In seinem Buch „Menschlichkeit in digitalen Zeiten – Warum wir ohne lebendige Wirklichkeit nicht leben können“ warnt Joachim Bauer vor dem totalitären Zugriff auf den Menschen in digitalen Zeiten. Digitalisierung und Transhumanismus führten zu Neurotisierung, Verunsicherung und gesellschaftlichen Spaltungstendenzen. Dies seien nicht nur Nebenwirkungen der Digitalisierung, sondern Teil der im Silicon Valley beheimateten Strategie.
Ein Plädoyer für Menschlichkeit und für Lust und Freude an der Körperlichkeit.
Die Vordenker des Silicon Valley und ihre Zukunftsvisionen
Joachim Bauer gibt in seinem Buch zunächst einen Überblick über die Ideologie des Silicon Valley, indem er aus einem psychoanalytischen Blickwinkel das Weltbild von drei führenden Masterminds vorstellt: Marc Andreessen, der ein Techno-Optimist Manifest veröffentlichte; Ray Kurzweil, der die Verschmelzung von Mensch und Maschine und die Abschaffung des Körpers propagiert; sowie Peter Thiel, dem eine nicht regulierte Vormachtstellung der Digital-Industrie einschließlich digitaler Komplettüberwachung vorschwebt.
Marc Andreessen plädiert für technischen Fortschritt und Wachstum, schwärmt von einer gigantischen Techno-Kapital-Maschine, betet die KI an und schreibt: „Techno-Optimismus ist eine materielle Philosophie … Wir sind aus gutem Grund auf das Materielle fokussiert.“ Soziale Verantwortung, Vertrauen und Sicherheit und das Vorsorgeprinzip werden als „Feinde“ ausgemacht, während die Zukunft „eine Welt des Ehrgeizes, des Überflusses und des Abenteuers“ sein soll. Aussagen Andreessens wie „Schönheit existiert nur im Kampf. Es gibt kein Meisterwerk, das nicht einen aggressiven Charakter hat. Technik muss ein gewaltsamer Angriff auf die Kräfte des Unbekannten sein, um sie zu zwingen, sich vor dem Menschen zu beugen.“ scheinen sich auf das Futuristische Manifest aus dem Jahre 1909 zu beziehen, eine Hymne auf Krieg und Militarismus, geschrieben von Tommaso Marinetti, ein Wegbereiter des italienischen Faschismus.
Indem Andreessen in seiner Megalomanie von „digitalen Supermännern“ und technologischer Großartigkeit träumt, kommt laut dem Psychotherapeuten Bauer die Kompensation eines verborgenen Selbst-Defizits zum Ausdruck: Gefühle der Wenigkeit werden ins Unbewusste abgedrängt, indem man sich selbst für ebenso toll erklärt wie es die Produkte des Silicon Valleys sein sollen.
Die Gedankenwelt von Ray Kurzweil beschreibt Joachim Bauer anhand dessen Werk The Singularity is Nearer aus dem Jahr 2005. Das Streben von Kurzweil ziele darauf ab, den analogen, biologischen Menschen ganz abzuschaffen, da der Mensch der KI unterlegen sei. Unser Selbst könne auch ohne Körper mit Hilfe von KI überleben, Bewusstsein ließe sich auf Rechenoperationen reduzieren, Empfindungsfähigkeit könne durch Technologie erschaffen werden und die simulierten Sinneseindrücke einer virtuelle Realität über Gehirn-Computer-Schnittstellen direkt in das Gehirn eingespeist werden. Hier merkt Bauer an, dass diese Überflutung des Gehirns mit von außen zugeführten Informationen und Sinnesreizen vermutlich eine Psychose auslösen würde.
Kurzweil reduziere das menschliche Gehirn auf die Fähigkeit zur Datenverarbeitung und wolle die Wissenschaftsgebiete Biologie, Medizin und Psychologie „per Putsch beseitigen“, gefragt sei allein Informationstechnologie. Kurzweil sehe sogar die Möglichkeit, „uns selbst auf Wunsch zu duplizieren“, indem mittels Nanobots eine Computerkopie des Gehirns angefertigt wird. Dem hält Bauer entgegen, dass einer digitalen Persönlichkeitskopie alle Merkmale eines lebendigen Menschen fehlen; es gäbe keinen Austausch mit dem eigenen Körper, dem sozialen Umfeld und dadurch auch keine persönliche Weiterentwicklung.
