will.
Man wolle die Wahrheit über das abscheuliche Attentat aufdecken und sicherstellen, dass die Täter nicht ungestraft davonkommen.
+ Am 14. Februar wurde in Tripolis eine Koranrezitation zum Gedenken an den ermordeten Saif al-Islam Muammar Gaddafi abgehalten.
+ In der französischen Hauptstadt Paris fand am 14. Februar eine Gedenkfeier zu Ehren von Saif al-Islam Muammar Gaddafi statt.
Die Veranstaltung umfasste Nachrufe, die seine Rolle, seine Initiativen und seine Konzepte in Bezug auf nationale Fragen beleuchteten.
Es wurde an Schlüsselmomente seines politischen Wirkens erinnert, wobei die Teilnehmer die Bedeutung der Dokumentation seiner Erfahrungen betonten und seine Beiträge zur Zukunft Libyens hervorhoben.
+ Auch in Tunesien fanden am 14. Februar Gedenkfeiern zu Ehren von Saif al-Islam Muammar Gaddafi statt.
Die tunesische Volksbewegung hatte einen Gedenkgottesdienst für den ermordeten Saif al-Islam Muammar Gaddafi organisiert, bei dem eine Reihe tunesischer Aktivisten als Redner geladen waren.
Sarah Brahmi (Enkelin des verstorbenen tunesischen Aktivisten Mohamed Brahmi): Wir sind nicht hier, um über die Geschichte zu urteilen, sondern um unsere Differenzen zu überwinden. Wir sind hier, um zu sagen, dass Verlust schmerzt, dass er Spuren hinterlässt, die die Zeit nicht so leicht auslöschen kann, und dass Unterdrückung ausnahmslos in unseren arabischen Familien Einzug gehalten hat. In solchen Momenten löst sich die Politik auf und nur die Menschlichkeit und das Vaterland bleiben zurück. Wie lange wird dieses Blutvergießen noch andauern, wie lange wird uns das Blut des Märtyrers noch verfolgen und das, was wir ihm und dem, was von diesem Vaterland übrig ist, angetan haben?
Wir stehen nicht hier, um die Spaltung zu vertiefen, sondern um unsere Menschlichkeit wiederherzustellen und zu bezeugen, dass der Märtyrer kostbar ist, dass libysches Blut kostbar ist und dass Libyen kostbar ist.
Stellungnahmen
+ Der Oberste Jugendrat von Zintan warnte vor Aufruhr nach der Ermordung des ermordeten Saif al-Islam Muammar Gaddafi.
Die Stämme der Zintan und Warfalla seien integraler Bestandteil der Nation, verbunden durch tief verwurzelte historische Bindungen. „Wir rufen alle unsere loyalen Söhne, Ältesten, Weisen und Jugendlichen dazu auf, der Stimme der Weisheit und Vernunft den Vorrang zu geben und sich über alles zu erheben, was Streit schürt oder uns spaltet, denn die Stärke unserer Nation liegt in ihrer Einheit und ihre Schwäche in ihrer Spaltung.
Wir alle sind Söhne dieser Nation und werden vereint, Hand in Hand und im Herzen, für unser Heimatland einstehen und unsere Gesellschaft vor jeglichem Schaden bewahren.“
+ Der russische Vertreter bei den Vereinten Nationen verurteilte die Ermordung von Saif al-Islam aufs Schärfste. Er betonte, dass die libyschen Behörden eine klare und unparteiische Untersuchung durchführen müssten, um die Täter des Vorfalls zu ermitteln und sie gemäß dem Gesetz zur Rechenschaft zu ziehen.
Analysen und Meinungen
+ Mustafa al-Fituri (Autor): Die Kandidatur von Saif al-Islam Gaddafi versetzte die westlichen Mächte in Angst und Schrecken, da sie sich seines Sieges sicher waren. Deshalb beschlossen sie, den gesamten politischen Prozess zu lähmen.
