Vor allem im westlichen Libyen führen Stromausfälle zu Protesten in den betroffenen Gemeinden. Verantwortlich für die Stromknappheit sind unzureichende Investitionen in das Stromnetz, Missmanagement und ein unverständlicher akuter Mangel an Gas- und Kraftstoffen. Doch auch fragwürdiges Krypto-Mining verschlingt große Strommengen.
Proteste im westlichen Libyen
Gerade eskalieren im westlichen Libyen die Proteste gegen die ständigen Stromausfälle, die das Land praktisch lahmlegen. In der Hauptstadt Tripolis kam es trotz eines großangelegten Polizeieinsatzes zu Protesten, die Küstenstraße nach Dschanzur wurde mit Erdwällen blockiert und auf den Straßen von al-Chums brannten Reifen. Die Bewegung der Bewohner von Suk al-Dschumaa (Tripolis) kündigten ab Mitternacht die Schließung von elf Einrichtungen an, darunter fünf Ministerien, Telekommunikationsunternehmen, Filialen der Zentralbank, das Grundbuchamt, die Elektrizitätsgesellschaft, die zivile Luftfahrtbehörde und das Präsidialamt. Geschlossen wurde auch die Melita Öl- und Gas-Gesellschaft in az-Zawiya, von der die Green-Stream-Pipeline nach Italien verläuft. Das Motto lautet: „Nieder mit der korrupten Regierung!“
Auch Misrata wurde von den Protesten erfasst: Am 26. Juli drangen Demonstranten in das Gebäude des Stadtrats ein und forderten den Sturz der Dabaiba-‚Regierung‘ sowie ein Ende der Korruption.
Die Bevölkerung leidet
Auslöser für die aktuelle Protestbewegung sind die häufig stundenlangen täglichen Stromausfälle bei Temperaturen von über 40 °C, was in den verschiedenen Regionen des Landes zunehmend zu Lastabwürfen führte. Die General Electric Company (GECOL) warnte den Premierminister von Tripolis, Abdul Hamid Dabaiba, vor einem drohenden Komplettzusammenbruch des Stromnetzes und eines damit einhergehenden vollständigen Blackouts. Auch das Trinkwasser wird knapp, da aufgrund des Strommangels viele Pumpanlagen zur Förderung des fossilen Grundwassers – das über den Man-Made-River von der Sahara in die Küstenstädte transportiert wird – abgestellt werden mussten.
Neben fehlender Lebensmittelkühlung und Versorgungsengpässen sowie den für Kranke und alte Menschen problematischen Ausfall von Klimaanlagen, erhöhen die anhaltenden Stromausfälle wegen des Einsatzes von Dieselgeneratoren die Produktionskosten, was wiederum zu höheren Kosten für Waren und Dienstleistungen führt, und die bereits hohe Inflation weiter befeuert.
Warum Stromknappheit?
Feststeht, dass die Stromnetze überlastet und den hohen Verbrauchsanforderungen nicht gewachsen sind. Angeführt werden dafür verschiedene Gründe wie unzureichende Investitionen in das Stromnetz, Missmanagement und der akute Mangel an Gas- und Kraftstoffen. Auch hatte Ägypten seine Stromlieferungen nach Libyen eingestellt, nachdem seit 2023 aufgelaufene Rechnungen in Höhe von 141 Millionen US-Dollar nicht beglichen wurden.
Viele Ungereimtheiten
Nur schwer verständlich ist das Fehlen von Treibstoff, denn der durchschnittliche Treibstoffimport nach Libyen im ersten Halbjahr 2026 betrug 213.000 Barrel pro Tag, was einem Anstieg von 5,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entspricht. Der Libyenexperte Dschalal Harschaui weist darauf hin, dass der Import von täglich nahezu 34 Millionen Litern Treibstoff für ein Land wie Libyen mit sieben Millionen Einwohnern stark überhöht ist.
Tatsächlich dürfte ein beträchtlicher Teil des innerhalb Libyens sehr billigen Kraftstoffs über Schmuggel- und Korruptionsnetzwerke seinen Weg ins Ausland finden.
Eine weitere Frage betrifft die ungerechte Verteilung der Netzabwürfe. So sind davon die verschiedenen libyschen Gebiete und Städte sehr unterschiedlich betroffen, was bei den Bewohnern dieser Ortschaften weiteren Groll erzeugt und bestimmte politische Intentionen vermuten lässt.
