Im April 2019 erschien in Globalresearch unter dem Titel „Wie in Libyen und Syrien geht es auch in Venezuela nicht nur ums Öl“ ein Aufsatz von Andre Vltchek (1), in dem der Autor der Frage nachgeht, wieso der Westen drei so unterschiedliche Länder wie Libyen, Syrien und Venezuela auf ähnliche Art und Weise angriffen hat bzw. angreift und vernichten will. Während Analysten oft den Kapitalismus für die Entstehung einer Kultur der Gewalt verantwortlich machen, unter dessen Bann sowohl Opfer als auch Täter stehen, greife in Wirklichkeit der Verweis auf die Gier als wichtigste Triebfeder für diesen „westlichen Terror“ zu kurz.
Nach all den Erfahrungen, die Andre Vltchek weltweit bei seiner Arbeit gesammelt hat, schlussfolgert er, dass für die Entstehung des Monsters Kapitalismus die westliche Kultur verantwortlich ist. Sie sei hauptsächlich auf Expansionismus, Exzeptionalismus und Aggression aufgebaut und berge in sich den Wunsch, Kontrolle und Herrschaft auszuüben. So wurde der Glaube an die eigene kulturelle Überlegenheit zur bestimmenden Religion Europas und Nordamerikas. Die Gier nach Geld und Besitz sei dabei nur ein Nebenprodukt dieser fast als religiös-fundamentalistisch zu bezeichnenden Einstellung.
Doch was sind nun die Gemeinsamkeiten zwischen Libyen, Syrien und Venezuela? Vltchek schreibt: „Alle drei Länder waren führend bei der Förderung der Konzepte und beim Kampf für Panafrikanismus, Panarabismus und Patria Grand (2)“. Gaddafi [†2011], Assad und Chavez [†2013] genossen nicht nur regionale, sondern auch internationale Anerkennung als führende Kämpfer gegen den Imperialismus und gaben damit hunderten Millionen Menschen Inspiration und Hoffnung. Gaddafi wurde ermordet, wahrscheinlich Chavez ebenso, Assad und sein Volk mussten jahrelang um ihr Überleben kämpfen. [Syrien und die Assad-Regierung fielen 2024.]
Der derzeitige venezolanische Präsident Maduro habe bereits mindestens ein Attentat überlebt und sehe sich nun direkten westlichen Mafia-Bedrohungen ausgesetzt. Jederzeit könne sein Land angegriffen werden, direkt oder durch die lateinamerikanischen Vasallenstaaten des Westens. [Bekanntermaßen wurden Staatspräsident Maduro und seine Frau am3. Januar 2026 aus Caracas in die USA verschleppt.]
Der Grund für dieses aggressive Verhalten des Westens liegt laut Vltchek darin, dass Afrika, der Nahe Osten und Lateinamerika über Jahrhunderte als Kolonien betrachtet und auch entsprechend behandelt wurden. Wann immer Widerstand aufkeimte, wurden die Länder „vom westlichen Imperialismus in Stücke gerissen“. Denn diejenigen, die glauben, es sei göttlicher Wille, dass ihnen die ganze Welt untertan sei, wollen nicht, dass sich die Dinge ändern.
Laut Vltchek leiden Europa und Nordamerika unter einem Kontrollzwang und können deshalb in ihren alten und neuen Kolonien keine Opposition zulassen. Ein mentaler Zustand, den Vltchek als sadistische Persönlichkeitsstörung bezeichnet. Europa und Nordamerika seien davon besessen, andere zu kontrollieren, deshalb müssten sie jegliche Opposition in ihren Kolonien und Neokolonien ausmerzen.
Vltchek erinnert an die Vorgänge in Indonesien des Jahres 1965, als Präsident Sukarno, Vater der Unabhängigkeitsbewegung und Verbündeter der Kommunistischen Partei Indonesiens, auf Betreiben des Westens von dem „verräterischen und unmoralischen General Suharto“ gestürzt wurde. Dem Turbokapitalismus waren anschließend Tür und Tor geöffnet und die Ressourcen des Landes wurden zur leichten Beute des Westens. Indonesien, einst leuchtendes Beispiel des Unabhängigkeitskampfes der asiatischen Länder, sei nach dem „von den USA, Großbritannien und Australien geführten Genozid“ zum „lobotomisierten und schutzlosen Vasallenstaat“ des Westens geworden.
Der Westen habe die Führer echter regionaler Unabhängigkeitsbewegungen instinktsicher identifiziert und sie anschließend mit schmutzigen Hetzkampagnen überzogen. Dies habe sie geschwächt und gegenüber einer sogenannten ‚örtlichen Opposition‘ verwundbar gemacht. Auf diese Art und Weise seien nicht nur bestimmte Länder, sondern oft ganze Regionen zerstört worden. Als Libyen zerstört wurde, habe dies immens negative Auswirkungen auf ganz Afrika gehabt.
Manchmal picke sich der Westen ein bestimmtes Land heraus, so wie er beispielsweise 1953 den Iran, später den Irak oder Nicaragua angriff. Meistens nehme er sich aber gleich die ‚großen Fische‘ mit überregionaler Bedeutung vor, wie Libyen, Indonesien, Syrien oder jetzt Venezuela. Führer, die dem Westen trotzten und sich widersetzten, seien ermordet worden, man erinnere sich an Muammar Gaddafi, Saddam Hussein, Patrice Lumumba und Hugo Chavez. Und allemal sei der Westen bestrebt, die Großen der antiimperialistischen Koalition – Russland und China – zu zerstören.