Die Ermordung von Saif al-Islam Gaddafi in Zintan am 3. Februar markierte den blutigen Abschluss des Desasters der NATO-Intervention im Jahr 2011.
Saif al-Islam war der letzte Erbe von Millionen Anhängern, die als die Grünen bekannt sind. Diese breite Basis bleibe eine wichtige Säule der fragilen Stabilität im Süden Libyens, wo Saif die Rolle des Hauptvermittlers zwischen konkurrierenden Stammesinteressen übernommen hatte.
Für viele der Trauernden in Bani Walid sei die Beerdigung ein tiefer persönlicher Trost gewesen, auch weil ihnen 2011 die Beerdigung von Muammar Gaddafi, Saifs Vater, verwehrt worden war. Der Ort seiner Grabstätte ist bis heute geheim.
Al-Fituri: Die Wahl von Bani Walid als seiner letzten Ruhestätte hat eine tiefe Bedeutung, die sich über Generationen erstreckt. Auf dem dortigen Friedenhof wurde Saifs Urgroßvater nach seinem Märtyrertod in einer Schlacht gegen die italienische Besatzung im Jahr 1911 beigesetzt. Saifs jüngerer Bruder Khamis wurde dort ebenfalls beigesetzt, nachdem NATO-Truppen im Oktober 2011 seinen Konvoi bombardiert hatten.
Mit Saifs Beisetzung sei eine direkte Verbindung zwischen seinem Tod und dem jahrhundertelangen Kampf um die Souveränität Libyens hergestellt worden. Seine Beisetzung bedeute kein Ende, sondern den Anfang der Wiederherstellung der Souveränität.
An der nördlichen Stadtzufahrt von Bani Walid stehe ein riesiges Plakat, einem Denkmal gleich, das Muammar Gaddafi neben Saddam Hussein, Khamis und den Märtyrern der Stadt zeigt, die 2011 und 2012 bei deren Verteidigung gefallen sind. Ein Bild von Saif al-Islam soll hinzugefügt werden.
Saifs Weg in seinem letzten Lebensjahrzehnt sei eine Studie über das Überleben, die allen Szenarien trotzte, die für ihn in London oder Washington entworfen worden waren.
In jungen Jahren sei er bei den westlichen Eliten sehr beliebt gewesen – als Künstler, dessen Bilder in London, Brüssel und New York ausgestellt wurden. Dieselben politischen und gesellschaftlichen Eliten, die seine Ausstellungen besuchten, seien später diejenigen gewesen, die die Kampagne zu seinem Sturz anführten.
Saif al-Islam sei das reformistische Gesicht der Dschamahirija gewesen, des einzigartigen Systems, das von seinem Vater begründet wurde und als „Staat der Massen“ und direkte Demokratie bekannt ist. Obwohl dessen ideologisches Ziel der Aufbau einer dezentralen Autorität war, blieb es in Wirklichkeit ein hochgradig zentralisiertes System, das Saif von innen heraus zu modernisieren suchte. Saif al-Islam sei ein Mann gewesen, der seinen Einfluss nicht innerhalb offizielle Ämter, sondern für Diplomatie nutzte.
Es habe weltweit erfolgreich die Freilassung westlicher Geiseln ausgehandelt. Dieselbe Gruppe, die später in den Chor derer einstimmte, die ihn als „Teufel in Verkleidung“ bezeichneten, lobte damals seine Menschlichkeit und seine akademische Brillanz.
+ Mustafa al-Fituri (in RT): Mit der Ermordung von Saif Al-Islam Gaddafi haben seine Mörder nicht den Status quo gesichert, sondern die letzte symbolische Stütze für Millionen von Libyern zerstört, die noch immer an die Möglichkeit der Rückkehr des Regimes in einer geeinten und zivilen Form glauben.
