von Loïc RAMIREZ       (Gastbeitrag)

Die französische Online-Zeitschrift Le Grand Soir (LGS) entsandte (mit Unterstützung ihrer Leser) im Winter 2025/26 die beiden Journalisten Loïc Ramirez und Erwan Briand nach Russland – nach Moskau – und in den vom Krieg gezeichneten Donbass, um einen Film zu drehen. Im Vorgriff auf dessen Veröffentlichung hat Ramirez eine dreiteilige Reisereportage für LGS verfasst, deren Übersetzung ins Deutsche Gela-News hier veröffentlicht.

 

 

 

Propagandawandbild in Donezk:
„Die Grenzen Russlands sind unendlich“

 

Der Name Donbass ist die Kurzform von „Donezbecken“. Der Donez ist ein Nebenfluss des Don;  das Gebiet liegt im äußersten Südosten der Ukraine und gehört de facto zur Russischen Föderation. Um dorthin zu gelangen, mussten wir zunächst von Moskau nach Rostow am Don reisen. Die Zugfahrt durch die unendlich weite, verschneite Landschaft dauerte über 24 Stunden. Dann folgten einige Stunden im Auto. „Sie wollen nach Donezk? In die Volksrepublik Donezk?“, fragt uns die Angestellte am Fahrkartenschalter für Busse eindringlich. „Ja, genau, Donezk.“ Ihre Reaktion lässt keinen Zweifel daran, dass Menschen aus dem Westen dort selten zu sehen sind. In Rostow hingegen herrscht reges Treiben. Der Autobahnbahnhof und seine Umgebung sind voll von Männern in olivgrünen Uniformen, die mit ihren Rucksäcken auf dem Weg zur Front sind oder von ihr zurückkehren. Viele haben die typisch zentralasiatischen Gesichtszüge: rund und hart, mit mandelförmigen Augen. Ihre Jacken sind mit einem Aufnäher oder einem Klettabzeichen versehen: die russische Flagge mit dem Buchstaben Z, die sowjetische Flagge oder andere, ausgefallenere Motive. Läden, die sie verkaufen, gibt es überall.

Die Fahrt sollte vier Stunden dauern. Am Grenzübergang, der Russland von der (ehemaligen?) Ukraine trennt, müssen alle Fahrgäste aussteigen. In einer Reihe wartend, müssen alle ihre Papiere dem Beamten vorweisen. Kaum liegen unsere vor ihm, leitet er sie eifrig an seine Vorgesetzten weiter. Wie erwartet, steht uns eine Vernehmung bevor. Der Busfahrer, der uns beobachtet hat, ahnt, dass er wegen uns viel länger würde warten müssen als vorgesehen. Er brummt etwas vor sich hin und geht zurück zum Bus, um den Motor abzustellen. „Journalisten?“, fragt der junge Mann in Uniform, der uns in seinem Büro empfängt. „Ja, für ein französisches Medium, Le Grand Soir.“ „Lé Gran… Sua?“, fragt er, bevor er unsere Akkreditierung gewissenhaft überprüft. Er stellt uns ein paar grundlegende Fragen zu unserem Projekt und der geplanten Dauer unseres Aufenthalts, und dann, ganz entspannt, fragt er, ob wir Fußball mögen. „Sind Sie PSG-Fan?“ Eine Frau in Uniform unterbricht das Gespräch und erinnert ihn daran, dass der Bus auf uns wartet. „Wenn Sie auf der Rückfahrt wieder hier vorbeikommen und ich im Dienst bin, können wir uns gerne weiter unterhalten“, sagt er lächelnd. Etwas verlegen gesellen wir uns wieder zu den anderen Fahrgästen, die uns höflich mustern. „Alles klar? Können wir weiter?“ Der Bus fährt los.

Donezk, eine Bergbaustadt, erscheint immer noch grau, fast anthrazitfarben. Über zehn Jahre ununterbrochener Krieg haben ihre Spuren hinterlassen. In vielen Vierteln sind die Spuren der Bombenangriffe deutlich zu sehen. Es ist milder als in Moskau, der Schnee schmilzt zu einer Art schwarzem Schlamm, der über Nacht schnell gefriert. In unserer Mietwohnung im Norden der Stadt gibt es nur alle drei Tage Wasser, und das auch nur für wenige Stunden. Wir müssen Kanister und Schüsseln füllen, wenn wir an der Reihe sind, um einen Vorrat anzulegen. Draußen auf den Straßen haben die Behörden Trinkwasserspender aufgestellt. Wir sehen dort vor allem ältere Frauen, die Flaschen füllen, die sie auf kleinen Karren oder in der Hand mit sich schleppen. An unserem Aussehen erkennen sie schnell, dass wir nicht von hier stammen. An einem Tag spricht uns eine von ihnen beim Lebensmitteleinkauf an: „Seid ihr aus Frankreich? Ach! Warum liefert Frankreich Waffen an die Ukraine? Wir sind es, auf die sie dann schießen!“, ruft die alte Frau. Die Bombenangriffe, die Toten, die kleinen Kinder, die gehen … Sie gibt uns eine rasche Zusammenfassung ihres Lebens, ich kann die Details kaum erfassen, so schnell wie sie spricht. Nachdem sie ihr Herz erleichtert hat, fühlt sie sich besser, entschuldigt sich für die Unterbrechung und geht dann ihres Weges.