Die Ablehnung des lebendigen Körpers mit seinen sozialen Bedürfnissen verrate, dass Kurzweil Gefühle verneine. Gefühle vermittelten jedoch dem Körper, was er braucht und was ihm zuwider ist. Aus Sicht der Psychoanalyse sei der „Ersatz des analogen, biologischen Menschen durch eine Datenverarbeitungsmaschine“ eine „gigantische Rationalisierung“ zur Beseitigung des verletzlichen und sterblichen Körpers, der Gefühlswelt und der menschlichen Subjektivität. Kurzweil blende aus, dass sich der menschliche Körper unter dem Einfluss sozialer Erfahrungen ständig verändert.
Der Autor beschreibt den aktuell bedeutendsten Vertreter des Silicon Valley, Peter Thiel, als einen „philosophisch ambitionierten Denker“, der durch die Philosophen Leo Strauss und René Girard geprägt wurde. Bauer verweist auf Thiels Buch From Zero to One, in dem er die Monopolstellung von Unternehmen, die auf ihrem Gebiet führend sind, für erstrebenswert hält; im Gegensatz dazu sei ein ruinöser Konkurrenzkampf nicht im Interesse der Allgemeinheit. Thiel gehe es in diesem Sinne um eine nicht regulierte Vormachtstellung der Digital-Industrie. Fragen nach Kranken- und Sozialversicherung seien für Thiel Ausdruck von Behäbigkeit und allgemeiner Risikoscheu. Mit der Kritik am Sozialstaat gehe auch die Kritik an der Demokratie einher.
Dem hält Bauer entgegen, dass die einseitige Ausrichtung des Lebens auf beruflichen Erfolg hohe Risiken für die körperliche und psychische Gesundheit mit sich bringe, wie die hohe Zahl der an Depression leidenden Menschen zeige.
In seiner Schrift The Straussian Moment werfe Thiel dem Westen vor, nicht erkannt zu haben, dass der Islamismus mit seinem starken religiösen und politischen Konzept nicht kompromissfähig sei, während im Westen Konfusion herrsche. Der Westen müsse seine Werte verteidigen, ohne sie dem Kampf zu opfern. Hier komme nun das von Thiel entwickelte digitale Überwachungssystem Palantir ins Spiel, das Geheimdiensten helfen soll, terroristische Gefährder abzuwehren.
Bauer weist darauf hin, dass im Silicon-Valley-Milieu die Angst vor dem weiblichen Geschlecht durch Misogynie verdeckt wird, wozu auch die Verachtung von Empathie gehört. So sagte Elon Musk in einem Interviews: „Die fundamentale Schwäche der westlichen Zivilisation ist Empathie“, Empathie sei „zivilisatorischer Selbstmord“. Auch der für den Narzissmus typische Abwehrmechanismus der Spaltung in „gut“ und „böse“, „Freund“ und „Feind“ finde dort weite Verbreitung.
Insgesamt diagnostiziert Bauer zwischen den Anbietern der Silicon-Valley-Produkte und deren Kunden eine Beziehungsstörung, die sich im Missbrauch der Kunden und ihrer Daten ausdrückt, während den Kunden Verbundenheit vorgegaukelt wird.
Ohne Körper geht es nicht – was den Unterschied zum Computer ausmacht
Laut Joachim Bauer haben Bewusstsein und wirkliche Intelligenz den lebendigen Körper, der in einem aktiven Austausch mit seiner Umwelt steht, zur Voraussetzung. Lebewesen entstehen ausschließlich in feuchten, schleimigen oder gallertartigen Milieus, haben ein sich selbst erhaltendes Kontinuum – können also nicht wie Maschinen ein und ausgeschaltet werden – und enden mit dem Tod. Der Körper verändert sich ständig durch Beziehungserfahrungen und erfährt so seine individuelle Geschichte.