Die riesige Menschenmenge in Bani Walid habe gezeigt, dass Libyen nicht vom „Gespenst der Dschamahirija befreit“ wurde, sondern endgültig in das von Saif al-Islam vorhergesagte gesetzlose Vakuum eingetreten ist.
Die langfristigen Konsequenzen seien verheerend. Seine Anhänger, die einst einen geeinten Block bildeten, werden sich voraussichtlich in eine desillusionierte Wählerschaft verwandeln; sie werden sich davor hüten, für eine Fraktion zu stimmen, die als an seinem Mord mitschuldig angesehen wird.
Jahrelang spielte Saif die Rolle eines unverzichtbaren Vermittlers und diente als politische Stütze und legitime Alternative zu der Elite, die ihre Glaubwürdigkeit völlig verloren hat. Er sei die treibende Kraft der Versöhnung unter den Libyern, insbesondere unter den Stämmen im Süden, gewesen, wo sein Einfluss ein Schlüsselfaktor für Stabilität war.
Während seinen Anhängern derzeit eine einheitliche Streitmacht vor Ort fehle, stört ihr politischer Rückzug den Friedensprozess erheblich.
Indem die Täter den Mann töteten, der seine Anhänger dazu aufrief, Wahlen statt Kugeln zu vertrauen, sprengten sie die letzte verbliebene Brücke zwischen der zerrissenen Vergangenheit des Landes und seiner möglichen Zukunft. Die Architekten dieses Chaos sorgten dafür, dass die einzige verbleibende Sprache die des stillen, brodelnden Grolls sein wird. Nun gebe es niemanden mehr, der das Land zur Vernunft bringen könne.
+ Das Libysche Zentrum für Sicherheits- und Militärstudien: Die Ermordung von Saif al-Islam Muammar Gaddafi führte zum Ende des Gleichgewichts zwischen den Konzepten Februar-September-Würde, das mehr als ein Jahrzehnt gedauert hatte, und verkompliziert die Situation, indem sie die letzte soziale Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart zerstörte.
Der Mord fand im Rahmen einer Geheimdienstoperation statt, die darauf abzielt, die politische Landkarte Libyens im Vorfeld der für April 2026 geplanten Wahlen neu zu gestalten. Das Fehlen von Saif al-Islam Gaddafi eröffnet eine direkte Gegenüberstellung oder ein erzwungenes Abkommen zwischen den Tripolis- und den Bengasi-Lagern, was zur völligen Marginalisierung der sozialen Kräfte führt, die in der September-Bewegung (Gaddafi-Anhänger) einen Ausweg aus der Spirale des strukturellen und institutionellen Staatsversagens sahen.
Die Präsenz von Saif al-Islam verhinderte, dass weder Abdulhamid Dabaiba noch Khalifa Haftar die Macht monopolisieren konnten, da Saif über eine breite Volksbasis verfügte, deren Vertrauen in ihn laut mehreren unabhängigen Meinungsumfragen auf 45 Prozent geschätzt wurde.
Saif al-Islam verkörpert eine Symbolik, die weit über ihn als Person hinausgeht, und die Bilder von der Beerdigung in Bani Walid sandten eine klare Botschaft an das bestehende politische System, dass der Grüne Block (Gaddafi-Anhänger) noch immer existiert und zur Mobilisierung fähig ist.
Saif al-Islam besaß eine moralische Kraft und historische Legitimität, die keiner der beiden gegenwärtigen Parteien in Libyen zukommt.
+ Präsidialratsvorsitzender al-Menfi (der im Ausland residiert): Die Ermordung von Dr. Saif al-Islam Gaddafi ist vor allem ein klarer Angriff auf die Versöhnung in Libyen.
„Wir verurteilen die Ermordung von Dr. Saif al-Islam Muammar Gaddafi. Es gibt welche im In- und Ausland, die vom Chaos profitieren.“
Saif al-Islam habe sich in der Zintan–Region unter minimalen Sicherheitsvorkehrungen aufgehalten. Dies deute darauf hin, dass dort ein Gefühl der Sicherheit herrschte und er tatsächlich in Sicherheit war.