Der Westen sei von dem Wunsch besessen, andere zu beherrschen und die Welt zu kontrollieren. Er müsse sich als etwas ganz Besonderes fühlen. Dabei verhalte er sich wie ein religiös-fundamentalistischer Fanatiker und komme aus diesem Grund weltweit so gut mit christlichen, muslimischen und sogar buddhistischen Extremisten klar. Die eigene Bevölkerung könne nicht erkennen, dass diese Weltanschauung mit Exzeptionalismus und kultureller Überlegenheit gleichzusetzen ist.
[Die Hoffnung, die Vltchek noch 2019 darin sah, dass sich Syrien halten konnte, hat sich seit letztem Jahr erledigt.]
In Venezuela, das sich immer noch den USA verweigert, sieht er bei einem Angriff den Beginn eines Guerillakampfes voraus, getragen von Millionen Menschen. [Diesen sehen die USA wohl auch voraus, weshalb sie auf ein direktes militärisches Vorgehen in Venezuela bisher wohlweislich verzichteten.] Die Strategie Washingtons, Londons, Paris‘ und Madrids, die bei Libyen noch funktionierte, bezeichnet Vltchek als überholt. Jetzt laufe der Iran Gefahr, das nächste Kriegsgebiet zu werden.
Vltchek mahnt, dass Venezuela, das Land hoch im Norden Südamerikas, nicht fallen dürfe. Der gesamte Kontinent sei seit Jahrzehnten und Jahrhunderten von Europa und Nordamerika terrorisiert, geplündert und gequält worden. In Südamerika seien Menschen wie Tiere geschunden und ausgerottet worden, mussten zwangsweise zum Christentum konvertieren und wurden anschließend in bizarre politische und wirtschaftliche Modelle des Westens gezwungen. Sollte nach Brasilien [die Situation hat sich dort wieder geändert; seit 2022 ist wieder Lula da Silva Präsident] jetzt auch noch Venezuela fallen, könnte der Kontinent auf Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte verloren sein. Deshalb werde Venezuela kämpfen – zusammen mit den wenigen anderen Ländern, die sich noch außerhalb der ‚westlichen Hemisphäre‘ befinden; Länder, die von den USA offen als deren ‚Hinterhof‘ bezeichnet werden.
Caracas stehe und kämpfe für die riesigen Slums von Peru, für die Millionen Mittelloser in Paraguay, für die Bewohner brasilianischer Favelas, gegen die Wasserprivatisierung und gegen das Sterben des brasilianischen Regenwaldes. So habe auch Syrien für Palästina gekämpft, für die mittellosen Minderheiten in Saudi-Arabien und für Menschen in Bahrain, für den Jemen, für den Irak und für Afghanistan.
Vltchek sieht im Jahr 2019 Russland – ebenso wie China und Südafrika – noch als Unterstützer der arabischen Länder und von Venezuela. [Die Weltlage stellt sich zwischenzeitlich komplexer dar, insbesondere seit dem Ukraine-Krieg.]
In Venezuela gehe es nicht nur ums Öl. Es gehe auch nicht nur darum, dass der Westen den Zugang zum Panamakanal sperren kann, sondern es gehe um nichts weniger als die vollständige Kontrolle der Welt: ideologisch, politisch, wirtschaftlich und sozial. Und um das Ausschalten jeglichen Widerstands innerhalb der westlichen Hemisphäre.
Wenn Venezuela fällt, werde sich der nächste Angriff gegen Nicaragua richten, um sich anschließend Kuba vorzunehmen. [Es kommen noch Kolumbien und Mexiko hinzu.]
Andre Vltchek endet: „Solange der westliche Imperialismus lebt, solange er seine Träume von der Kontrolle und Zerstörung des gesamten Planeten nicht aufgegeben hat, dürfen wir uns nicht ausruhen. Wir müssen wachsam bleiben, wir dürfen keine Siege irgendwo auf der Welt feiern. Denn es geht bei weitem nicht nur ums Öl. Es geht um das Überleben unseres Planeten.“
(1) https://www.globalresearch.ca/like-libya-syria-venezuela-not-just-about-oil/5673488
(2) Patria Grande ist laut Wikipedia das Konzept einer gemeinsamen Heimat oder Gemeinschaft, die das gesamte spanische Amerika und manchmal auch ganz Lateinamerika und die Karibik umfasst. Der Begriff steht im Zusammenhang mit politischen Ideen der iberoamerikanischen Integration, die die Balkanisierung des spanischen Imperiums in Amerika, die den spanisch-amerikanischen Unabhängigkeitskriegen folgte, ablehnte.
– Anmerkungen in eckigen Klammern von A.G. –
Andre Vltchek ist Philosoph, Schriftsteller, Filmemacher und investigativer Journalist. Er berichtete über Kriege und Konflikte in vielen Ländern, u.a. in Lateinamerika, Ostasien und Nahost. Vltchek erstellte eine Dokumentation über Ruanda und den Kongo und sprach 2012 mit Noam Chomsky über den „Terrorismus der westlichen Welt“ (Unrast Verlag/Jan. 2024).





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