Die KI könne dies nur simulieren, wenn sie mit den entsprechenden Merkmalen programmiert wird. Die KI könne zwar neue Informationen verarbeiten, dies verändere aber nicht die Hardware des Computers. Die Frage, ob KI Bewusstsein erlangen kann, wird vom Autor eindeutig verneint. Denn Bewusstsein sei Selbstwahrnehmung, subjektives Erleben und Fühlen, ein „biologisches Grundphänomen eigener Art“, und keineswegs von fortgeschrittener Informationsverarbeitung ableitbar. Der Ort des Bewusstseins sei keineswegs alleine das Gehirn, sondern der gesamte Körper mit seinen Bedürfnissen.
Ohne die Nützlichkeit von KI schmälern zu wollen, verweist Bauer darauf, dass Computer keine Sinnesorgane haben, um die Welt, den menschlichen Handlungsraum wahrzunehmen. Handeln und Fühlen seien aber die Grundlage für jegliche Intelligenz. Verstehen setze bereits im Säuglingsalter sensomotorische Verankerung voraus. Der Mensch bilde Konzepte und Symbole wie die Sprache. Sprache kann Handlung sein, aber auch Handlung ersetzen. Über Handlungen kann nachgedacht oder gesprochen werden oder sie können ausgeführt, aber auch beobachtet werden. „Der Mensch akkumuliert, indem er handelt, nicht nur ein Wissen über die Welt, sondern auch über die eigene Person, über sein Selbst.“ Ohne lebendes Subjekt werden laut Bauer „Rechenoperationen zum reinen Selbstzweck und damit sinnlos“. Dies sei keine Intelligenz, sondern Technizismus.
Für die allermeisten Menschen sei die Fähigkeit, seine Mitmenschen zu verstehen und mit ihnen zu fühlen, eine herausragende menschliche Eigenschaft. Ohne Einfühlung sei es schlicht nicht möglich, miteinander zu kooperieren. Besonders in der kindlichen Entwicklung sei es wichtig, dass sich Gefühle auf den Beobachter übertragen. Ohne Resonanz durch die Bezugsperson könne keine emotionale Intelligenz erlernt werden.
Bezugnehmend auf den Psychologen Martin Seligman, der zeigte, dass bei depressiven Menschen nicht nur die Gefühlswelt, sondern auch die Intelligenz einen Zusammenbruch erleidet, weist der Autor auf den engen Zusammenhang von Emotionen und Intelligenz hin.
Laut Bauer soll der Mensch als Teil seiner biologischen Bestimmung seine Selbstwahrnehmung schärfen, ebenso wie die Wahrnehmung der Befindlichkeit seiner Mitmenschen. Das Geschäftsmodell des Silicon Valley stehe dem konträr gegenüber: Es fülle das menschliche Bewusstsein mit externen Contents und halte es vom selbstständigen Denken ab. Der Autor weist auf den Widerspruch des Silicon Valley hin, das einerseits Gefühle ablehne, andererseits gerade menschliche Gefühle benutze, um ihre User an sich zu binden, indem Gefühle simuliert werden.
Der Körper und seine Gefühle versus digitaler Transhumanismus
Laut Bauer hat die Fähigkeit, sich selbst zu steuern, die Reifung neuronaler Strukturen im Stirnhirn zur Voraussetzung. Der Reifungsprozess werde in der Kindheit und Jugend durch Erziehung und Bildung beeinflusst. Zwischen der Intensivnutzung Jugendlicher von Social-Media und Gaming-Angeboten, die das Suchtzentrum des menschlichen Gehirns aktivieren, und der noch nicht hinreichend ausgeprägten Fähigkeit zur Selbststeuerung, bestehe ein Missverhältnis.
Lebensstilbedingte Einstellungen wie Vorlieben und Fähigkeiten könnten mittels Genregulation, bewirkt durch Umwelt, Bewegung, Ernährung, Spiel- und Lernumfeld, gesteuert und angeregt werden. Auch Begabungen seien durch Anregungen und Vorbilder beeinflussbar. Besondere Bedeutung habe dabei Bewegung, „die am Anfang allen Lebens und aller Bewusstseins- und Intelligenzentwicklung“ steht, ebenso wie eine einfühlsame, resonante Reaktion durch die Bezugsperson, insbesondere im Kleinkindalter. Digitale Angebote könnten dies nicht leisten, ganz im Gegenteil. „Kinder in den ersten drei Lebensjahren Bildschirmen auszusetzen, behindert ihren Spracherwerb und hat eine Verminderung ihres Wortschatzes zur Folge.“ Gerade Menschen mit unsicheren Bindungsmustern zeigten ein stark erhöhtes Risiko, eine bedenkliche Nutzung von digitalen Angeboten zu entwickeln, das heißt, süchtig zu werden.
