von Loïc RAMIREZ (Gastbeitrag)
Die französische Online-Zeitschrift Le Grand Soir (LGS) entsandte (mit Unterstützung ihrer Leser) im Winter 2025/26 die beiden Journalisten Loïc Ramirez und Erwan Briand nach Russland – nach Moskau – und in den vom Krieg gezeichneten Donbass, um einen Film zu drehen. Im Vorgriff auf dessen Veröffentlichung hat Ramirez eine dreiteilige Reisereportage für LGS verfasst, deren Übersetzung ins Deutsche Gela-News hier veröffentlicht.

Wandgemälde in Donezk:
„Die Einheit ist dort wo Russland ist“
Die Sache war nicht einfach. Wir mussten mehrere Monate warten, die Flugtickets wurden dreimal umgeschrieben, es gab jede Menge Stress, aber schließlich haben uns die russischen Behörden Journalistenvisa ausgestellt. „Ura!“, wie die Russen sagen! Mit diesem „Sesam, öffne Dich“ im Gepäck konnten Erwan und ich über Istanbul nach Moskau reisen. Seit Verhängung der Sanktionen gibt es keine Direktflüge mehr. Moskau empfing uns in schönster Winterpracht, mit meterhohen Schneemassen auf den Bürgersteigen. Ein Rekord, sagte man uns: so viel Schnee hatte es seit Jahren nicht mehr gegeben. Die Hauptstadt ist modern, sauber, riesig und wunderschön. In den Geschäften und Restaurants herrscht reges Treiben, und die Cafés sind am späten Nachmittag brechend voll. Die U-Bahn-Gänge sind zur Stoßzeit überfüllt, wie es in vielen Großstädten der Fall ist. Man könnte fast vergessen, dass sich das Land im Krieg befindet, wären da nicht gewisse Details, die daran erinnern. Mit der Nase am Handybildschirm versucht Erwan herauszufinden, in welcher Straße wir uns befinden. „Ich verstehe das nicht, wir sollten doch hier sein“, sagte er und suchte nach irgendeinem Hinweisschild, um die kyrillische Schrift zu entziffern. Dann dämmert es ihm plötzlich: „Na klar! Die Drohnen!“ Er hatte in einem Online-Video gesehen, dass die Standortbestimmung durch Satellitenstörungen – einer Sicherheitsmaßnahme – unpräzise geworden ist.
Seit dem Beginn seiner „Militärischen Sonderoperation“, die am 24. Februar 2022 zum Einmarsch in die Ukraine führte, ist Russland zu einem zentralen Spieler der Geopolitik geworden. Innerhalb von etwa zwanzig Jahren wandelte es sich vom Verbündeten Washingtons zum erklärten Feind der NATO. Fast wider Willen wurde es zu einer Art Aushängeschild des sogenannten „Globalen Südens“, wo man seit langem von Vergeltung träumt. Jean Ziegler machte daraus den Titel eines seiner Bücher: „Der Hass auf den Westen“. Doch Russland ist nicht mehr die Sowjetunion. Aus der ideologischen Debatte ist es nicht wegzudenken, soweit es um Fragen von internationaler Tragweite geht. Dazu gehört die immer wiederkehrende Frage: Ist Russland imperialistisch? In dieser Sache sind die Kommunisten gespalten. Dazu habe ich mich auf Le Grand Soir bereits geäußert (siehe „L’art du possible – la position des communistes face à l’invasion russe de l’Ukraine“ ; zu deutsch „Die Kunst des Möglichen – Die Position der Kommunisten zur russischen Invasion in der Ukraine“). Für die einen handelt es sich um einen interimperialistischen Konflikt, für die anderen vor allem um einen Befreiungskrieg, den Moskau in der Ukraine führt. Wie soll man sich positionieren? Die Zeiten sind verwirrend. In der entstehenden multipolaren Welt ist es schwer, eine irgendwie geartete ideologische Homogenität auszumachen. Venezuela ist links; Russland ist rechts; China … ein Land der Mitte? Natürlich könnte man ausführlich über das Wesen des aktuellen Konflikts, seine Bedeutung und seine Folgen diskutieren oder schreiben, aber vor Ort hat der Krieg zumindest den Vorteil, eine gewisse Klarheit zu schaffen: Er zwingt einen, Stellung zu beziehen.
