
Sechzig Tage nach dem Attentat auf Saif al-Islam Gaddafi prangerte die Mutter von Saif al-Islam Gaddafi nicht nur an, dass sich die Täter immer noch auf freiem Fuß befinden, sondern sie erhob auch schwere Vorwürfe gegen den Zintan-Stamm, unter dessen Schutz sich Saif al-Islam zum Zeitpunkt der Tat befand.
Mit ihrer Anklage löste Safia Farkasch innerhalb der libyschen Gesellschaft eine breite Welle von Solidaritätsbekundungen und Zustimmung zu ihren Forderungen aus.
Die libysche Gesellschaft steht vor der Frage, ob dieser Bruch des strikten Tabus der Unantastbarkeit des Gastes, das die arabischen Gesellschaften prägt, bereits ein Zeichen für den Verfall des arabischen Moralkodexes ist.
Die Witwe von Oberst Muammar al-Gaddafi und Mutter des getöteten Saif al-Islam Gaddafi, Hadscha Safia Farkasch, gab eine emotionale Erklärung ab, in der sie nicht nur ihre Trauer und ihren Schmerz über die Ermordung ihres Sohnes zum Ausdruck brachte, sondern auch ihre Empörung über den Zintan-Stamm, unter dessen Schutz Saif al-Islam Gaddafi zur Zeit des Attentats stand. „Der Zintan-Stamm wird als der Stamm in die Geschichte eingehen, der seinen Gast getötet hat.“ Die angeheuerten Killer waren Angehörige des Zintan-Stammes und müssen verhaftet werden. „Es war noch nicht eine Stimme aus Zintan zu hören, die den Mord an meinem Sohn verurteilt hat.“
Zintan habe seinen Gast verraten und getötet, und der auch aus Zintan stammende Innenminister der Tripolis-‚Regierung‘, Imad at-Trabelsi az-Zintani, weigere sich, Saif al-Islams Mörder zu verhaften. Die Mörder würden von Mitglieder des Zintan-Stammes geschützt.
Nicht ohne Bitterkeit fragt Safia Faradsch: „Mein Mann und meine Söhne haben für das libysche Volk Opfer gebracht. Was war das libysche Volk im Gegenzug zu geben bereit?“ Der Mord an ihrem Sohn und wie jetzt mit dieser abscheulichen Tat umgegangen wird, habe Auswirkungen auf die nationale Versöhnung, für die Saif al-Islam unermüdlich bis zu seinem Tod hinarbeitete.
Verrat und Mord versus Schutzrecht des Gastes
So weit bekannt, soll das Attentat gegen Saif al-Islam von Mitgliedern des insbesondere in der Stadt Zintan beheimateten Awlad-Dhuwaib-Stammes, ein Zweig des Zintan-Stammes, verübt worden sein. Der Awlad-Dhuwaib-Stamm pflegte einst enge Beziehungen zum Gaddafi-Regime. Der Kommandeur der Militärzone Westliche Berge, Osama al-Dschuwaili, der aus demselben sozialen Umfeld stammt, war dagegen ein erklärter Feind von Saif al-Islam Gaddafi und seit dessen Festnahme durch Brigadegeneral Adschani al-Atiri im Jahr 2011 auf seine Tötung bedacht. Al-Dschuwaili werden Verbindungen zu den Vereinigten Arabischen Emiraten und Frankreich nachgesagt.
Bei dem Attentat auf Saif al-Islam Gaddafi am 3. Februar 2026 in Zintan sollen die Täter gedeckt und externe Akteure möglicherweise indirekt von Stammesmitgliedern unterstützt worden sein. Die Täter bewegen sich immer noch ungehindert in der Stadt, ohne dass Schritte zu ihrer Ergreifung unternommen werden.
Den Gast zu verraten, gar zu töten beziehungsweise die Täter zu schützen – ein schwerer Vorwurf in der arabischen Stammeswelt, in der das Gastrecht als höchstes und tiefverwurzeltes gesellschaftliches Gut gilt. Unentschuldbar, dass dem Schutzsuchenden keine Sicherheit gewährt und er nicht würdevoll behandelt wird. Viele überlieferte Erzählungen haben das Gastrecht zum Thema, bewahren dessen Wert im kollektiven Gedächtnis. Ein einmal ausgesprochenes „Du stehst unter meinem Schutz“ garantiert die Unversehrtheit. Jeder in arabischen Ländern Reisende darf sich der legendäre arabische Gastfreundschaft erfreuen, die auch dem vollkommen Fremden Hilfe gewährt.
