von Loïc RAMIREZ (Gastbeitrag)
Die französische Online-Zeitschrift Le Grand Soir (LGS) entsandte (mit Unterstützung ihrer Leser) im Winter 2025/26 die beiden Journalisten Loïc Ramirez und Erwan Briand nach Russland – nach Moskau – und in den vom Krieg gezeichneten Donbass, um einen Film zu drehen. Im Vorgriff auf dessen Veröffentlichung hat Ramirez eine dreiteilige Reisereportage für LGS verfasst, deren Übersetzung ins Deutsche Gela-News hier veröffentlicht.

Wandgemälde in Mariupol,
das die „Befreiung“ der Stadt feiert
Vom Busbahnhof in Donezk aus kann man den Bus oder Marschrutkas (Sammeltaxis) nach Mariupol nehmen. Die Busse fahren etwa stündlich, von morgens bis zum späten Nachmittag. Unsere Ansprechpartnerin Olga erwartet uns dort. Sie ist eine Mitarbeiterin des lokalen Roten Kreuzes und hat eine freie Wohnung gefunden, in der wir für die paar Tage unseres geplanten Aufenthalts wohnen können. Hotels sind rar gesät, und noch nicht alle sind darauf vorbereitet, Touristen aufzunehmen. Aber sie arbeiten daran.
Erwan und ich reisten 2022 zum ersten Mal nach Mariupol. Die Schlacht um die Stadt, die vom 24. Februar bis zum 20. Mai des Jahres dauerte, war gerade zu Ende gegangen.[1] Die Hafenstadt war nichts als ein offenes Trümmerfeld. Kein Viertel schien von den heftigen Kämpfen zwischen russischen Streitkräften, unterstützt von denen der Volksrepublik Donezk (DVR), und der ukrainischen Nationalgarde sowie des berüchtigten Asow-Regiments verschont geblieben zu sein. Wracks von Autos und Panzerfahrzeugen, überall Trümmer und Graffiti an den Wänden mit Aufschriften wie „Kinder“ oder „Hier leben Menschen“. Doch heute hat sich Mariupol verändert. Durch die Scheibe des Minibusses, mit dem wir in die Stadt fahren, betrachten Erwan und ich die neuen Gebäude entlang der Straße. Hohe Türme, deren Glasfassaden das Sonnenlicht reflektieren. Auf der Straße – Autos, Fußgänger, Busse voller Fahrgäste und das ultimative Zeichen dafür, dass das Leben wieder zur Normalität zurückkehrt: Kinder. In vier Jahren ist die Landschaft der Verwüstung einer normalen Stadt gewichen. „Unglaublich“, sagt Erwan.
Unsere Wohnung liegt mitten in der Stadt. Anders als in Donezk gibt es hier den ganzen Tag fließendes Wasser. Und es gibt warmes Wasser! Welch ein Luxus! Die umliegenden Straßen sind voller Leben, und viele Geschäfte haben bereits geöffnet. Es gibt Läden für Telefone und Elektronikzubehör, Restaurants, Cafés und Kleidergeschäfte. Ein großer Supermarkt liegt nur ein paar Schritte entfernt. Erwan stöbert dort vergnügt nach europäischen Produkten. „Mal sehen, wer die Sanktionen missachtet“, spottet er. Die Regale sind gut gefüllt und es gibt hauptsächlich russische und weißrussische Waren. Draußen scheint die Wintersonne auf die Bürgersteige und Plätze.