Über ausreichend Motivation zu verfügen sei zur Bewältigung des Lebens unverzichtbar und begünstige die Intelligenzentfaltung. Motivationskiller seien negative oder fehlende Rückmeldungen, ein negatives Selbstbild, innere Leere, Einsamkeitsgefühle, Depression und Aggression. Für wirkungsvollen positiven Zuspruch brauche es reale Menschen, die nicht durch Videospiele oder KI-Chatpots ersetzt werden können, da bei ihnen Körpersprache und Blickkontakt entfallen.
Kinder und Jugendliche: Die Rücksichtslosigkeit der Digitalkonzerne
Studien zeigten, dass steigende Bildschirmnutzungszeiten bei Kindern mit Übergewicht, Kurzsichtigkeit, Schlafstörungen, Sprachentwicklungs- und motorischen Entwicklungsstörungen korrelieren, das Sozialverhalten beeinträchtigen und sogar eine Minderung des Gehirnvolumens zur Folge haben.
Das Smartphone als wirklich geniale technische Erfindung fülle inzwischen die von vielen Menschen empfundene innere Leere, während es gleichzeitig unser Selbst in die Außenwelt erweitere. Es könne abhängig machen, das eigene „Wenigkeitsgefühl“ ebenso wie das Wichtigkeitsgefühl steigern, oder auch zu einem „Größenselbst“ mit Allmachtsgefühlen führen.
Wer dem Klingelton des Handys mehr Beachtung schenke als dem analogen Gesprächspartner, werte dessen Wichtigkeit ab und die eigene auf. Schlimm sei es, wenn dies Kinder betreffe und diesen zur Beschäftigung oder Beruhigung auch das Handy oder Tablet in die Hand gedrückt wird, denn es sei für das Kind unverzichtbar, den Kontakt zu der Bezugsperson zu finden und aufrechtzuerhalten.
Da Kinder und Jugendliche aufgrund ihres noch unausgereiften Selbststeuerungsvermögens vom Handy nicht mehr loskommen, führe dies zur Vernachlässigung sozialer Kontakte und körperlicher Bewegung und es senke die Konzentrationsfähigkeit. Daneben seien sie im Internet hochproblematischen Inhalten ausgesetzt. Je jünger Kinder mit Smartphones hantieren, desto größer sei die Gefahr für die Entwicklung ernsthafter psychischer Störungen.
In der Adoleszenz könne das ständige Vergleichen mit anderen das Selbstwertgefühl und die Wahrnehmung des eigenen Körpers stark beeinträchtigen und habe bereits zu einem beängstigen Anstieg von Essstörungen und Depressionen geführt. Bauer weist darauf hin, dass Begegnung auf Social-Media-Plattformen ohne Körperlichkeit, das heißt ohne Körpersprache, Berührung und Augenkontakt, stattfindet.
Belastet werde der Umgang mit anderen im Internet durch Cybermobbing und Sexortion (digitale sexuelle Erpressung wie Geld gegen Nacktfotos) und Cybergrooming (Anbahnung sexueller Kontakte oder sexuellen Missbrauchs Minderjähriger). Laut dem Autor sind die sozialen Medien in Deutschland ein rechtsfreier Raum, in dem kein Jugendschutz existiert: „Es herrscht Unmenschlichkeit in digitalen Zeiten“.
In der intensiven Nutzung von Videospielen sieht Bauer das Zusammenleben gestört. Laut Umfragen gamen in Deutschland 22 Prozent der 11- bis 15-jährigen mindestens vier Stunden täglich, und schon zwölf Prozent der 10- bis 17-jährigen zeigen eine riskante pathologische Intensivnutzung. Die meisten Spiele besäßen ein hohes Suchtpotential. Ein lukratives Geschäft: Mit In-Game-Käufen setzt die Spieleindustrie allein in Deutschland jährlich 5,5 Milliarden Euro um.