„Trotz der Schwierigkeiten ist die Lage heute besser als 2022“, erklärt Katja Ladnowa, eine Einwohnerin von Donezk. „Wir werden nicht mehr so stark beschossen, und die Frontlinie ist weiter entfernt.“ Lange Zeit war Donezk dem Artilleriefeuer der ukrainischen Armee ausgeliefert, die sich etwas weiter nördlich in der Stadt Awdiewka verschanzt hatte. Da sie ab 2022 mit leistungsfähigeren Waffen „made in NATO“ ausgerüstet war, konnte sie weiter entfernte Ziele treffen und härter zuschlagen. Doch im Februar 2024 gelang es den Russen, Awdiewka einzunehmen und Donezk vom ständigen Beschuss zu befreien. Eine weitere Veränderung kommt hinzu: Die abtrünnige Volksrepublik ist heute eine weitere Republik der Russischen Föderation. „Jetzt haben wir alle russische Pässe, was vieles einfacher macht“, erklärt Katja. „Wir können viel einfacher in Russland oder sogar anderswo reisen, arbeiten oder studieren.“ Schon seit 2014 richtete Donezk den Blick nach Osten. Sogar die Zeitzone war nun an Moskau und nicht mehr an Kiew angeglichen. Die Schulbücher wurden ausgetauscht und stammten nun aus Russland. Man muss allerdings sagen, dass aus der Ukraine ausschließlich Raketen hierher geschickt wurden.

Boris Litwinow

„Die Ukrainer sind gegangen, die Kommunisten sind geblieben“, schmunzelt Boris Litwinow, während er uns durch das Hauptquartier der Kommunistischen Partei führt. Innen empfängt eine riesige Lenin-Büste die Besucher. An den übrigen Wänden nehmen sowjetische Wappen und Flaggen einen prominenten Platz ein. Mit seinen 72 Jahren scheint Boris vor Energie zu sprühen. Groß und imposant, verleiht ihm seine robuste Statur eine kraftvolle Präsenz. Wie ein Baum. „Wissen Sie, ich war Aktivist in der Sowjetischen Kommunistischen Partei, dann in der Kommunistischen Partei der Ukraine, dann in der Kommunistischen Partei der Volksrepublik Donezk, und jetzt bin ich Mitglied der Kommunistischen Partei Russlands (KPRF).“ Allein diese kleine Geschichte macht die geopolitischen Verschiebungen deutlich, die diese Region durchlaufen hat. Wenig überraschend unterstützt er die russische Intervention, was auch der offiziellen Parteilinie entspricht. „Auch wenn Russland ein kapitalistisches Land ist, hat die Einheit gegen den äußeren Feind Priorität“, sagt Boris und meint damit die Ukraine und die NATO. Seiner Ansicht nach stand die Bevölkerung des Donbass allein im Widerstand gegen die von der extremen Rechten geprägte Junta in Kiew. „Wissen Sie“, fährt Boris fort, „ich bin der Sohn eines ehemaligen sowjetischen Partisanen; als der Krieg 2014 begann, lebte mein Vater noch. Ich besuchte ihn, und er fragte mich, was los sei. Ich sagte ihm: ‚Vater, wir müssen gegen die Faschisten kämpfen‘, und er antwortete: ‚Aber wir haben sie doch schon besiegt.‘ Da antwortete ich ihm: ‚Wir müssen es wieder tun.‘“
Das sowjetische Heldenepos des Großen Vaterländischen Krieges bleibt für die Menschen der Region weiter eine Inspiration. Die Parallelen zwischen dem aktuellen Konflikt und dem des 20. Jahrhunderts werden immer wieder betont, auch von den Behörden, die darin ein wirksames Mittel zur Mobilisierung der Bevölkerung sehen.

