In Sirte findet ab Mitte April die zweiwöchige Militärübung Flintlock 2026 statt, angeführt vom US-Kommando AFRICOM, unter Beteiligung des italienischen Sondereinsatzkommandos und libyscher Spezialkräfte aus Ost und West.
Nicht nur das Hissen der US- und anderer Kolonialherrenflaggen auf libyschem Staatsgebiet, sondern auch die Aufgabe der Souveränität und die Überlassung militärischer Entscheidungen an ausländische Mächte – insbesondere an diesem Ort und an diesen Tagen – werden von der libyschen Bevölkerung als Demütigung empfunden.
Bernard-Henri Lévy riss im Katastrophenjahr 2011 persönlich die grüne Dschamahiriya-Flagge herunter und befestigte stattdessen die Flagge der NATO-Kreuzritter.  Im Jahr 2026 wehen die Fahnen des Kolonialismus in Sirte, dem Geburtsort von Oberst Muammar Gaddafi.
Dazu eine Stellungnahme von Moussa Ibrahim und ein Hinweis auf die im Januar 2026 von Saif al-Islam Gaddafi kurz vor seiner Ermordung veröffentlichen Schrift zur libyschen Souveränität.

In der geschichtsträchtigen libyschen Küstenstadt Sirte findet ab Mitte April die zweiwöchige Militärübung Flintlock 2026 statt, angeführt vom US-Kommando in Afrika, AFRICOM. Flintlock ist eine jährlich auf dem afrikanischen Kontinent stattfindende, multinationale Special-Operations-Übung. Heuer nehmen daran Einheiten aus mehr als 30 Ländern teil, wobei Aktivitäten sowohl in Libyen als auch in der Elfenbeinküste stattfinden. Mitveranstalter ist das italienische Sondereinsatzkommando in Libyen. Die Übungen werden koordinierte Luft-, Boden- und Seeverkehrsoperationen umfassen, die darauf abzielen, die Kampfbereitschaft, die Interoperabilität und die schnellen Reaktionsfähigkeiten der teilnehmenden Nationen zu verbessern.

Auch libysche Spezialkräfte, die sich bis dato feindlich gegenüberstehen – solche, die zum Verteidigungsministerium der Dabaiba-‚Regierung‘ in Tripolis gehören, und solche, die zum Haftar-Generalkommando in Bengasi gehören – nehmen gemeinsam an der Übung teil.

Die im westlichen Libyen auf Militärstützpunkten vertretenen türkischen Militärkräfte sind ebenfalls beteiligt. So diskutierte der Generalstabschef des westlichen Libyens, Salah an-Namrusch, mit dem Kommandeur der türkischen 2. Armee, Levent Ergn, die Vorbereitungen zur Flintlock-Übung. Beide Seiten betonten die Bedeutung der Ausweitung militärischer Ausbildungsprogramme, um die Effizienz der libyschen Kader zu steigern und von den fortgeschrittenen türkischen Erfahrungen in den Bereichen Qualifizierung und militärische Planung zu profitieren.

In Libyen kämpfen nicht nur die Großmächte, sondern auch alle maßgeblichen Regionalmächte um Kontrolle und Einfluss.

Saddam Haftar, Sohn von Khalifa Haftar und Oberbefehlshaber der östlichen Militärkräfte in Libyen, kündigte am 15. April den Beginn taktischer Übungen und Operationen an und bekundete seine Anerkennung für die Bemühungen von AFRICOM und den USA. Auch Abdul Salam az-Zubi, Verteidigungsbeauftragter der Tripolis-‚Regierung‘ von Abdulhamid Dabaiba, drückte seinen tiefsten Dank an AFRICOM für die Überwachung und Organisation der Flintlock-Übung aus, sowie seine Hochschätzung für die Teilnahme der italienischen Streitkräfte. Allerdings löschte az-Zubi seine Erklärung zu den Flintlock 2026-Manövern und ein Foto, das ihn zusammen mit Saddam Haftar zeigt, nach massivem Druck aus der westlibyschen Stadt Misrata. Sein Treffen mit dem in weiten Teilen Misratas verhassten Saddam Haftar hatte eine Welle der Empörung ausgelöst, Kommandeure der Revolutionäre von Misrata lehnten diese Annäherung als hinterhältigen Verrat ab.