Besonders problematisch sei beim Gamen der Wegfall der Körperlichkeit, wo – anders als beim Sport – die Körpermotorik verroste, während das Herz-/Kreislauf-, das Schmerz- und das Stresssystem belastet sind. Sport habe im Gegensatz zum Gamen auch den Vorteil, dass dabei soziale Kompetenz aufgebaut wird. Eine Heimat in der virtuellen Spielewelt fänden insbesondere junge Männer, die sozial isoliert sind und in der analogen weder einen Platz noch eine Freundin finden.
Riskant sei der Ersatz von Chatbots als analoge Freunde, die immer mit einem guten Rat zur Seite stehen, und die dazu verführen, mit ihnen eine persönliche Beziehung einzugehen, insbesondere wenn sie nach persönlichen Vorlieben konfiguriert sind: Chatbots als „süßes, aber hochgefährliches Gift für Einsame“, die reale Beziehungen zerstören, die Persönlichkeit verändern sowie Frustrationstoleranz und Konfliktfähigkeit herabsetzen können. Werden Chatbots immer mehr persönliche Aufgaben wie Einkäufe übertragen, seien sie der ideale Datenlieferant für die Anbieterfirmen, denen es gleichzeitig möglich ist, Kaufentscheidungen zu beeinflussen.
Erschreckende Einblicke in die Strategien von Chatbot-Anbietern bieten deren Handbücher, beispielsweise jenes von Mark Zuckerbergs Meta, wo es heißt, dass junge Kunden über Schmeicheleien an das Silicon Valley gebunden werden sollen. Gefährlich werde es, wenn keine Entscheidung mehr getroffen wird, ohne vorher die Meinung von ChatPT eingeholt zu haben, selbst wenn es um die Einnahme von Drogen oder gar einen Suizid geht.
Joachim Bauer führt aus, dass Social Media, Videospiele und Chatbots unser plastisches Gehirn, die Psyche und unser Bewusstsein verändern. Es könne zu anhaltenden Angst- und Erregungszuständen kommen, zur Veränderung des Selbst und bei Intensivnutzung zu dissoziativen Trance- und Abwesenheitszuständen. Kindern und Jugendlichen fehle noch die Möglichkeit, Gesehenes, das unangenehm ist, zu verdrängen. Um das Gesehene zu verarbeiten, sei das Gespräch nötig, denn es fehle noch die Möglichkeit, Realität und digitale Virtualität gut unterscheiden zu können.
Es sollte einem stets bewusst sein, dass Künstliche Intelligenz und Chatbots nicht neutral sind, sondern „die impliziten und expliziten Weltanschauungen und Denkweisen des Neoliberalismus us-amerikanischer Spielart“ transportieren. Die Antworten der Systeme sei der völlig undurchsichtigen Priorisierung der Betreiber mit ihren „fragwürdigen politischen und kulturellen Überzeugungen“ unterworfen. Es handle sich um Geschäftsmodelle, die ihre Nutzer möglichst intensiv an sich binden möchten, indem sie ihr Denken und Fühlen an das Silicon Valley delegieren. Sam Altman, Chef des Softwareunternehmens OPENAI: „We are building a brain for the world“.
De-Skilling mit KI
In Verkennung der körperlichen und sozialen Bedürfnisse könnten Kinder schon in Kitas von Chatbots betreut werden. Elon Musk entwickelte dafür eine kinderfreundliche Version namens Baby Crok.
In den Schulen habe ChatGPT, das häufig das Schreiben von Hausarbeiten übernimmt, zum Leistungsabfall geführt. Nicht umsonst ließen Länder wie Dänemark und Schweden die euphorisch-digitale Phase hinter sich. So sei gezeigt worden, „dass ein hohes Maß an Computernutzung in Schulen eindeutig negativ mit dem PISA-Ergebnissen in Mathematik und Lesen korreliert“ (Karolinska-Gutachten). Im Vorschulalter sei menschliche Interaktion für das Lernen unerlässlich, wobei „die frühe Nutzung von Bildschirmen mit einer schlechteren Sprachentwicklung verbunden ist“. Mantra artig weist Bauer immer wieder darauf hin, dass natürliche Intelligenz auf sensomotorischen Interaktionen des menschlichen Körpers mit der realen Welt basiert und die Fähigkeit zur Konzentration die wichtigste Voraussetzung für Intelligenz ist. Häufig störten digitale Angebote die Konzentration. Negative Auswirkungen habe auch die Abschaffung des Handschriftlichen. Handschrift als die älteste menschliche Kulturtechnik kombiniere in einmaliger Weise Sensomotorik mit Symbolik und stärke so die Verbindung zwischen den Nervenzellzentren des Gehirns. Lesen und Schreiben haben Intelligenz fördernde Effekt, weit über das Lesen und Schreiben hinaus. Der Autor zitiert den Historiker Harold James (Princeton University) mit den Worten: „Menschen werden durch Künstliche Intelligenz dümmer.“ Delegiere man selbstständiges Denken an die KI, unterziehe man sich selbst einem De-Skilling, sprich Verblödung.
