
Haitham Abdelaziz Mussa
Die politischen Umstände des Jahres 2011 zwangen viele libysche Familien, ihr Land zu verlassen. Viele junger Libyer, die mit ihren Eltern vor allem nach Ägypten und Tunesien, aber auch in andere Länder flüchteten, sind dort aufgewachsen. Einer von ihnen ist der heute 15-jährigen Gymnasiast Haitham Abdelaziz Mussa, dessen Geschichte hier stellvertretend für die vielen anderen, die in der Kindheit oder Jugend ihre Heimat verloren, erzählt werden soll.
Hinter den Schlagzeilen von Krieg, Spaltung und Elend verbergen sich auch die Schicksale junger Menschen, die mit erlittenem Unrecht, Vertreibung und einem harten Leben im Exil konfrontiert sind und es dennoch schaffen, erfolgreich ihr Leben zu meistern. Haithams Geschichte übermittelt die hoffnungsfrohe Botschaft, dass es oft gerade die schwierigen Lebensumstände sind, die zu Höchstleistungen motivieren.
Das Exil
Bei der Flucht seiner Familie von Libyen nach Tunesien war Haitham grade einmal ein Jahr alt. Über seine Kindheit und Jugend sagt er: „Ich wuchs mit dem Gefühl auf, dass ich eine ferne Heimat hatte, die mehr in mir lebte als ich in ihr.“ Was unterscheidet eine Kindheit und Jugend im Exil von anderen Biographien? Vielleicht prägt der schon in jungen Jahren erfahrene Anpassungsdruck den Charakter in Richtung Ernsthaftigkeit und Geduld.
Haitham Mussa und seine Familie standen vor zahlreichen Herausforderungen. Das gesamte gesellschaftliche und soziale Umfeld gestaltete sich grundlegend neu. Die Sprache war nicht mehr die eigene, zwar immer noch Arabisch, doch nun das tunesische Arabisch, zusätzlich Französisch. Haitham: „Später musste mich in ein Schul- und Bildungssystem einfügen, in dem die französische Sprache eine herausragende Rolle spielt. In Tunesien habe ich angefangen, fremde Sprachen zu lernen. Vieles machte mir Angst und ich musste lernen, mich dieser Angst zu stellen“. Heute beherrscht Haitham neben seiner Muttersprache Arabisch auch Englisch und Französisch, fließend in Wort und Schrift, und hat gerade damit begonnen, Deutschstunden zu nehmen.
Haitham musste sich wie viele andere entwurzelte Libyer fernab der Heimat den Weg in eine unbestimmte Zukunft bahnen. Die Spannungen, Konflikte und Kämpfe im Heimatland jenseits der Grenze verfolgte seine Familie über Nachrichten, voller Trauer über den Zusammenbruch eines Staates, mit dem man sich auch in der Ferne stark verbunden fühlt. Trotz der vielen im Exil geschlossenen Freundschaften drängte sich immer wieder das Gefühl auf, nicht wirklich dazu zu gehören. Tatsächlich hat Haitham Sehnsucht nach Libyen, das ihm nur durch Erzählungen bekannt und zugänglich ist.
Dieses Gefühl des Verlusts der Heimat brachte Haitham zu der Einsicht, dass Wissen etwas ist, dass ihm keiner nehmen kann. Bücher und Bildung werden sein Leben lang seine Begleiter sein.
Lernen und Bildung als Zukunftsanker
In Tunesien besuchte Haytham zunächst sechs Jahre lang eine öffentliche Grundschule, konnte sich dann aber für das Bourguiba Lycée Pilote (Pilot-Gymnasium) qualifizieren. Für diese weiterführenden Modellschulen müssen sich Schüler landesweit über eine Aufnahmeprüfung qualifizieren. Aufgenommen werden nur besonders leistungsstarke Schüler, die dort auf eine akademische Laufbahn vorbereitet werden. Haitham ist einer von ihnen.
Neben dem Sprachstudium haben es Haytham die MINT-Fächer angetan. Wissenschaftliche Bücher zu Physik, Mathematik, Biologie und Informatik zählen auch privat zu seiner Lieblingslektüre. Sein großer Traum wäre ein Studium der Luftfahrttechnik.
Stolz erzählt Haitham, wie er sogar von einer tunesischen Zeitung für seine herausragenden schulischen Leistungen belobigt wurde. In dem Beitrag wird zurecht darauf hingewiesen, dass es die tunesische Gesellschaft ist, die den libyschen Jugendlichen diese Bildungschancen bietet. Tunesien hat Tausende vertriebene Libyer aufgenommen und ihnen faire Rahmenbedingungen geboten, die ihnen viele Türen ins Leben öffneten.
Neben dem formalen Bildungsweg besucht Haitham auch die Koranschulen. Es sei sein Bestreben, von ihm geschätzte traditionelle Werte mit moderner Wissenschaft zu verbinden. Bisher scheint diesem hochbegabten, ernsthaften Jungen das gut zu gelingen.
Die Jugend – eine Hoffnung für Libyens Zukunft
Und doch ist Haitham ein Teenager wie die meisten seines Alters, der Fußball liebt, den Africa-Cup verfolgt und der sagt: „Ich bin aber Barca-Fan (Barcelona) und mein Lieblingsspieler ist Messi.“ Er spielt selbst Fußball, mit seinem Bruder Ayham, aber auch mit Freunden. Freunde zu finden fiel ihm nie schwer, feste Freundschaften sind ein wichtiger Bestandteil seines Lebens. Doch noch lieber als Fußball spielt er mit seiner jüngeren Schwester Eyet Schach und freut sich: „Ich gewinne immer!“ Und zur Erholung hört Haitham gerne klassische Musik.
Haitham ist für seine jungen Jahre ein fast schon zu kluger und ernsthafter Teenager, insbesondere, wenn er mit Überzeugung davon spricht, wie gerne er sein Wissen und seine Bildung später einmal nach Zerstörung und Staatszerfall seines Heimatlandes für dessen Wiederaufbau einsetzen würde.
Das Exil bot Haitham eine große Chance, die er dank seiner Intelligenz und Beharrlichkeit bestens nutzte, um Spitzenleistungen zu erzielen. Er sagt: „Jeder meiner Erfolge fühlt sich wie eine kleine Botschaft an Libyen an – die Botschaft, dass seine Kinder noch immer träumen können. Ich möchte meine Ausbildung fortsetzen und eines Tages ein Mensch werden, der für mein Land nützlich ist – auch wenn der Weg dorthin noch weit ist.“
Libyen würde gut daran tun, diese aus ihrer Heimat vertriebenen jungen Menschen und ihren Familien die Rückkehr zu ermöglichen – als großes Pfund für die Zukunft des Landes.
Haitham: „Die Hoffnung stirbt nie … sie wartet nur darauf, dass man an sie glaubt.“
Möge Haithams Geschichte allen im Exil lebenden Libyern zeigen, dass Aufgeben keine Option ist, denn es ist auch jenseits der Grenzen möglich, still aufzubegehren.
Die Zukunft lebt – auch für Libyen.






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