Geschichten wie jene über den legendären as-Samaw al-Ibn Adiya, der die Treue zu einem Gast und das Einhalten eines Versprechens höher wertete als das Leben des eigenen Sohnes, prägen die arabische Kultur. Verrat gilt als Schande über Generationen hinweg. Das Verhalten des Zintan-Stammes bei der Ermordung von Saif al-Islam verstößt im Gegensatz dazu gegen alle arabisch-islamischen Prinzipien, indem nicht nur die Mörder dem Stamm angehören, sondern dieser den Tätern auch noch Schutz gewährt – anstatt den anvertrauten Gast geschützt zu haben.
Der Verrat an Saif al-Islam Gaddafi war auch ein Verrat an bisher als unumstößlich geltenden Werten und an arabischen Wertvorstellungen. Er lässt die Emotionen innerhalb der libyschen Stammeswelt hochschlagen. Die Empörung ist groß und viele fragen sich, ob dies auch eine Zeichen dafür ist, dass die arabischen Gesellschaften dabei sind, ihren Loyalitäts- und Ehrenkodex zu verlieren.
In Libyen überschneiden sich moralische, stammes- und sicherheitspolitische Spannungen und ergeben in einer Zeit, die durch die Schwäche der staatlichen Institutionen und der Zersplitterung der Machtzentren gekennzeichnet ist, ein explosives Gemisch. Vor diesem Hintergrund löst der Fall Saif al-Islam Gaddafi weitreichende Kontroversen aus, auch wegen seiner Auswirkungen auf den nationalen Versöhnungsprozess. Die Hoffnung auf eine baldige Lösung der Libyen-Krise wurde mit dem Mord und dessen fehlender Aufklärung zunichte gemacht.
Das Versagen der Justizbehörden
Es bestehen ernsthafte Zweifel am Willen der zuständigen Behörden, den Mord an Saif al-Islam Gaddafi aufzuklären und die Täter festzunehmen. Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Justizbehörden und das Innenministerium sehen sich heftiger Kritik ausgesetzt, da sie bisher weder Ermittlungsergebnisse bekannt gaben, noch offiziell Haftbefehle erließen, obwohl ihnen nach eigener Aussage die Identität der Täter bekannt ist. Dies schwächt das eh schon geringe Vertrauen in die Justizbehörden weiter und erregt den Verdacht, dass die Täter straflos ausgehen könnten. Viele Beobachter interpretieren dies als ein weiteres Indiz für das Staatsversagen, indem es nicht gelingt, Rechtsstaatlichkeit in einem komplexen Umfeld von lokalen Loyalitäten und politischem Kalkül durchzusetzen.
Dabei wäre es an der Zeit, dass der libysche Staat im Rahmen seines Rechtssystems Rechtsstaatlichkeit gewährleisten kann und so die risikolose Wiederholung politischer Morde verhindert.
Saif al-Islam Gaddafi – Symbol der Aussöhnung
Die Ermordung von Saif al-Islam Gaddafi wird von vielen als Rückschlag für die nationale Aussöhnung gesehen, als eine Tat, die die innerlibyschen Spaltungen weiter vertieft. Offensichtlich wird der Abrechnung mit dem politischen Gegner immer noch Vorrang vor der nationalen Versöhnung gegeben.
Die Tat und ihre bisherige Nichtaufklärung verdeutlichen die Komplexität der Lage in Libyen, wo sich sicherheitspolitische, stammesbezogene und politische Faktoren überschneiden.
Inzwischen meldeten sich in Libyen viele Stimmen zu Wort, insbesondere auch Frauenvereinigungen, die die Stellungnahme von Safia Farkasch unterstützen. Der Versuch, die Aufklärung des Attentats ins Leere laufen zu lassen, könnte den genau gegenteiligen Effekt zur Folge haben: Immer mehr und immer lautere Stimmen, die eine Aufklärung fordern – und die auch den Zintan-Stamm hierfür in die Pflicht nehmen.