„Ich habe mich bezüglich der Ermordung mit dem Kommandanten der Region Zintan, dem Generalstaatsanwalt, dem Innenminister und dem Bürgermeister in Verbindung gesetzt.“
Das Attentat sei ein Angriff auf die nationale Versöhnung gewesen, die die Grundlage für Sicherheit und Stabilität bildet.
+ Salem az-Zadma, stellvertretender Premierminister der Hammad-Parallelregierung (Bengasi): Die Haltung der Warfalla- und Awlad-Solba-Stämme bei der Beisetzung des Leichnams von Saif al-Islam Muammar Gaddafi, bei der Durchführung der würdigen Trauerzeremonien und beim Empfang von Trauerdelegationen aus allen Himmelsrichtungen zeugt von der Authentizität dieser Stämme, ihres Festhaltens an den Werten der Loyalität und ihrer Übernahme der Verantwortung für die Beisetzung in Bani Walid.
+ Karin Saleh (ehemaliger Botschafter im Tschad): Die Massen, die sich versammelten, um Dr. Saif al-Islam Gaddafi die letzte Ehre zu erweisen, sandten eine Botschaft des libyschen Volkes an alle Völker der arabischen Welt und an alle Völker der Welt: Er ist nicht tot, denn er ist die Verkörperung der libyschen Revolution, durch die das libysche Volk seine Souveränität erhält.
+ Nachdem Ibrahim Dabbaschi (Präsidentschaftskandidat) mit Schadenfreude auf die Ermordung von Saif al-Islam reagierte, antwortete Ali Misbah Abu Sabiha, Leiter des Versöhnungsteams von Saif al-Islam Gaddafi, dass das Februar-Lager sein Ziel erreicht und dem Volk Schaden zugefügt habe. „Ihr habt euer Land religiös und moralisch zerstört, bevor ihr es physisch zerstört habt.“
+ Ali Zeidan (Präsidentschaftskandidat): Saif al-Islam Gaddafi war ein höflicher und respektvoller Mann. Er behandelte die Menschen, denen er begegnete, normal, respektierte die Älteren und ging auf soziale Belange ein.
+ Al-Arab (London): Saif al-Islam Gaddafi behinderte das Projekt der Versöhnung zwischen dem Dabaiba- und dem Haftar-Clan. Die Entscheidungsträger in Washington und Paris streben eine Überbrückung der Kluft zwischen Tripolis und Bengasi durch ein Abkommen an, das auf der Vereinigung des Militärapparats und der Abhaltung von Wahlen basiert und beiden Konfliktparteien somit ausreichend Spielraum zur Machtteilung einräumt.
Die Verschiebung der Wahlen 2021 ging auf das Konto westlicher Hauptstädte, nachdem Meinungsumfragen deutlich gemacht hatten, dass Saif al-Islam besser als andere für das Amt des Staatsoberhaupts qualifiziert war. Die Länder, die den Krieg zum Sturz von Muammar Gaddafi angeführt haben, konnten es nicht akzeptieren, dass sein Sohn erneut die Macht ergreift.
Alles deutete darauf hin, dass Saif al-Islam die Präsidentschaftswahlen gewonnen hätte. Die Lücke, die er hinterließ, könne von niemanden gefüllt werden, ungeachtet seiner politischen Haltung, seiner sozialen Stellung oder seiner öffentlichen Unterstützung.
+ Diffa News (Italien): Die Ermordung von Saif al-Islam Gaddafi entfacht in Libyen erneut die Gefahr von Chaos; sie könnte das politische Gleichgewicht im Land beeinträchtigen. In Saif al-Islam sahen große Bevölkerungsgruppen die Chance auf eine vereinte Zukunft von Ost und West.