„Russland ist konservativ und liberal, aber es ist das einzige Land, das gegen den Imperialismus kämpft“, betont Swetlana Tsiberganowa. Die junge Ukrainerin aus Donezk, ehemalige Aktivistin der kommunistischen Organisation Borotba, lebt heute in Moskau. „Die Militärische Sonderoperation ist lediglich ein weiteres Kapitel im ukrainischen Bürgerkrieg und man darf sich nichts vormachen: Viele Menschen im Donbass haben mit einer russischen Intervention gerechnet“. Als linke Aktivistin weiß Swetlana, welchen Preis ihr politisches Engagement in der Ukraine nach dem Maidan kosten konnte. Gejagt, eingeschüchtert, inhaftiert oder schlichtweg getötet: die revolutionären Aktivisten waren die ersten Ziele nationalistischer Bataillone und anderer Nazi-Anhänger. Von Wadim Papura, der 2014 bei dem Brand im Gewerkschaftshaus in Odessa lebendig verbrannt wurde, bis hin zur repressiven Verfolgung der beiden Anführer der Ukrainischen Kommunistischen Jugend, Michail und Alexander Kononowitsch, wurden alle progressiven Kräfte des Landes unterdrückt. Diese Knebelung der Opposition wurde mit der Intensivierung des Konflikts im Jahr 2022 weiter verschärft. Damals verbot Präsident Wolodymyr Selenskyj elf politische Parteien, mehrheitlich dem linken politischen Spektrum zuzuordnen, mit dem Vorwurf einer „prorussischen Orientierung“. Obwohl die russische Linke nicht an der Macht ist, genießt sie deutlich mehr politischen Spielraum als ihr ukrainisches Pendant.

Swetlana Tsiberganowa
„Die Linke unterstützt zwar nicht die Wirtschaftspolitik der russischen Regierung, wohl aber die Spezialoperation“, fasst Andrei Rozhkov, ein junger Kardiologe und Forscher an der Moskauer Staatlichen Medizinischen Universität, zusammen. Der Marxist traf sich mit uns in einem Café in der Hauptstadt, um seine Sicht auf den Konflikt darzulegen. 2013 lehnte der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch ein Angebot des Internationalen Währungsfonds ab, da ihm die Gegenleistung – eine Reihe von Strukturreformen unter dem Motto Austerität – zu unpopulär erschien. Im Gegenzug tendierte die Regierung zu der von Moskau angebotenen Finanzhilfe. Wir erinnern uns an die dann folgenden Ereignisse: die Unruhen in Kiew 2014, Scharfschützen, die in Menschenmengen feuerten, ein korrupter Präsident auf der Flucht und der Donbass in Flammen … „Acht Jahre lang hat Russland vergeblich nach einem Kompromiss mit seinen europäischen Partnern gesucht, um den Konflikt zu beenden“, erklärt Andrei. Für ihn war die Ukraine-Frage „der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte“ und Russland zu einem gewaltsamen Eingreifen zwang. „Viele halten das für Imperialismus, aber das liegt daran, dass sie die Begriffe verwechseln“, erklärt der junge Mann. „Russland nimmt international gesehen keine aggressive Wirtschaftsposition ein; seine Wirtschaft hat keine große Bedeutung.“ Mit diesen Worten paraphrasiert Andreis Analyse die anderer Genossen, insbesondere von Aymeric Monville[1], der in einem Artikel in Le Grand Soir erklärte, Russland habe (noch?) nicht die imperialistische Phase erreicht, da es „gemessen an internationalen Bankenrankings nach Marktkapitalisierung nur eine Bank unter den hundert größten der Welt“ habe – eine Situation, die mit der von Ländern wie Finnland, Norwegen oder Katar vergleichbar sei und in keiner Weise mit den wahren imperialistischen Zentren. Während er seinen Tee austrank, setzte Andrei das Gespräch mit einer interessanten Anekdote fort: „Innerhalb meines Berufsstandes gibt es eine Klassenspaltung, die mit dem Beginn der Spezialoperation entstanden ist. Die meisten Ärzte, die traditionell liberal und regierungskritisch sind, sind ab 2022 aus Russland in den Westen geflohen; auf der anderen Seite gibt es unter den Gesundheitsfachkräften mit geringerem Einkommen, wie Krankenschwestern oder Pflegekräften, echte Unterstützung für die Spezialoperation.“
Laut den meisten Meinungsforschungsinstituten, wie etwa dem Russischen Meinungsforschungszentrum WZIOM und dem Lewada-Zentrum, genießt Präsident Wladimir Putin weiterhin hohe Zustimmungswerte, auch wenn diese nach vier Jahren Krieg allmählich zurückgehen. Doch auf den Straßen Moskaus gibt es keinen Protest zu sehen, nicht einmal symbolischer Art. Es gibt keine Graffiti oder hastig aufgeklebten Antikriegsplakate: die Wände schweigen. Es ist auffallend, dass es keine Militarisierung des öffentliche Raumes gibt. Die Polizeipräsenz ist in Touristengebieten wie dem Roten Platz deutlich sichtbar, in anderen Teilen der Stadt jedoch diskret. Hin und wieder kontrolliert ein Streifenwagen einen Fahrer. Ansonsten wirkt Moskau nicht wie eine Hauptstadt unter extremer Überwachung, auch wenn man jedes Mal, wenn man eine U-Bahn-Station betritt, einen Metalldetektor passieren muss und jeder Rucksack durch einen Röntgenscanner durchleuchtet wird (sehr zur Freude von Erwan, der ständig seine Kameraausrüstung dabei hat). Auf den Straßen sieht man eine Art ziviler russischer „Zeitenwende“: es gibt viele chinesische Autos, viele westliche Ketten sind verschwunden und wurden durch lokale Versionen ersetzt, die deren Farbgebung imitieren: Vkusno i Tochka (Вкусно — и точка, „lecker, Punkt“) hat McDonald’s abgelöst, Rostic’s hat KFC ersetzt. Und um uns der Annäherung Moskaus an den Osten endgültig zu versichern, haben wir extra in einem neuen nordkoreanischen Restaurant zu Mittag gegessen, das erst kürzlich in der Hauptstadt eröffnet hatte.