„Mancher Schmerz, Saif, ist wie ein Schwert.“
Moussa Ibrahim, ehemaliger Sprecher des Allgemeinen Volkskomitees, zum Mord an Saif al-Islam Muammar Gaddafi.
(Das arabische Wort „saif“ bedeutet im Deutschen „Schwert“)
Libysche Stimmen:
Einsatzteam von Saif al-Islam Gaddafi: Wir solidarisieren uns mit Safia Farkasch und ihrem Schmerz. Dieses heimtückische Verbrechen kann nur als ein erschütternder Werteverfall bezeichnet werden. Dieses Verbrechen ist ein eklatanter Verstoß gegen alle Normen, auf denen die libysche Gesellschaft begründet ist. Über dieses Verbrechen zu schweigen oder kaltherzig damit umzugehen, ist ein weiterer Dolchstoß in den Rücken, der nicht weniger grausam ist als das Verbrechen selbst.
Freie Frauen von Sebha: Der Schutz der Mörder von Saif al-Islam Gaddafi durch den Zintan-Stamm und die Vertuschung der Tatumstände werden verurteilt. Die Tat erschütterte das Gewissen jedes freien libyschen Bürgers. Sie ist nicht nur eine Familienangelegenheit, sondern betrifft die gesamte Nation, und es ist das Recht aller Libyer, die ganze Wahrheit zu erfahren. Die Geheimhaltung der für die Planung, Finanzierung und Umsetzung des Plans Verantwortlichen sowie die Verzögerung bei der Rechtsdurchsetzung untergraben das Vertrauen der Bürger in die staatlichen Institutionen.
Fessan-Frauenorganisation: Nach langem Warten kann keine Verzögerung bei der Aufklärung dieser Angelegenheit mehr hingenommen werden. Einen Gast, der Zuflucht gesucht hat, zu verraten, ist eine Schande, die der Würde des Volkes nicht angemessen ist.
Wir rufen die libyschen Stämme dazu auf, Druck auf die Zintan-Stämme auszuüben.
Wir fordern die zuständigen Behörden in Libyen dazu auf, sich dafür einzusetzen, dass die Familie von Oberst Muammar Gaddafi als geehrte und geachtete Mitglieder der libyschen Nation in ihre Heimat zurückkehren kann. Ihre Geschichte ist, ungeachtet unterschiedlicher Meinungen darüber, Teil der libyschen Geschichte. Dies könnte den Beginn einer neuen Phase einleiten, die von umfassender nationaler Versöhnung geprägt ist. Ein starkes und geeintes Libyen der Zukunft kann nur aufgebaut werden, indem alte Wunden heilen.
Southern Youth Gathering: Das Schweigen der Zintan-Stämme zu diesem Attentat wirkt wie ein Eingeständnis der Zustimmung oder zumindest eine stillschweigende Akzeptanz des Geschehens. Der Innenminister Imad at-Trabelsi, der aus Zintan stammt und eigentlich für die Sicherheit sorgen und die Gerechtigkeit wahren soll, ist zum Haupthindernis für die Verhaftung der Täter geworden und nutzt seinen Einfluss, um diesen Fall zu vertuschen.
Die Motive hinter dieser schändlichen Tat müssen verstanden werden.
Allgemeiner Libyscher Jugendverband: Imad Trabelsi sei gewarnt, sollte die Verzögerung der Verhaftung der an der Ermordung von Saif al-Islam Gaddafi Beteiligten ihnen die Flucht ins Ausland ermöglichen.
Oberste Rat der Stämme und Städte des Fessan: Seit dem Attentat sind zwei volle Monate vergangen, ein besorgniserregendes Zeichen für den Zustand des Justizsystems und eine eklatante Herausforderung für die Grundsätze von Recht und Gerechtigkeit, auf denen jeder Staat, der sich um Wiedergutmachung bemüht, basiert. Die Täter genießen immer noch ihre Freiheit, und diese Situation kann nur als Komplizenschaft interpretiert werden. Das Innenministerium hat nicht die notwendigen Maßnahmen ergriffen, um die Täter zu verhaften, und wird sogar beschuldigt, diesen Prozess zu behindern.