„Es ist eine sehr angenehme Stadt zum Leben“, erklärt Olga, die uns mit ihrem Mann Michail mit dem Auto abgeholt hat. Der junge Mann ist Kickbox-Trainer; sein Blick ist so sanft wie sein Händedruck fest. Das Paar führt uns in die neuen Viertel, wo große Gebäude errichtet wurden. „Alle Wohnungen sind schon verkauft“, erläutert Olga. „Viele Käufer kommen aus weit entfernten Regionen Russlands; sie sind auf der Suche nach einem milderen Klima, und hier ist der perfekte Ort für ein Ferienhaus am Meer.“ Laut ihren Angaben kostet eine Zweizimmerwohnung mit 40 Quadratmetern rund 10 Millionen Rubel (120.000 Euro), eine Dreizimmerwohnung mit 60 Quadratmetern 15 Millionen Rubel (180.000 Euro). Michail möchte uns die neuen Sportanlagen zeigen, die für die Jugend gebaut wurden. Boxen, Sambo oder auch MMA[2] – eine Reihe von Aktivitäten werden jungen Leuten aus „der ganzen Republik“, sprich dem Oblast Donezk, angeboten. Er betont: „Das ist wichtig für die Jugendlichen, für ihre Gesundheit“. Überall sieht man Kinderspielplätze und Sportanlagen im Freien. „Das wurde zuerst wiederaufgebaut“, sagt Olga, „historische Denkmäler und Einrichtungen für Kinder.“

Eine Straße in Mariupol
Mariupol ist ohne Zweifel eine Machtdemonstration Moskaus. Sein rasanter Wiederaufbau kann als eine politische Entscheidung gedeutet werden, die humanitäre Bedürfnisse, Verführung der Massen und eine Zurschaustellung von Macht vereint. „Die Stadt ist heute fast schöner als vor dem Krieg“, erklärt Alexander Sologub. Der aus Donezk stammende Sologub arbeitete in Mariupol als Englischlehrer. Der Kontrast zwischen der Dynamik der Hafenstadt, die seit 2022 unter russischer Kontrolle steht, und den noch immer sichtbaren Narben in der ehemaligen Hauptstadt der Separatistenrepublik, die seit 2014 unter feindlichem Beschuss steht, ist frappierend. „Die Menschen in Donezk müssen Mariupol beneiden“, sage ich zu Alexander. Er antwortet: „Ich glaube, es sind vor allem die Menschen aus Sankt Petersburg, die neidisch sind.“ Tatsächlich hat die russische Regierung dieser Stadt aufgetragen, den Wiederaufbau Mariupols zu finanzieren. Dieses Patenschaftssystem (Chestwo) ist im gesamten Donbass verbreitet: Jeder russischen Region wird eine zerstörte Stadt zugewiesen, die sie beim Wiederaufbau unterstützen muss. Für Mariupol richtete St. Petersburg den „Pobeda“-Fonds (Sieg) ein, der aus dem städtischen Haushalt und Beiträgen lokaler Unternehmen finanziert wird. Dieser Mechanismus ermöglicht es, die Last des Wiederaufbaus auf die russischen Regionen zu verteilen.
Trotz der spektakulären Fortschritte weist die Stadt noch immer viele Zeichen des Krieges auf. Zerstörte Häuser, von zahlreichen Einschusslöchern gezeichnete Fassaden … Es ist nicht ungewöhnlich, durch eine scheinbar unversehrte Straße zu gehen und dann, gleich um die Ecke, plötzlich vor ausgebrannten, klaffenden Ruinen zu stehen. Ein weiteres Zeichen der Tragödie: Zahlreiche ausgesetzte Hunde streunen durch Parks und Gassen. „Zur Zeit der Evakuierung war es verboten, mit Tieren ohne Impfnachweis in die bereitgestellten Busse einzusteigen“, erklärt Alexei Tobot, ein Einwohner der Stadt. „Deshalb ließen viele, die vor den Kämpfen flohen, ihre Hunde zurück.“ Manche Tiere sind aggressiv, manche verstört. Die Kämpfe allein überlebt zu haben, hat Spuren hinterlassen.
An der Küste gewöhnen sich die Bewohner langsam wieder an die Ruhe. Man sieht einige Familien und Gruppen von Freunden, die Spaziergänge am Strand und auf den langen Stegen unternehmen, die sich ins Wasser erstrecken. Das Asowsche Meer, das flachste der Welt (bis 18 Meter tief), ist ruhig. Das Abendlicht spiegelt sich an seiner Oberfläche und macht den Spaziergang angenehm. Vom Strand aus sieht man die Ruinen von Asowstahl, dem Stahlwerk, in dem die letzten Kämpfe zwischen der russischen Armee und dem dort verschanzten Asow-Regiment stattfanden. Für das Gelände werden umfangreiche Sanierungspläne geprüft, die die Stadt nach dem Abriss des Werks wieder in ein Touristenziel verwandeln sollen. Diese Pläne werden im Schlachtenmuseum Mariupol im Stadtzentrum vorgestellt. Dort stellt eine eindrucksvolle Ausstellung den Krieg als Befreiung einer Stadt unter ukrainischer Besatzung dar und zieht Parallelen zum Krieg gegen die Nazis im 20. Jahrhundert. Der Krieg auf dem Schlachtfeld wird dem Kampf der Narrative gegenübergestellt.
Die russische Wiederaufbaupolitik beschränkt sich nicht auf diese symbolträchtige Stadt. Man sieht sie auch in Gebieten nahe der Front, wo die Trümmer noch immer schwelen. So auch in Awdijewka nördlich von Donezk. „Wenn mir eine Drohne gemeldet wird, müssen Sie sofort alles stehen und liegen lassen und mir ohne Widerrede folgen“, erklärt Artjom, der Leiter der Stadtverwaltung. Er hält ständig einer Art Walkie-Talkie in der Hand, das warnt, wenn sich eine Drohne näher. „2014 lebten hier etwa 35.000 Menschen“, sagt er, „heute sind es nur noch 176.“ Die Stadt war lange ein Bollwerk der ukrainischen Armee, und ihre Einnahme durch die russische Armee am 11. Februar 2024 war ein bedeutender Sieg für Moskau.
