Rezension/Romain Rolland. Auszüge aus Romain Rollands auf knapp 2.000 Seiten veröffentlichten Tagebucheinträgen von 1913 bis 1919, zu denen Albert Schweitzer das Vorwort schrieb.

Romain Rolland, Pazifist und Nobelpreisträger für Literatur, veröffentlichte 1954/55 seine erschütternden Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren des Ersten Weltkrieges.

Rolland nannte sein Tagebuch „Geschichte der europäischen Seele während des Völkerkrieges“ und Albert Schweitzer bezeichnete es als „die geistige Geschichte des Krieges von 1914“. Die Aufzeichnungen umfassen den Zeitraum von 1913 bis 1919 und dokumentieren nicht nur den Ersten Weltkrieg aus der Sicht eines Pazifisten, der an seiner Zeit fast verzweifelt, sondern auch die damalige geistige Verfasstheit der Völker und ihrer Menschen. Briefwechsel mit Geistesgrößen, der Austausch mit Wissenschaftlern, Künstlern, Schriftstellern, Politikern und Redakteuren, aber auch mit Soldaten und einfachen Leuten, finden Eingang in Rollands Schriften.

Viele Konflikte der damaligen Zeit sind noch heute virulent und die Aussagen Rollands überraschend aktuell.

Die Tagebuchaufzeichnungen von Romain Rolland beginnen am 31. Juli 1914 mit den Worten: „Die Luft ist köstlich, Glyzinienduft erfüllt die Nacht, und die Sterne leuchten in so reinem Glanz! In diesem göttlichen Frieden, inmitten dieser lieblichen Schönheit beginnen die Völker Europas das große Morden.“

Fünf Jahre später, am 23. Juni 1919, endet sein Kriegstagebuch. Die letzten, prophetischen Sätze lauten: „Der Friedensvertrag wird unterzeichnet. – Die Kanonen begrüßen die Unterzeichnung mit Salven, sie feuern jeweils zwanzig Schüsse ab. Trauriger Friede. Lächerliche Pause zwischen zwei Völkergemetzel! Aber wer denkt an morgen?“

Der Erste Weltkrieg hinterlässt einen illusionslosen Rolland, der sich über die zukünftig bevorstehenden Gewaltakte zwischen den Nationalstaaten keiner Illusion hingibt

Der Franzose Rolland Romain wurde am 29. Januar 1866 in Clamency geboren und starb am 30. Dezember in der burgundischen Stadt Vézelay. Der Nobelpreis wurde ihm 1915 für seinen zehnbändigen Roman Jean Christoph zuerkannt. Das Preisgeld spendete er dem Roten Kreuz. Neben der Schriftstellerei betätigte er sich als Musikkritiker und Biograph. 1923, nachdem er Gandhi persönlich aufgesucht hatte, schrieb er seine Gandhi-Biographie. Der Pazifist Rolland hatte sein Leben der Friedens- und Völkerverständigung gewidmet.

1914, kurz nach Kriegsausbruch, veröffentlichte Rolland seinen berühmten Antikriegsappell Au-dessus de la mêlée (Über den Schlachten), „eine Anklage gegen die verbrecherischen Anstifter dieses Krieges und ein Aufruf zur Vereinigung der europäischen Geister“. Die darauf folgenden Anfeindungen waren gewaltig. Rolland kehrte nach einem Urlaub in der Schweiz nicht nach Frankreich zurück.

Er schrieb stattdessen gegen all diejenigen an, die den Hass auf die jeweils gegnerische Kriegspartei schürten und zum Krieg hetzten. In seinen Tagebüchern heißt es: „Es ist schrecklich, inmitten dieser geistesgestörten Menschheit leben und ohnmächtig dem Bankrott dieser Zivilisation beiwohnen zu müssen. Dieser europäische Krieg ist seit Jahrhunderten die größte Katastrophe der Geschichte, das Ende der heiligsten Hoffnungen, die wir in die humane Zusammengehörigkeit der Menschen gesetzt haben“. Und er geißelt den Willen zur Macht: „Dieses Monstrum mit hundert Köpfen nennt sich Imperialismus. Es ist dieser ehrgeizige Wille zur Herrschaft, der alles aufsaugen, sich unterwerfen oder zerbrechen will und keine freiheitliche Macht neben sich selbst duldet.“

So schafft Rolland ein Stimmungsbild, das besser als jedes Geschichtsbuch einen Zugang zu der Zeit des Ersten Weltkrieges gewährt.

Dieses Antikriegstagebuch und einzigartige Zeitdokument stellt eine emotionale Nähe zu den Schrecken des Ersten Weltkriegs her, ermöglicht das Miterleben dieser Zeit, jenseits der militärischen Schlachten. Rolland beschreibt, wie ihn die Positionen der Sozialisten und der Christen zutiefst enttäuschen, wie er – ein großer Bewunderer Tolstois – als Zeitzeuge die Vorgänge in Russland zur Zeit der Revolution mit Spannung verfolgt, wie er sich über das brutale Vorgehen gegen den Spartakusaufstand und die Räterepubliken empört. Er ordnet die Politik Frankreichs, Großbritanniens, Englands, Russlands, Italiens, Deutschlands und Österreichs genauso ein wie die Politik der USA oder Japans und kommentiert den Zusammenbruch der Monarchie in Deutschland und Österreich. Nie ist Rolland nur passiver Beobachter, sondern stets nimmt er Stellung für eine Friedenslösung, für Völkerverständigung, für Menschlichkeit, was ihm in Frankreich ebenso wie in Deutschland vor allem Feindschaft einbringt.

Während des Kriegs verfemt und verleugnet, fand Rollands Idee eines „Tribunal des Gewissens“ im späteren Völkerbund ihren Niederschlag.

Es wird den heutigen Leser erstaunen, wie viele Konflikte der damaligen Zeit noch heute virulent sind und welche Aktualität manche Aussagen Rollands noch immer haben.

 

Romain Rolland. Der Erste Weltkrieg aus Sicht eines Pazifisten. Aus den Tagebucheinträgen 1913 – 1919.
Hrsg: Angelika Gutsche,2021, Westarp BookonDemand