Eines Morgens begleiteten wir Oksana Sitnik, die Leiterin des örtlichen Roten Kreuzes. Zusammen mit einem Chauffeur soll sie Hygieneartikel an die Bewohner der Dörfer nördlich von Donezk verteilen. „Wir müssen früh los, weil es nachts gefährlicher wird“, erklärte die große, blonde Frau, als sie in den weißen Geländewagen einsteigt. Wir halten zuerst in Debalzewo, wo wir Waleri, einen Gemeindebeamten, treffen. Er hält sein Telefon stets griffbereit und ist der Einzige, der uns durch die verschiedenen Kontrollpunkte der russischen Armee entlang der Straße lotsen kann. Die Straße  … eine schlecht unterhaltene Piste voller Schlaglöcher und Unebenheiten. Am Straßenrand hat man Pfosten aufgestellt, die ein riesiges Netz stützen, das einen Tunnel bildet, in den wir mit voller Geschwindigkeit hineinfahren. „Es ist gegen Drohnen“, sagte Waleri. „Ist es effektiv?“, frage ich. Waleri sieht mich im Rückspiegel an und sagt: „Das rettet Leben, ja.“

Von einem Anti-Drohnennetz geschützte Straße bei Debalzewo

Wir erreichen Nowolouhanske, eine Kleinstadt, die seit Sommer 2022 unter russischer Kontrolle steht. Der unweit der Front gelegene Ort scheint fast menschenleer. Die Fassaden der leeren Gebäude geben uns eine Vorstellung von der Intensität des Konfliktes. Wir halten an einer kleinen Schule, die offenbar in eine Art provisorisches Verwaltungszentrum umgewandelt wurde, von dem aus alle Aktivitäten koordiniert werden. An den Wänden hängen Kinderzeichnungen und einige Schwarz-Weiß-Fotos ehemaliger sowjetischer Soldaten. Sicherlich Überbleibsel der schulischen Aktivitäten im Zusammenhang mit dem 9. Mai und der Pflicht zum Gedenken. Nach einigen Kontrollen, deren Details uns verborgen bleiben, setzen wir unsere Fahrt zu den Weilern dieser Gegend fort.

Eine Gruppe älterer Frauen empfängt uns am Eingang einer alten Datscha, deren Schornstein unaufhörlich grauen Rauch ausstößt. „Hier gibt es seit 2022 weder Strom noch Wasser“, erklärt Oksana. Sie weiß, dass der Empfang kühl sein wird, geht aber dennoch als Erste auf die kleine Gruppe zu. „Vier Jahre! Vier Jahre geht das schon so!“, ruft eine der alten Frauen aus. „Aber nachts sehen wir, dass die anderen Dörfer in der Ferne Licht haben! Warum nicht wir?“ Waleri, der einzige Vertreter der neuen Behörden, versucht, auf ihre Beschwerden einzugehen. Mit fester Stimme spricht er zu den Dorfbewohnern: „Hört mal, Ihr wisst sehr gut, wie die Lage ist. Es braucht viele Ressourcen, damit unsere Kräfte vorankommen, und die Situation ist noch nicht stabil. Zunächst zu den Drohnen: Ist da alles in Ordnung?“ Ein Mann kommt hinzu und antwortet: „Ja, im Moment ist es ruhig hier, aber wir brauchen Generatoren!“

Die Diskussion dauert fast eine Stunde. Nach einigen hitzigen Wortwechseln legt sich die Spannung, und die Atmosphäre wird freundlicher. Eine der Anwohnerinnen bemerkt das Wappen mit den Farben der ehemaligen Volksrepublik Donezk, das Waleri auf seiner schwarzen Jacke trägt. „Hier, ich gebe es Ihnen“, sagt er und reicht ihr das Klettabzeichen. Erfreut drückt sie ihn an ihr Herz und bedankt sich. Oksana beendet das Treffen, indem sie alle Anwesenden einlädt, sich eine Schachtel mit dem Rotkreuz-Logo abzuholen, die sie von der Ladefläche ihres Fahrzeugs aus verteilt. Ich nutze die Gelegenheit, um mich einigen Dorfbewohnern zu nähern und sie zu fragen, warum sie noch immer in diesem Weiler so nah an der Frontlinie leben. „Und wohin soll ich gehen?“, fragt ein älterer Rentner. „Nehmt ihr mich mit nach Frankreich?“

Ohne länger zu warten, fordern uns Oksana und Waleri auf, wieder einzusteigen. In der Ferne sind Explosionen zu hören. Welche Seite schießt? Unmöglich zu sagen. „Die Front ist 40 Kilometer Luftlinie entfernt“, erklärt Waleri. Wir fahren zurück Richtung Debalzewo und dann weiter nach Donezk. „Was habt ihr morgen vor?“, fragt Oksana, die auf dem Rückweg plötzlich viel entspannter wirkt. Wir antworten ihr: Mariupol. „Ah, Mariupol … Ich kenne dort jemanden, der Euch führen und Euch helfen kann; ich gebe Euch ihre Kontaktdaten.“

Das französische Original, Fragments russes (2), wurde von Heiner Biewer ins Deutsche übersetzt. Fotos: Freske: L. Ramirez, sonstige: E. Briand

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