+ Die Zeitung al-Kuds al-Arabi: Die Beerdigung von Saif al-Islam Gaddafi wurde zu einer politischen Botschaft und spiegelte die Fähigkeit seiner Bewegung wider, zu mobilisieren und zu organisieren, indem sie sich auf Stammesbindungen und ein kollektives Gedächtnis stützte, das noch nicht ausgelöscht ist. Damit wurde das Vorhandensein eines sozialen Gewichts bestätigt, das nicht ignoriert werden kann.
Die Ermordung von Saif al-Gaddafi war ein schockierendes Ereignis auf menschlicher und symbolischer Ebene und könnte zu einem neuen Warnsignal für die Fragilität des Staates werden.
Es ist bittere Realität, dass Libyen weiterhin in einem Kreislauf unkontrollierter politischer Gewalt gefangen ist, in dem Persönlichkeiten ermordet und Fälle zu den Akten gelegt werden, ohne dass eine Aussicht auf Gerechtigkeit oder Veränderung besteht.
+ ANF (kurdische Nachrichtenagentur): Die gezielte Tötung von Saif al-Islam Gaddafi erfolgte im Rahmen einer kalkulierten politischen Abrechnung mit einer Person, die allen Anzeichen nach ein harter Konkurrent bei Wahlen gewesen wäre.
Die zunehmende politische Aktivität von Saif al-Islam und seine Fähigkeit, Stämme zu mobilisieren und seinen populären Einfluss auszuweiten, stellten für viele Parteien eine direkte Bedrohung dar.
Sein Tod könnte politischen islamischen Bewegungen eine größere Chance geben, die politische Bühne zu dominieren und die Wahlgesetze so umzuschreiben, dass sie den Fortbestand ihres Einflusses sichern.
Saif al-Islam forderte umfassende Wahlen und die Einleitung eines inklusiven politischen Prozesses, während andere versuchten, diesen Prozess zu stören.
Saif al-Islam Gaddafi präsentierte sich als politische Alternative und Symbolfigur, die Ost und West vereinen und eine Übergangsphase gestalten konnte, wobei er sich auf eine breite Basis in der Bevölkerung stützte, die verschiedene Gesellschaftsschichten umfasste.
+ Al-Khabar al-Arabi (ägyptische Zeitung ): Der Name Saif al-Islam Gaddafi ist in den Köpfen eines großen Teils der Libyer weiterhin stark präsent. Die Beerdigung von Saif al-Islam, die größte in der Geschichte Libyens, war nicht nur ein Abschied, sondern ein stilles Volksreferendum über Saif al-Islams Ansehen.
+ Die Zeitung North Africa Post: Die große Teilnehmerzahl bei der Beerdigung von Saif al-Islam Gaddafi hat das Scheitern Libyens nach der Februarrevolution symbolisiert. Das nach der Februarrevolution entstandene Regime wird größtenteils abgelehnt. Es bestehe der Wunsch der libyschen Bevölkerung nach der Stabilität, die das vorherige Regime verkörperte.
Das Schweigen der Regierungen in Tripolis und der Ostregion spiegle die Existenz zweier paralleler politischer Realitäten in Libyen wider.
+ Yassin Fawaz (politischer Analyst): Die Ermordung von Saif al-Islam Gaddafi droht, eine gefährliche Lücke zu hinterlassen. Das Ausmaß der öffentlichen Trauer um Saif al-Islam verdeutlicht, dass Libyens politische Vergangenheit tief in der Gegenwart verwurzelt ist. Es beweist, dass es in dem Konflikt nie nur um die Führung ging, sondern um den Überlebenskampf der Staatsstruktur, die die ‚Revolution‘ demontierte, aber nicht wieder aufbaute.
Saif al-Islam sei zunächst als international anerkannte Reformfigur für ein Regime in Erscheinung getreten, das eine schrittweise Wiedereingliederung in die globale Diplomatie anstrebte, bevor er zu einer politischen Figur wurde, die trotz Inhaftierung, Isolation und politischem Ausschluss ihre symbolische Legitimität bewahren konnte.