Die Worte von Hadscha Safia Farkasch sind ein kollektiver Aufschrei für jeden ehrenwerten Libyer, der die Wiederherstellung des Rechts und ein Ende der Straflosigkeit verlangt.
Wir fordern eine dringende Sitzung des Obersten Rates der Libyschen Stämme und Städte, um wirksamen Druck auf alle beteiligten Parteien auszuüben.
Jugend der westlichen Bergregion: Das Schweigen um das heimtückische Verbrechen an Dr. Saif al-Islam Gaddafi kann nicht länger ignoriert oder gerechtfertigt werden. Die Stimme der Wahrheit, die die Mutter des Märtyrers mit all ihrem Schmerz und ihrer Aufrichtigkeit erhebt, darf nicht ignoriert werden. Vielmehr sollte sie ein Ansporn für eine feste Haltung sein, die den Respekt vor der Gerechtigkeit wiederherstellt.
Jugendverband Gharyan: Wir solidarisieren uns mit Safia Farkasch in ihrem schmerzhaften Leidensweg. Das Schweigen rund um die Ermordung von Dr. Saif al-Islam Gaddafi kann nicht länger ignoriert werden. Wir fordern die Staatsanwaltschaft und das Innenministerium dringend auf, ihre Verantwortung wahrzunehmen, um sicherzustellen, dass die Ermittlungen weiterverfolgt werden und alle an diesem Verbrechen Beteiligten vor Gericht gestellt werden.
Mandela Libya Popular Movement: Wir bekräftigen unsere volle Unterstützung zu allem, was Hadscha Safia ausführte. Ihre aufrichtige Stimme fordert Gerechtigkeit, und dass das, was vom Gewissen angesichts von Schweigen und Missachtung noch übrig ist, geweckt wird.
Die Angelegenheit wurde zu einer Bewährungsprobe für unser gemeinsames Bekenntnis zu den Werten der Gerechtigkeit. Jeder Versuch, die Wahrheit zu verschleiern, wird nur die Kluft zwischen dem Bürger und seinen Institutionen vertiefen
Wir fordern, dass die ganze Wahrheit aufgedeckt wird, dass die Täter verhaftet werden und dass alle, die nachweislich beteiligt waren, unabhängig von ihrer Position oder ihrem Status, zur Rechenschaft gezogen werden.
Sollte das Innenministerium unter der Leitung von Imad at-Trabelsi az-Zintani nicht in der Lage sein, die Haftbefehle gegen die Täter aus Zintan zu vollstrecken, fordern wir, dass der Generalstaatsanwalt unverzüglich eine andere Sicherheitsbehörde mit der Vollstreckung beauftragt.
Die Geschichte vergisst nicht, und das Gedächtnis der Nationen stirbt nicht. Die Wahrheit, egal wie lange es dauert, wird ans Licht kommen.
Nationale Volksbewegung: Was geschah, kann nur als Verrat, Treuebruch und Schande bezeichnet werden. Die Mitglieder der Libyschen Stammeskonferenz fordern eine klare und eindeutige Stellungnahme zu dem Antrag, die Täter festzunehmen, um die Wahrheit ans Licht zu bringen und den Generalstaatsanwalt bei der Durchsetzung der Gerechtigkeit zu unterstützen.
Es ist unbedeuting erforderlich, alle verfügbaren Mittel, sowohl rechtliche als auch gewohnheitsmäßige, einzusetzen, um die Täter und diejenigen, die sie schützen, zur Einhaltung der Rechtsnormen zu zwingen. Niemand steht über dem Gesetz.
Die Mitglieder libyscher Stämme werden aufgerufen, sich im Widerstand gegen diejenigen zu vereinen, die das Symbol der nationalen Versöhnung missbraucht und Saif al-Islam Gaddafi heimtückisch und hinterhältig ermordet haben, nachdem sie ihm Sicherheit versprochen und sein Vertrauen erlangt hatten.





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