Sowohl der Haftar- als auch der Dabaiba-Clan erhoffen sich ihren Machterhalt mit Hilfe der USA sichern zu können. Vom Vertrauten des US-Präsidenten Donald Trump, Massad Boulos, ist eine gemeinsame Regierung der beiden Clans – die bisher zumindest vordergründig rivalisierten – geplant. Dieser Versuch, die Herrschaft von Haftar und Dabaiba auf unbestimmte Zeit im Sinne der us-amerikanischen und Privatinteressen zu sichern, wird von überwältigenden Teilen der libyschen Bevölkerung strikt abgelehnt.

Schon im Laufe der Vorbereitungen für Flintlock 2026 wurden in Sirte sehr zum Befremden der meisten Libyer Flaggen der USA zusammen mit libyschen Flaggen angebracht. Auf X vermerkte ein Anhänger des ermordeten Präsidentschaftskandidaten Saif al-Islam Gaddafi bitter: In Sirte hisste das Haftar-Lager die Flagge des us-amerikanischen Imperialismus neben der französischen Flagge.

Unmut rief auch hervor, dass in Sirte in der Schule Sana Yusuf der Unterricht eingestellt werden musste, um dort libysches Militär einquartieren zu können. Die Unterkünfte der libyschen Soldaten wurden von us-amerikanischen und französischen Soldaten belegt. Klinikpersonal in Sirte äußerte sein Entsetzen darüber, dass es sich für die Versorgung us-amerikanischer Soldaten vorbereiten sollte, deren Opfer sie noch vor wenigen Jahren behandelte.

Bedeutungsvoller Ort, bedeutungsvolles Datum

Vor 40 Jahren hatte Oberst Muammar al-Gaddafi den Golf von Sidra zu libyschen Hoheitsgewässern erklärt. Als us-amerikanische Flugzeuge auf Befehl des damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan die von Gaddafi als Todeslinie bezeichnete Linie überflogen und in dieses Gebiet eindrangen, wurden sie abgeschossen und der Pilot starb.
Nun startet in Sirte die Militärübung Flintlock 2026, angeführt vom us-amerikanischen AFRICOM, das seinen Stolz über die erste Teilnahme in Libyen und in der Stadt Sirte äußerte. Dies sei der Ort, der perfekt verkörpere, wie lokale und internationale Zusammenarbeit die terroristischen Bedrohungen abwehren könne, die die Sicherheit Libyens, seiner Partner und der USA bedrohten. Mehr Zynismus geht nicht.

Der Militäranalyst Adel Abdul Kafi erklärte, dass die USA absichtlich den 14. und 15. April als Beginn für das Flintlock-Manöver bestimmten – im Hinblick auf die Festlegung der sogenannten Todeslinie durch Oberst Muammar Gaddafi in Sirte im Jahr 1986. So wies  denn auch der Berater des libyschen Stammesverbandes, Khaled al-Ghweil, darauf hin, dass das US-Militärmanöver genau mit dem Jahrestag des US-Angriffs vor 40 Jahren zusammenfalle – im Schulterschluss und unter der Schirmherrschaft von libyschen Kollaborateuren.

Die Demokratische Linkspartei gedachte des NATO-Angriffs auf die Städte Tripolis und Bengasi in der Nacht des 15. April 1986. Dies sei eine der brutalsten Nächte gewesen, die Libyen je erlebte. Die schweren Luftangriffe richteten große Zerstörung an und töteten Dutzende Zivilisten. Trotz des Schmerzes sei das libysche Volk in Würde und Einheit standhaft geblieben. Dieser Gedenktag werde die Erinnerung wachrufen, nicht um in Trauer zu versinken, sondern um nachdrücklich zu zeigen, dass Geschichte nicht dem Vergessen anheimfällt, und dass Völker, die ihre Erinnerung bewahren, ihre Zukunft schützen.