Der Name Saif al-Islam sei mit Wirtschaftsreformen, politischem Dialog und Modernisierungspolitik in Verbindung gebracht worden, die die Möglichkeit eines Wandels ohne Zusammenbruch des Staates nahelegten.
Saif al-Islam verkörperte die Möglichkeit, Libyens zentrale Institutionen zu erhalten und gleichzeitig seine politische Struktur schrittweise zu modernisieren. Er verkörperte, was weder die östliche Militärmacht noch die westliche Bürokratie nachahmen konnten: eine symbolische Kontinuität unter einer zentralen nationalen Führung.
Diese symbolische Legitimität habe Saif al-Islam nicht nur zu einer historischen Figur gemacht, sondern auch zu einem einflussreichen Wahlfaktor in einer ohnehin schon zersplitterten politischen Landschaft. Der Ausschluss von Saif al-Islam aus der politischen Arena birgt die Gefahr, Teile der Bevölkerung zu verprellen, für die seine Kandidatur die einzig mögliche politische Vertretung darstellte.
+ Saad ad-Dinali (Analyst): Die Beseitigung von Saif al-Islam erfolgte ausschließlich durch ausländische Mächte, die nach wirtschaftlicher und politischer Vorherrschaft über Libyen streben. Saif al-Islam stellte für sie eine Gefahr dar, die beseitigt werden musste, da sie ihrer Ansicht nach ihre zukünftigen Interessen bedroht.
+ Ibrahim Belkacem (Politologe): Die Behauptung, Saif al-Islam sei vor den Wahlen im Dezember 2021 eine umstrittene Figur gewesen, ist falsch. Haftar und Dabaiba waren zu dieser Zeit die umstrittensten Persönlichkeiten. Die Wahlen wurden durch die komplexen Gesetze behindert, die nur dazu bestimmt waren, sie gar nicht erst stattfinden zu lassen. Saif al-Islam wurde zu einem Symbol und einem politischen Führer. Seine Ermordung verändert die Machtverhältnisse in Libyen.
+ Abdullah al-Kebir (Politologe): Saif al-Islam Gaddafi war sehr beliebt und genoss schon 2021 die Unterstützung verschiedener Bevölkerungsgruppen. Saif al-Islam stellte eine politische Bedrohung für alle Parteien in Libyen dar, und wenn 2021 Präsidentschaftswahlen abgehalten worden wären, hätte er höchstwahrscheinlich gewonnen. Die Anhänger des ehemaligen Regimes sind zahlreich und nicht zu unterschätzen; genau dies hat die für 2021 geplanten Wahlen auf Geheiß der Amerikaner und Briten verhindert.
Saif al-Islam verkörperte die Hoffnung auf die Rückkehr von Stabilität und des Lebensstandards, den die Libyer unter dem vorherigen Regime genossen, bevor Libyen gespalten und in Milizen zersplittert wurde. Saif al-Islam war der Einzige, der im Gegensatz zu allen anderen politischen Gruppierungen in Libyen keine bewaffnete Miliz besaß.
+ Nasser Ammar (Kommandeur der Unterstützungstruppe der Operation Vulkan des Zorns): Mit dem Märtyrertod von Dr. Saif al-Islam Muammar Gaddafi sind alle Projekte zur libyschen Souveränität gescheitert.
Nasser Ammar: „Saif al-Islam war die Wahl des Volkes. Saif wurde zum Märtyrer, aber das Volk bleibt. Welche Legitimität wollt ihr ohne das Volk wiederherstellen?“
+ Abdulhamid Issa Khader (Anführer in Misrata): Als Brigadegeneral Adschami al-Ateiri vorgeladen und aufgefordert wurde, den Leichnam des ermordeten Saif al-Islam Gaddafi zu übergeben, sagte er: „Haben sie dir nicht beigebracht, dass kein Libyer einen Libyer ausliefert?“
+ Said Wanis (Sicherheitskomitee des Staatsrats): Die Ermordung von Saif al-Islam Gaddafi hat politische Implikationen. Die von Saif al-Islam angeführte politische Bewegung würde, wenn sie eine überzeugende dritte Alternative für die Staatsführung fände, eine, die transparenter, patriotischer und weniger mit ausländischen Mächten verbunden wäre, eine beispiellose Unterstützung in der Bevölkerung erfahren.