„Kommen Sie aus Frankreich? Ich spreche ein bisschen Französisch, weil ich es früher in der Schule unterrichtet habe.“ Das sind die ersten Worte von Ljudmila Kljowa, als sie zu uns kommt. Als Einwohnerin der Stadt möchte sie uns die laufenden Renovierungsarbeiten an einem kleinen Gebäude zeigen. „Das Schwierigste ist nicht so sehr der Wiederaufbau, sondern die Reinigung! Sie können sich gar nicht vorstellen, was alles raus musste!“ Trotz ihres hohen Alters ist sie voller Tatendrang, ihre Haut vom Frost gerötet. Sie geht die Treppen rauf und runter, um uns den Aufbau der zukünftigen Wohnungen zu zeigen. Eine Hündin weicht ihr nicht von der Seite und folgt ihr auf Schritt und Tritt. „Ich habe sie während des Krieges gerettet; ihre früheren Herrchen sind tot. Hunde helfen uns sehr; sie warnen uns vor Drohnen, weil sie sie schon von Weitem hören können.“ „Gibt es viele?“, frage ich. „Drohnen? Jeden Tag.“

Ljudmila Kljowa
Rund um das Gebäude wird gearbeitet. Ljudmila spricht einige Arbeiter an, damit wir sie begrüßen können. „Sie sind unsere Retter und arbeiten unermüdlich“, fügt sie hinzu. „Sie kommen alle aus der Region Jugra in Russland (Westsibirien). Es waren übrigens Soldaten aus dieser Region, die die Stadt befreit haben.“ Vom Dach des Gebäudes aus betrachten wir die Überreste der Stadt. Kilometerweit erstrecken sich leere, verfallene Häuser. Artjom, der immer noch neben uns steht, bittet uns, bestimmte Bereiche nicht zu fotografieren. „Zur Sicherheit. Es gibt Soldaten hier“, erklärt er.
Mit den wenigen Bewohnern, die noch im Viertel leben, organisiert Ljudmila Veranstaltungen. Auf ihrem Handy zeigt sie uns Fotos, wie sie das schöne Sommerwetter genießen, draußen essen und singen. Eine Auszeit vom Konflikt. „Wir alle wollen Frieden, niemand will Krieg. Die Menschen in Europa müssen verstehen, dass Russland keinen Krieg will, aber dies ist unser Land.“ Ljudmila macht aus ihrer Parteinahme kein Geheimnis. Aus einem kleinen Abstellraum, in dem sie mehrere Kisten gestapelt hat, holt sie einen Kalender hervor, den sie uns schenken möchte. „Er wurde zur Feier unserer Befreiung angefertigt“, sagt sie und reicht ihn uns. Er zeigt einen russischen Soldaten, der stolz vor der Flagge und dem Stadteingang von Awdijewka posiert.
Vor unserer Abreise verabschieden wir uns von der Lehrerin. Wie viele Menschen im Donbass gibt sie uns den Auftrag, ihre Botschaft und ihr Zeugnis weiterzutragen. Sie ist sich bewusst, dass die westlichen Medien den Konflikt als simple Folge russischer Aggression darstellen und die Geschichte ignorieren, als würden die letzten zwölf Jahre nicht zählen – die Toten des Maidan, die Opfer des Brandes im Gewerkschaftshaus in Odessa, die Opfer der Bombenangriffe auf Donezk und Luhansk, die falschen Hoffnungen, die die Minsker Abkommen geweckt haben … In den fast menschenleeren Straßen von Awdijewka begegnen wir nur Militärfahrzeugen und einigen wenigen Soldaten. Plötzlich fällt mir ein besonderes Abzeichen auf einer der Uniformen auf. Wir fragen den Mann, ob wir es uns ansehen und fotografieren dürfen. Er willigt ein. Unter der Bedingung, dass das Foto ihn nicht zeigt. „Nur meinen Arm.“ Das Abzeichen zeigt das Gesicht Josef Stalins, begleitet von einem kurzen, humorvollen Text, ein angebliches Zitat: „Zu meiner Zeit hätte es so ein Chaos nicht gegeben.“
Das französische Original, Fragments russes (3), wurde von Heiner Biewer ins Deutsche übersetzt. Fotos: Freske: L. Ramirez, sonstige: E. Briand
[1] siehe Unterwegs im Donbass
[2] Abkürzung für „gemischte Kampfsportarten“ (Mixed Martial Arts)





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