Moussa Ibrahim: Verlust der libyschen Souveränität und Staatlichkeit

Auch Moussa Ibrahim, der ehemalige Sprecher von Oberst Gaddafi, weist mit scharfen Worten auf den Kontrast von damals und heute hin: „ Libysche Offiziere aus verschiedenen Regionen stehen nun Seite an Seite mit ausländischen Militärkräften auf libyschem Boden, in Übungen, die unter externer Aufsicht durchgeführt werden.
Dies ist nicht einfach militärische Kooperation. Es spiegelt den Verlust unabhängiger militärischer Entscheidungsfindung und die Übertragung der Souveränität an ausländische Mächte wider.
Welche Art von Souveränität erlaubt es einer nationalen Armee, unter ausländischer Führung auf eigenem Territorium zu operieren? Was bleibt von nationaler Würde, wenn Institutionen, die dazu bestimmt sind, das Land zu verteidigen, von externen Befehlen abhängig werden?
Dies ist das Gegenteil von Libyens Position in den 1990er Jahren. Damals weigerte sich der Staat trotz verhängter Sanktionen, seine Bürger auszuliefern. Heute sehen wir Institutionen, die sich in einem Zustand politischer Abhängigkeit ohne solchen Druck ergeben.
Was verloren gegangen ist, ist nicht nur die Politik, sondern das Wesen des Staates selbst: seine Unabhängigkeit, seine Doktrin und seine Souveränität.
Dies sind nicht nur Behauptungen. Der Nachweis findet sich in Verträgen, Gesetzen, offiziellen Erklärungen, diplomatischen Berichten und sogar in westlichen Medienquellen.
Was wir heute sehen, ist ein geschwächter Staat, geformt durch externe Intervention und ausgerichtet auf ausländische Interessen, die die Kontrolle über Libyens Ressourcen und Libyens Zukunft anstreben.
Die Lösung liegt im Wiederaufbau eines vereinten nationalen Projekts, das Souveränität, Unabhängigkeit und Würde für alle Libyer wiederherstellt, quer durch alle Regionen.
Weil Souveränität nicht symbolisch ist. Sie ist das Fundament des Staates selbst.“

Moussa Ibrahim erläutert die  Bedeutung von Souveränität für Libyens: „Souveräner Staat versus ein Staat ohne Souveränität: Lockerbie und die gegen Libyen verhängten Sanktionen als Beispiel.
Als Libyen im Lockerbie-Drama des 21. Dezember 1988 zu Unrecht beschuldigt wurde, zeigte sich das Land – sowohl seine Führung als auch sein Volk – in den 1990er Jahren standhaft und weigerte sich, seine ungerechtfertigt angeklagten Bürger auszuliefern.
Als Folge dieser prinzipientreuen Haltung erlitt das kleine Libyen über mehr als neun Jahre hinweg die härtesten wirtschaftlichen, politischen und diplomatischen Sanktionen. Der Luftverkehr wurde verboten, der Handel eingeschränkt, und sogar der Zugang zu Medikamenten und Grundbedarfsgütern war durch den Beschluss des UN-Sicherheitsrats beeinträchtigt.
Allein die wirtschaftlichen Verluste wurden 2001 von der Zentralbank Libyens auf 46 Milliarden Dollar geschätzt, ohne die indirekten Verluste einzubeziehen.
Gleichzeitig unterstützten westliche Mächte in den 1990er Jahren bewaffnete Extremistengruppen innerhalb Libyens, Gruppen, die zwischen 1993 und 1999 Bombenanschläge und Angriffe durchführten. Dies sind dieselben Kräfte, die später 2011 wieder auftauchten und zu um sich greifender Gewalt und Instabilität beitrugen.
Trotz alledem standen Libyens politisches System und sein Volk vereint gegen Sanktionen, gegen Gewalt und gegen äußeren Druck – in einem Moment, der zu einem prägenden nationalen Ereignis wurde.
Libyens Entwicklung kam nicht zum Stillstand. Grundlegende Lebensstandards wurden aufrechterhalten, und nationale Projekte in Bildung, Wohnungsbau und Gesundheitswesen wurden fortgesetzt, wenn auch gebremst. Libysche Studenten wurden weiterhin in großer Zahl ins Ausland geschickt, insbesondere in den Fächern Medizin, Ingenieurwesen und Technologie.
1998 wurde den USA klar, dass es Libyen gelang, die Krise erfolgreich zu meistern. Afrikanische Länder begannen, das Flugembargo zu brechen, reisten nach Tripolis und stellten diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen wieder her.
Am 9. September 1999 versammelten sich mehr als fünfzig afrikanische Führer in Sirte, um die Gründung der Afrikanischen Union anzukündigen, trotz westlichen Drucks.
Unter diesen Bedingungen waren die USA und Großbritannien gezwungen, Libyens zentrale Forderung zu akzeptieren: Der Lockerbie-Prozess fand in einem neutralen Drittland, in den Niederlanden, in der Stadt Den Haag, vor einem speziell eingerichteten schottischen Gericht statt, anstatt unter der Jurisdiktion der USA oder Großbritanniens.
Internationale Garantien, unter Beteiligung von Saudi-Arabien und Südafrika, wurden ausgehandelt. Libyen gewährte seinen beschuldigten Bürgern Abdelbaset al-Megrahi und Khalifa Fhimah volle rechtliche, politische und finanzielle Unterstützung und beharrte immer auf der Unrechtmäßigkeit des endgültigen Urteils. Libyen erfüllte seine Verpflichtungen, gab seine Bürger aber nicht auf.
Durch politischen und wirtschaftlichen Druck, einschließlich der Drohung, die Beziehungen zu Großrbritannien abzubrechen, erreichte Libyen letztlich die Freilassung des Verurteilten al-Megrahi, der bei seiner Rückkehr nach Tripolis sowohl öffentlich als auch offiziell empfangen wurde.
Darüber hinaus zwang Libyen die USA und Großbritannien, verbindliche Abkommen zu unterzeichnen, die alle rechtlichen und politischen Ansprüche im Zusammenhang mit Lockerbie beendeten und sicherstellten, dass Libyen und seine Bürger keine zukünftigen Strafverfolgungen für vergangene Fälle zu gewärtigen haben.
Dies umfasste formelle rechtliche Schutzmaßnahmen, die durch US-Gesetzgebung bestätigt wurden, und einen Präsidialerlass von Präsident George W. Bush von 2008.
Die Libyen auferlegte Wiedergutmachung wurde nicht aus dem öffentlichen Haushalt beglichen, sondern es wurde ein Sonderfonds eingerichtet, finanziert durch Beiträge internationaler Ölgesellschaften, die in Libyen tätig werden wollten. Mehr als 300 Millionen US-Dollar wurden libyschen Opfern ausbezahlt und über 2,7 Milliarden US-Dollar gingen an die Lockerbie-Opferfamilien.“