Die im Osten und Westen Libyens umgesetzten Modelle sind für die libysche Bevölkerung unbefriedigend.
+ Ibrahim Garada (Beratungsausschuss): Alle libyschen und internationalen Akteure benötigen Zeit, um die aktuellen Entwicklungen zu verstehen. Daher ist es wahrscheinlich, dass der Wahltermin nach der Ermordung von Saif al-Islam verschoben wird, da der libysche Staat nach wie vor ein Verhandlungsfeld zwischen bewaffneten Gruppen, Verwaltungsnetzwerken und internationalem Einfluss ist und die Abwesenheit von Saif al-Islam jeden auf unterschiedliche Weise betrifft.
Nationale Versöhnung erfordert politische, wirtschaftliche und soziale Versöhnung. Saif al-Islam war der Einzige, der in der Lage war, das gesamte ehemalige Regime zu vertreten; jetzt weiß niemand mehr, wer mit wem sprechen soll. Er repräsentierte einen verhandlungsfähigen Block.
+ Ali at-Tayyar ar-Rayani (Aktivist): Muammar Gaddafi verließ diese Welt und hinterließ weder Farmen, noch Resorts, noch Paläste oder Bankkonten im In- oder Ausland, aber er hinterließ lokale, arabische und internationale Standpunkte.
+ Maher Gaida (tunesischer Aktivist): Die Ermordung von Saif al-Islam Muammar Gaddafi war ein politisches Attentat par excellence und erfolgte im Kontext widerstreitender politischer Interessen, sowohl im Inland als auch im Ausland. Neben Großbritannien und Russland haben auch mehrere andere Länder, wie USA, Frankreich und Italien, Interessen in Libyen, insbesondere im Öl- und Gassektor. Diese Länder wollen weder Stabilität noch eine Vereinigung noch die Wiederherstellung der libyschen Souveränität.
+ Kamal Ben Younes (tunesischer Journalist): Saif al-Islam eröffnete Kanäle für den Dialog mit den Gegnern des Regimes außerhalb des Landes, um das Konzept Libyen von morgen als reformorientierte und institutionelle Option darzustellen, die nationale Konstanten mit den Erfordernissen der Moderne in Einklang bringt.
Die Ermordung von Saif al-Islam Gaddafi und sein endgültiges Verschwinden von der politischen Bühne waren nicht nur ein sicherheitspolitisches oder politisches Ereignis, sondern vielmehr der Ausschluss eines Reformprojekts, das versucht hatte, Nationalisten, Islamisten und Modernisten zu versöhnen.
„Ich habe Saif al-Islam und seinen Vater viele Male getroffen und festgestellt, dass die meisten der Entscheidungsträger in Libyen und im Ausland auf eine „Reform von innen heraus“ setzten, bei der Saif al-Islam Gaddafi und seine globalen Wohltätigkeitsprojekte sowie Libyen von morgen eine wichtige Rolle spielen würden.
Saif al-Islam Gaddafi entwickelte sich vor 2011 zu einer der einflussreichsten Persönlichkeiten der libyschen Politikszene und zum Träger eines ehrgeizigen Reformprojekts, das ein anderes Bild des damals bestehenden politischen Systems vermitteln sollte.
Saif al-Islam und seinem Team war es gelungen, große Gruppen ehemaliger Gegner des herrschenden Regimes in Tripolis zurückzubringen und eine Versöhnung mit ihnen zu erreichen. Die Initiative Libyen von morgen galt damals als einer der prominentesten Versuche, schrittweise Reformen in der Struktur des libyschen Staates einzuführen.