Laut Bauer ist es absurd, dass in Bildungseinrichtungen wie Schulen zwar technisch hoch entwickelte, aber abgrundtief dumme Systeme wie ChatGPT, die nur wieder ausspucken, mit was sie vorher gefüttert wurden, potentiell hochbegabte junge Menschen davon abhalten, ihre eigene Intelligenz zu entwickeln.
Auch im universitären Bereich sei vor übertriebenen Erwartungen beim Einsatz der KI gewarnt, da sie nicht in der Lage ist, wirklich neue Erkenntnisse zu produzieren, denn sie erarbeite ihre Ergebnisse entsprechend der Wahrscheinlichkeit, die sie dem in ihr abgespeicherten Material entnimmt. Es gebe kein „richtig“ oder „falsch“, sondern nur „wahrscheinlich“ und „weniger wahrscheinlich“.
Bereits mehr als fünfzig Prozent der geisteswissenschaftlichen Arbeiten werden mittlerweile von KI erstellt, doch sei kein vertieftes Verstehen zu erwarten, werden Texte von der KI gelesen und zusammengefasst. Daneben landeten die bei Master- und Doktorarbeiten eingegebenen, für das Silicon Valley geldwerten Daten in den USA und würden dort sicher mit Interesse wahrgenommen.
KI in der Medizin und in der Psychotherapie
Durchaus positiv zu bewerten sei Brain-Computer-Interface (BCI), bei dem mittels implantiertem Chip Patienten ermöglicht wird, beispielsweise durch Vorstellungskraft einen Curser zu bewegen, die KI für sich sprechen zu lassen oder Exoskelette zu bewegen, das heißt, es werden krankheitsbedingte Defizite ausgeglichen.
Dies sei dem Autor zufolge von den „Verrücktheiten“ des Silicon Valleys zu unterscheiden, die die Evolution selbst in die Hand nehmen und den gesunden Menschen optimieren möchten, damit den Menschen aber krankmachen. Diese Vorstellungen seien zwar nicht zu realisieren, es bestünde aber die große Gefahr, dass die Menschen diesem Irrtum aufsitzen und das Silicon Valley eine neue technizistische Religion etabliert. Bauer gibt zu bedenken, dass „Gene keine mechanistisch vor sich hin arbeitende Maschinerie sind, sondern eine Klaviatur, die vom Leben bespielt wird. Gene sind Kommunikatoren. […] Der menschliche Körper verwandelt soziale Erfahrungen in molekulare Prozesse, er macht aus Psychologie Biologie.“
Unbestritten positiv sei der Einsatz der KI auch, wenn es um die Analyse von Bildmustern (Kernspin) oder Labordaten geht. Den Einsatz von KI anstelle der persönlichen Arzt-Patient-Beziehung, die ja eine Vertrauensverhältnis voraussetzt, sieht Bauer dagegen äußerst kritisch. KI-gestützte Sprachsysteme würden zwar „jedes medizinische Staatsexamen bestehen“, was keineswegs gleichzusetzen wäre mit einer richtigen Diagnosestellung. So hätten die meisten Schmerzen im orthopädischen Bereich keine primär orthopädische Ursache, sondern diese müssten im persönlichen und empathischen Gespräch unter Einbeziehung der psychischen und sozialen Situation häufig erst entschlüsselt werden. Hochproblematisch sei auch die Voraussage von Erkrankungen durch die KI, da dies eine selbsterfüllende Prophezeiung werden könnte.
Werde ChatGPT zur Bewältigung psychischer Probleme eingesetzt, bestehe die Gefahr, dass die KI die oft absonderlichen Gedankenwelten bestätigt, denn alle kommerziellen Chatbot Angebote seien darauf angelegt, den Nutzer zu binden, das heißt, ihn freundlich zu spiegeln. Im Gegensatz zu Chatbots werde ein guter Therapeut nicht versuchen, seinem Patienten um jeden Preis zu gefallen oder ihn gar von sich abhängig zu machen.