„Die Sanktionen haben das Umdenken der herrschenden Eliten beschleunigt. Man hat die Notwendigkeit erkannt, eine eigene Industrie zu entwickeln und unsere Souveränität zu bewahren“, erklärt Katerina Volkova. Die Journalistin und Bloggerin betreibt einen Telegram-Kanal (mit über 10.000 Abonnenten) und einen Kanal auf VK, dem russischen sozialen Netzwerk. Die junge Frau lehrt außerdem politische Ökonomie und sieht sich als enge Vertraute des Ökonomen und Philosophen Michail Popow, dem Gründer der Arbeiterpartei Russlands (einer kommunistischen Organisation). In sehr strukturierter Weise beschreibt Frau Volkova die Entwicklung des Landes in den vergangenen Jahren: „Nach dem Fall der UdSSR, beschränkte sich die Wirtschaftspolitik der Regierung in den 90ern auf Privatisierung und Deindustrialisierung des Landes. Ab den 2000er Jahren wurde diese Praxis zurück gefahren, doch es gab keinen Plan zur Schaffung neuer Industrien. Im Jahr 2014 hatte die Krim-Krise die erste Sanktionswelle zur Folge. Ab diesem Zeitpunkt kam es zu einem Sinneswandel der herrschenden Kreise, und es begann eine eigenständige industrielle Entwicklung. Anfangs betraf dies vor allem den Militärbereich, erfasste aber schnell weitere Sektoren. Bis 2022 war das Land im Stande, die zweite Sanktionswelle zu verkraften.“ Laut der Wirtschaftswissenschaftlerin war die europäische Feindseligkeit gegenüber Russland paradoxerweise von Vorteil. „Wenn wir uns nur auf das BIP konzentrieren, könnten wir denken, es sei früher besser gewesen“, erklärt Frau Volkova, „aber das stimmt nicht. Früher waren wir ein Entwicklungsland; jetzt gibt es wirtschaftliche Souveränität, und vor allem spielt Russland wieder eine eigenständige geopolitische Rolle.“ Angesichts des Rückzugs der „westlichen Partner“ betont sie, dass China in vielen Sektoren die entstandene Lücke gefüllt habe. „Natürlich ist das kein Sozialismus“, fügt die junge Marxistin hinzu und relativiert damit ihre Aussage. „Russland bleibt ein kapitalistisches Land, aber ich denke, es bewegt sich in Richtung Staatskapitalismus.“

Katerina Volkova
Eine abendliche Taxifahrt durch die Straßen Moskaus bestätigt uns, dass das Land weit davon entfernt ist „am Boden zu liegen“, wie gewisse westliche Politiker es sich wünschen. Zu beiden Seiten hin ist die Stadt ein langes Lichterband: blinkende Leuchtreklamen, riesige Werbetafeln, die für die neuesten chinesischen Handys oder Lieferdienste werben, und das Licht aus tausenden Fenstern der Wohnhäuser wirft einen gelben Schein in den Nachthimmel. Hier und da tauchen farbige Scheinwerfer die Fassaden aus der Stalinzeit in Gold oder Orange und verwandeln die alten Gebäude in Raumschiffe, deren Nasen gen Himmel gerichtet sind. Für uns wird es eine kurze Nacht. Früh am nächsten Morgen müssen wir zum Bahnhof Paweletskaja, von wo aus wir den Zug nach Rostow am Don im Südwesten des Landes nehmen werden. Dies ist die letzte größere Stadt auf unserem Weg in den Donbass. Unser letzter Halt vor Donezk.
Das französische Original, Fragments russes, wurde von Heiner Biewer ins Deutsche übersetzt. Fotos: Freske: L. Ramirez, Portraits: E. Briand
[1] Gemeint sind Genossen der Autoren bzw. von Le Grand Soir. Aymeric Monville ist Philosoph und Mitbegründer des linken französischen Verlages Delga. Der junge Moskauer Arzt stützt sich auf die Imperialismus-Definition von Lenin (Anmerkung des Übersetzers)





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