Das Konzept war eine integrierte Vision zur Modernisierung von Verwaltung, Wirtschaft und Medien, mit dem Ziel, Libyens Image im Ausland nach Jahren der internationalen Isolation zu verbessern.
Während dieser Zeit galt Saif al-Islam als Stimme, die innerhalb des Regimes Reformen forderte, da er bei mehreren Gelegenheiten über die Notwendigkeit sprach, die Korruption zu bekämpfen, die Gesetze zu modernisieren und mehr Raum für Meinungsfreiheit zu schaffen. Neben seinen politischen und medialen Aktivitäten spielte Saif al-Islam auch eine bedeutende Rolle als Vorsitzender einer Wohltätigkeitsstiftung mit internationalem Charakter. Diese Rolle trug dazu bei, ihn als eine Persönlichkeit darzustellen, die in Bereichen agiert, die über die traditionelle Politik hinausgehen, da die Stiftung an humanitären Initiativen innerhalb und außerhalb Libyens teilnahm.
Die Organisation hat sich durch ihre humanitären Vermittlungsbemühungen hervorgetan, indem sie sich an Verhandlungen zur Freilassung von Geiseln in Konfliktgebieten beteiligte und darüber hinaus Entwicklungs- und Sozialprojekte unterstützte. Diese Aktivitäten verschafften Saif al-Islam eine bemerkenswerte Präsenz in internationalen Kreisen und trugen zum Aufbau eines Netzwerks von Beziehungen zu politischen Persönlichkeiten und Nichtregierungsorganisationen in Europa und Afrika bei.
Beobachter waren der Ansicht, dass die Wohltätigkeitsarbeit ein Mittel sei, sein internationales Ansehen zu steigern und ihn auf eine größere politische Rolle in der Zukunft vorzubereiten.
Saif al-Islam wurde sowohl im Inland als auch international als potenzieller Reformer innerhalb der herrschenden Struktur wahrgenommen.
Saif al-Islam schien dem Westen gegenüber offener zu sein und besser in der Lage, die internationale Gemeinschaft in einer zeitgemäßen politischen Sprache anzusprechen. Dieser Eindruck wurde durch seine Medienpräsenz, seine akademischen Studien und seine Beziehungen zu europäischen Forschungszentren und politischen Persönlichkeiten verstärkt. Einige Analysen legten nahe, dass er ein natürlicher Kandidat sein könnte, um eine neue Phase in Libyen einzuleiten, die auf einer Mischung aus Kontinuität und Wandel basiert.
Die Ermordung von Saif al-Islam in einem als sicher geltenden Haus bestätigte das Bestehen eines „breiten Konsenses zur Beendigung der Ära von Gaddafis Gefolge und seiner Familie“. Das Verbrechen ereignete sich wenige Tage nach wichtigen wirtschaftlichen, militärischen und politischen Maßnahmen und Abkommen, die von us-amerikanischen und westlichen Beamten in Tripolis und Bengasi geschlossen wurden.
Die Bewertung dieser Ereignisse wird weiterhin Gegenstand von Debatten sein. In den letzten Jahren der Herrschaft Gaddafis sah sich Saif al-Islam zunehmender Kritik aus den Sicherheits-, Militär- und politischen Kreisen nahe dem Machtzentrum ausgesetzt. Einige dieser Parteien betrachteten seinen reformorientierten Diskurs und seine Offenheit gegenüber Gegnern, Intellektuellen und Absolventen westlicher und arabischer Universitäten mit Misstrauen. Dieses System zielte darauf ab, seinen Einfluss einzuschränken und die Rollen einiger seiner Brüder zu stärken, die als dem Sicherheitsapparat näherstehend und weniger aufgeschlossen gegenüber politischen Veränderungskonzepten galten.





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