Stromausfälle und Bitcoin
Stromausfälle sind in Libyen allerdings nichts Neues. So lagen bereits Ende Juni 2024 weite Teile Bengasis stundenlang im Dunkeln. Dafür verantwortlich gemacht wurden Bitcoin-Rechenzentren, die auf ehemaligen Farmen untergebracht wurden, die Saddam Haftar, Sohn des Machthabers im östlichen Libyen, übernommen hat. Und im Juni 2025 berichtete Dschalal al-Gabi, dass die vielen Detonationen in Kraftwerken in der östlichen Region auf das Ansteigen von Krypto-Mining zurückzuführen sind. Bitcoin-Rechenzentren haben einen enormen Stromverbrauch, so benötigt Crypro-Mining pro Rechenzentrum zwischen 1.000 und 1.500 Megawatt Strom, genug, um Hunderttausende von Häusern in Libyen mit Strom zu versorgen.
Bereits im Juli 2021 hatte der britische Daily Mirror dem ehemaligen Premierminister der Einheitsregierung von Tripolis, Fayaz as-Sarradsch, und dessen Brüdern vorgeworfen, mit Bitcoin-Investitionen ein riesiges Vermögen gemacht haben zu haben.
Zwar ist der Handel mit Krypto-Währung seit 2018 in Libyen verboten, nicht jedoch das Mining selbst, was die Grauzone immer weiter anwachsen ließ. 2022 stellte das Wirtschaftsministeriums den Import von Geräten für Krypto-Mining unter Strafe, doch der libysche Markt wird nach wie vor damit überschwemmt.
Klassisches Arbitrage-Modell
Binance berichtet über bis zu acht Stunden dauernde Stromausfälle in den östlichen Regionen Libyens. „Kinder müssen bei Kerzenschein Hausaufgaben machen. Aber in einem verlassenen Stahlwerk außerhalb der Stadt wird der fast kostenlose Strom des Landes in Bitcoins verwandelt, die dann über Kryptowährungs-Handelsplattformen gegen US-Dollar eingetauscht werden.“
Nach offiziellen Angaben machte Libyens Bitcoin-Rechenleistung schon im Jahr 2021 etwa 0,6 Prozent der globalen Krypto-Rechenleistung aus und übertraf damit alle anderen arabischen und afrikanischen Länder und sogar einige europäische Volkswirtschaften – und das in einem Land mit täglichen Stromausfällen und einer Stromnetzverlustrate von bis zu 40 Prozent.
Laut Binance habe sich in Libyen ein klassisches Arbitrage-Modell etabliert: Alte Mininggeräte, die in Europa und den USA ausgesondert wurden, sind in Libyen immer noch profitabel; Industriezonen, verlassene Fabriken und Lagerhäuser sind bestens geeignet, hohe Stromlasten zu verschleiern; Grauzonen und Schmuggel ermöglichen den Import geeigneter Ausstattung. Und das alles bei zu den günstigsten der Welt zählenden Strompreisen von ca. 0,004 US-Dollar pro Kilowattstunde.
Konflikte sind in dem Maße vorprogrammiert wie Mining-Zentren mit Krankenhäusern, Fabriken und Bewohnern das gleiche Stromnetz teilen.
Bitcoins werden global gehandelt und über ausländische Handelsplattformen gegen US-Dollar oder andere Währungen eingetauscht. Im Internet finden sich problemlos Angebote zum Handel mit „Bitcoin in Libyen“. Die mit Krypto-Währung erzeugten Gewinne bleiben intransparent und werden auch nicht in die Realwirtschaft eingespeist. Im Gegensatz dazu ist die zu ihrer Schaffung benötigte Elektrizität lokal gebunden.
Strom wurde in Libyen stark subventioniert, um die Lebensgrundlagen der Menschen zu schützen. Wird allerdings dieser subventionierte Strom für das Bitcoin-Mining verwendet, wird er zur Schaffung von Privatvermögen genutzt, und die normalen Bürger müssen den Preis dafür in Form von Stromausfällen, höheren Kosten für Dieselgeneratoren und mangelnden Gesundheits- und Bildungsdienstleistungen zahlen.
Angesichts der anhaltenden Proteste könnte sich in Libyen jedoch bestätigen, dass den ‚Eliten‘ mit zu großer Geldgier verschluckte Brocken im Halse stecken bleiben.





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