Es sei keine gute Nachricht, dass bereits zwei Drittel der deutschen Jugendlichen ChatGPT ständig als Ratgeber in Anspruch nehmen. Die von Bauer genannten Zahlen aktueller Umfragen: 72 Prozent benutzen regelmäßig soziale Medien, während nur noch 64 Prozent regelmäßig Zeit mit dem Partner oder der Partnerin oder 55 Prozent in der Natur verbringen. Realität und Wünsche klaffen hier weit auseinander, denn immer mehr Menschen wünschen sich genau das Gegenteil von dem, was sie tun. Hier stehe virtuelle Freizeitbeschäftigung gegen echte soziale Kontakte. Bauer schreibt: „Nicht nur die Bevölkerung Europas, die Menschheit als Ganzes ist durch die digitale Flutwelle existenziell verunsichert und zweifelt an sich selbst. […] Die Menschheit soll, so ist meine Vermutung als Psychiater, durch eine Shock-and Awe-Strategie (Furcht durch Schrecken) verunsichert und reifgeschossen werden, um zu folgsamen Käufern gemacht und hinter die Silicon-Valley-Philosophie auf Linie gebracht zu werden.“ Europa setze sich hierbei einer immensen Abhängigkeit vom Silicon Valley und einer ungeheuren Verletzlichkeit aus und werde zu einer „digitalen Kolonie“.
Weitere Gefahren der KI
Immer größere KI-Systeme benötigen immer mehr Energie. KI-Server sollen bis zum Jahr 2030 bereits zehn Prozent des globalen Stroms verbrauchen. „Die durch KI verursachten CO2-Aquivalente würden bis dahin auf 166 Millionen Tonnen ansteigen und entsprächen dem globalen Flugverkehr. Der Wasserverbrauch werde bei 66 Milliarden Litern liegen“.
Auch in der Automatisierung von Entscheidungsabläufen ohne menschliche Kontrolle und Verantwortung liege eine ungeheure Gefahr. Daneben wimmelten Sprachmodelle unsere Abrufe ab und führten uns „in einen Irrgarten von Nichtzuständigkeiten“.
Ebenso scheine in der Arbeitswelt KI nicht nur ein Segen zu sein, sondern gewaltige Probleme nach sich zu ziehen. In der freien Wirtschaft sollen 67 Prozent aller KI-Projekte scheitern, weil die Basisdaten mangelhaft sind, in den Firmen keine KI-Kompetenz vorhanden ist und KI nicht die wirklichen Geschäftsprobleme löst. Als „Workslop“ werde bezeichnet, wenn der von KI produzierte minderwertige Output am Ende zu Mehrarbeit anstatt zu Entlastung führt. Daneben sei KI nicht kostenfrei einsetzbar, reduziere nachhaltig das Erlebnis von sinnvollem Arbeiten und erhöhe der Druck auf die Arbeitskräfte. Nichtsdestotrotz sollen in den nächsten Jahren mehr als 50 Prozent der Büroarbeitsplätze entfallen. Aber auch unzähligen Kultur- und Medienschaffenden könnte ihre Lebensgrundlage entzogen werden, wenn das Urheberrecht ausgehebelt wird und KI-Systeme Musik und Bücher ohne Nutzungsgebühren produzieren.
Joachim Bauer beendet sein Buch mit den Worten: „Der übergroßen wirtschaftlichen Macht der Tech-Konzerne muss eine demokratische politische Gegenbewegung entgegengestellt werden. Gegen die messianischen Suggestionen des Silicon Valley gilt es die Vernunft, die Aufklärung und die Humanität zu verteidigen.“
Dem ist nichts hinzuzufügen.
Prof. Dr.med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Arzt und Psychotherapeut. Er veröffentlichte zahlreiche Sachbücher und erhielt für seine Forschungsarbeiten den renommierten Organon-Preis.
Joachim Bauer: „Menschlichkeit in digitalen Zeiten – Warum wir ohne lebendige Wirklichkeit nicht leben können“
Heyne Verlag, 2026





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