Saif al-Islam Gaddafi: Libyens Kampf um Souveränität

Der am 3. Februar 2026 von gedungenen Mördern erschossene Sohn von Muammar al-Gaddafi und damalige Präsidentschaftskandidat Saif al-Islam Muammar Gaddafi veröffentlichte noch kurz vor seinem Tod im Januar 2026 umfangreiches Dokumentationsmaterial, das die unvollständige und nur dem Schein nach gewährte Unabhängigkeit Libyens im Jahr 1951 zur Zeit der libyschen Monarchie belegt. Die Unabhängigkeit ging auf die Konflikte des Kalten Krieges zurück und brachte Libyen unter den Einfluss des Westens, der über alle bedeutenden Entscheidungen der Regierung von König Idris bestimmte und auf libyschem Gebiet Militärbasen errichten konnte.
Seine vollständige Souveränität erlangte Libyen erst durch die al-Fatah-Revolution im September 1969, die die ausländische Militärpräsenz beendete und die italienischen Siedler des Landes verwies.
Der Nato-Krieg von 2011 hatte zur Folge, dass Libyen erneut der Bevormundung durch ausländische Mächte ausgesetzt ist, die auch wieder libysche Militärstützpunkte übernahmen.

Libyen kämpft weiter um seine Souveränität

Die USA und ihr Präsident Donald Trump brauchen dringend außenpolitische Erfolge. Nachdem der Iran-Krieg als gescheitert betrachtet werden kann, böte sich Libyen für einen us-amerikanischen Erfolg an, gelänge es, das Land als für die USA attraktiven Erdölpartner unter Ausschaltung der Konkurrenten aufzubauen. Nach der Ermordung des eine Einheit des Landes und demokratische Wahlen anstrebenden Präsidentschaftskandidaten Saif al-Islam Gaddafi, dem ein Wahlsieg vorausgesagt wurde, scheint der Weg geebnet.

In Libyen, einem Land, das nach der Nato-Intervention 2011 in einen Strudel des Niedergangs geriet und das nun Gefahr läuft, zum neuen Schlachtfeld eines Stellvertreterkriegs zwischen dem Westen und Russland zu werden, sind die Konfliktlinien verworren. Allianzen wechseln ständig und es ist nur schwer vorstellbar, dass die von Washington bevorzugte Hau-drauf-Politik unter völliger Missachtung des Willens der Bevölkerung erfolgreich sein könnte.